DIE ZEIT: Seit zwei Jahren leiten Sie, Herr Oberender, die Berliner Festspiele. Was ist die wichtigste kulturpolitische Lektion, die Sie in dieser Zeit gelernt haben?

Thomas Oberender: Mit Jürgen Borchert gesprochen: Wir leben in einer "Kulturstaatsdämmerung". Es geht darum, unsere kulturellen Institutionen zu retten, und das auf anderen Wegen als bisher. Überforderte Kommunen und Länder werden nach Hilfe vom Bund rufen und seinen Maßgaben künftig mehr Raum geben.

ZEIT: Wie darf man sich das vorstellen, wenn der Bund entscheidet, was er fördert?

Oberender: Der Anteil des Kulturetats im Bundeshaushalt beträgt 0,4 Prozent. Der Großteil der Kulturausgaben wird bislang von den Ländern und Kommunen finanziert, wo er bei circa 1,9 Prozent liegt. Das wird, unter den Bedingungen der Schuldenbremse, ein immer schwerer umkämpfter Etat sein. Seit den Schröder-Jahren hat die Kulturförderung des Bundes ganz neue Formen gefunden: Das Amt des Kulturstaatsministers wurde geschaffen, genauso die Kulturstiftung des Bundes (KSB). Der Bund finanziert erstmals direkt Kultureinrichtungen und schuf sich Steuerinstrumente, die auf Projektebene Geld für evaluierbare Leistungen verteilen.

ZEIT: Was heißt das im Bereich der Kultur?

Oberender: Letzteres heißt Leistungen auf Zeit, auf Antrag, durch Gremien. Das entspricht dem Zeitalter des Projektkapitalismus und dem Entstehen einer kulturellen Infrastruktur neuen Typs: Ausstellungshäuser ohne Sammlung, Konzerthäuser ohne Orchester, Theaterhäuser ohne eigenes Schauspielensemble. Ein Großteil der kulturellen Dynamik unseres Landes entsteht inzwischen in dieser hoch qualifizierten Projektkultur. Allerdings oft zulasten der Künstler.

ZEIT: Führt nicht die gezielte Projektförderung zu einem fruchtbaren künstlerischen Wettstreit um die öffentlichen Gelder?

Oberender: Na ja, bislang führt das eher zu einem Bieterverfahren der Kreativen.

ZEIT: Wo ist das Problem?

Oberender: Die Künstler und Projektarbeiter stehen am entsicherten Ende der Verwertungskette. Ihr Lebensstandard sinkt. Das gilt, in abgemilderter Form, auch für die Mitarbeiter in den traditionellen Kultureinrichtungen der Städte und Länder. Laut Bühnenverein betrugen die Spareffekte hier allein im laufenden Jahr 300 Millionen Euro. Und die Institutionen neuen Typs, sowohl die Häuser wie auch die Fonds und Stiftungen, haben kaum Geld, das sie an Künstler und Kuratoren zum Produzieren geben können. Wir müssen also unsere Institutionen schützen, das ist das Wichtigste. Und wir müssen sie in einigen Bereichen neu organisieren, bevor sie Burn-out-Laboren gleichen.

ZEIT: Die zur Verfügung stehende Summe, das wissen Sie, wird vermutlich nicht steigen.

Oberender: In einer Unterernährungsphase über Diäten zu sprechen ist unsinnig.