Keiner konnte so erfolgreich scheitern wie Christoph Schlingensief. Seine Kunst begann erst wirklich jenseits des Scheiterns. Seine Kunst begann sich von sich selbst zu befreien.

Klar, immer schon waren Künstler gescheitert, an der Gesellschaft, an der Welt oder an sich selbst. Aber die Kunst der Kunst ist es ja, dieses Scheitern zu verschleiern. In Rekordumsätzen auf Auktionen, in angestrengten Diskursen, in der Einrichtung des Museums. Immer dreht sich die Gesellschaft ihre Kunst so, dass sie am Ende etwas bedeutet und ihr nutzt. Christoph Schlingensief machte da nicht mit.

Deswegen hat man ihm das Etikett eines Enfant terrible angehängt, deswegen fiel man nur zu gern auf Oberflächenskandale herein, auf das "Tötet Helmut Kohl" oder die wiederkehrende Metapher des Kannibalismus. Um nicht zu sehen, dass Schlingensiefs Angriff auf die Kunstwelt und den Rest der Republik viel ernster war.

Jetzt, drei Jahre nach seinem Tod, erinnert eine große Retrospektive in Berlin an ihn und daran, dass seine radikale Kunst in einer Zeit entstand, als alle Revolten beendet schienen. Das war in den achtziger Jahren, die wir im Nachhinein wohl als das Jahrzehnt der großen Konventionalisierung betrachten. Es steckte etwas vom Spirit des Punk in Schlingensiefs Kunst. Wo Konformismus herrscht, hilft nur Selbstermächtigung.

Natürlich stellt sich die Frage, wie hat er das gemacht, der Christoph Schlingensief? Zunächst gibt es dafür schlichte technische Antworten: Es ging in seinen Filmen, in den Installationen, den Bühnenstücken, Aufführungen im öffentlichen Raum wie der Containeraktion und "Bitte liebt Österreich!", in Operninszenierungen in Bayreuth oder Manaus erst einmal darum, die Grenzen zwischen der Kunst und dem Leben aufzulösen. Das sagt sich so leicht und ist Programm in der Kunst, seitdem jemand auf die Idee kam, nicht für die göttliche Ordnung und das Wesen der Dinge, sondern für ein Publikum zu arbeiten. Aber meistens bleibt es bei symbolischen Handlungen, Publikumsbeschimpfungen oder Happenings. Hingegen treffen sich bei Schlingensief alle Ideen zu ebendiesem Zweck: die Kunst, die immer willkürlich bleibt, und die Wirklichkeit, die immer politisch ist, aufeinander loszulassen.

Wer sind die Zuschauer und wer die Akteure? Wer ist "echt" und wer "Abbildung"? Wo ist das Theater im Leben und das Leben im Theater? Wer in ein Schlingensief-Werk gerät, freiwillig oder nicht, ist verloren. Seine Kunst erreicht die Tempel der Hochkultur und rumort in den Niederungen der Medienmaschinen, sie verlässt das Museum und zieht um die Häuser, sie zerrt das Private ins Politische und das Politische ins Private, sie reicht nach Brasilien und schließlich ins Schlingensiefsche Höllenparadies Afrika. Und umgekehrt zieht sie die Dinge in sich hinein wie in ein Labyrinth, private Gegenstände, Familienromane, Politiker, Paare, Passanten ... Wir sehen mit den Augen der Kunst die Wirklichkeit, wie sie mit ihren Augen die Kunst sieht, die ihrerseits nun mit den Augen der Wirklichkeit zurücksieht.

"Die Kunst ist ausgebrochen", das war eines seiner wunderbaren Schlagworte, die immer zugleich zu viel und zu wenig Diskurs enthalten, sich immer zugleich ganz und gar richtig anhören und sich bei näherem Hinsehen poetisch verflüchtigen. Wie eine Krankheit, wie eine Gefangene ist sie ausgebrochen, die Kunst. Aber warum muss die Kunst ausbrechen? Aus ihrem Gefängnis, aus ihrem ewigen Latenzzustand? Christoph Schlingensiefs Kunst bestand darin, Dinge aufeinander loszulassen, weil die Ordnung, in der sie zueinander stehen, durch und durch falsch ist.

Das begann mit den Filmen, die zugleich eine Linie des Erzählfilms aus dem Neuen Deutschen Film fortsetzen und die Techniken des Experimentalfilms nutzen wollten. Sie wirken wie die wundersame, freejazzige Komposition von cineastischen Fehlern. Das Fehlermachen war überhaupt der radikale Anspruch dieser Kunst. Der letzte rebellische Anspruch des menschlichen Faktors. In einem seiner Interviews (die, nebenbei gesagt, allesamt Dokumente großartigen bis albernen Scheiterns "ordentlicher" Kommunikation sind), behauptete Christoph Schlingensief, er wäre gern der "Fehlermann der Nation".

Das setzte sich fort in den kreisenden Konfrontationen mit zwei innig gehassliebten Vorbildern, Rainer Werner Fassbinder und Joseph Beuys. Schlingensief setzte das Scheiternde in ihrer Kunst fort und zerstörte das Mythische darin. Denn ihn interessierte nicht das Fetischhafte, nicht der Tempel der Kunst, in dem sich alle Widersprüche fügen, sondern im Gegenteil, der Aufbruch, das Wagnis: Es ist in den Köpfen. Vielleicht.