Nebel wabern durchs Tal der Emme. Nicht einmal richtig hell will es heute werden, an diesem trüben Novembertag. Die Vögel schweigen. Dafür leuchtet das Grün der Wiesen in der wassersatten Luft besonders intensiv. Fast giftig. Ich sitze auf einer Bank am Fluss und ziehe mein Handy aus der Tasche. Wähle 043/500 37 12, gebe den Code 30620 ein – und zwei markerschütternde Schreie gellen aus dem Telefon.

Ich will mich soeben erschrecken, da meldet sich eine sympathische helvetische Männerstimme: "Grüessech. Viel Vergnüege off’m Ämmitaler Mords- und Spukg’schichte’wäg." Derselbe Herr liest mir nun eine Geschichte vor, Und dann ist nichts mehr wie zuvor von Cornelia Leuenberger. Darin geht es um einen Emmentaler Käsehändler, der scheinbar etwas Böses plant, doch am Schluss stellt sich heraus, dass er bloß heiraten möchte.

Der Käsehändler wohnt auf der Rothöhe über dem Dorf Oberburg, und wie es der Teufel will, bin ich hier gerade in Oberburg und schaue auf das Restaurant Rothöhe am Hang. Auch die mächtigen Bauernhäuser, von denen der Erzähler spricht, sehe ich, nur haben sie bei diesem Wetter ihre Dächer noch weiter als sonst heruntergezogen. 23 Minuten währt die Mordsgeschichte ohne Mord. Schon nach fünf Minuten bekomme ich kalte Füße.

Natürlich wollte nicht der Teufel, sondern der Emmental-Tourismus, dass ich entdecke, welche überdeutlichen Bezüge es zwischen der Geschichte und der Landschaft um mich herum gibt. Im Juni wurde der "Emmentaler Mords- und Spukgeschichtenweg" eröffnet. Zwanzig Bänke hat man ausgewählt und dazu passend zwanzig Kriminal- oder Spukgeschichten von Autoren aus der Region. An jeder Bank wurde ein kleines Schild montiert, darauf stehen die GPS-Koordinaten, eine Telefonnummer und ein Code. Mit dem Navi sucht man die Bank, ruft an und hört die passende Story.

"Schaudern garantiert!", versprechen die Macher, die dem Touristen einen neuen Blick aufs Emmental ermöglichen wollen: Ausnahmsweise soll es nicht um den weltbekannten Löcherkäse gehen. Nicht um das satte, sonnige Land voller friedlicher Menschen, nicht um die "Schweiz der Schweiz", wo sich Alphornbläser zum Wettstreit treffen und "Hosenlupfer" einander beim "Schwingen" ins Sägemehl werfen. Sondern um die Kehr- und Schattenseiten der Provinz, um Mord und Totschlag, Untote und Geister.

Ich wandere weiter emmeaufwärts, zur Rechten die Staatsstraße 23, die ins obere Emmental führt. Die nächste Hörbank hätte ich fast verpasst – das Hinweisschild ist geklaut. Diesmal höre ich eine Geschichte von Christine Brand, Lochbach-Geist. Knapp eine Stunde ist sie lang. Aber es geht gleich zur Sache. "Das Messer glitt in seinen Körper hinein wie in ein Schweinesteak", berichtet die Mörderin, "wer hätte gedacht, dass Töten so einfach ist!" Emmesteine kommen vor, ein Polizist namens Käsermann und der gespenstische Tatort, der Gasthof Lochbad-Bad. Der nennt sich heute Brasserie und liegt auf der anderen Flussseite, in meinem Rücken also.

Vor mir schleppen sich Güterzüge die Bahnlinie Zürich–Bern hoch, in Richtung Lötschbergtunnel. Jogger rennen an mir vorbei. Schaudert’s mich schon, wie versprochen? Ein wenig komme ich mir vor wie der Bursche im Grimmschen Märchen Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen – ach, wenn mich’s nur gruselte!

Am Ende der Straße beginnt der finstere Tann

Um dem Spuk auf die Spur zu kommen, steige ich im nächsten Bahnhof in einen Zug der traditionsreichen Alpenbahngesellschaft Bern–Lötschberg–Simplon. Die Landschaft, die im unteren Emmental zunächst kaum aufregender als in Niedersachsen ist und später in freundliches Hügelland übergeht, gewinnt hier an Ernsthaftigkeit. Manche Erhebungen ragen schon steil in die Höhe, der nackte Sandstein wird sichtbar. In den harmlosen Laubwald mischen sich düstere Fichten. Vielversprechend düster.

In Langnau treffe ich Verena Zürcher. Sie ist Verlegerin und steckt, so habe ich gehört, hinter der Kriminalisierung des Emmentals. Sie lädt mich in ihr schlechtwegtaugliches Auto und fährt los. Es ist 17 Uhr, draußen dämmert es. Weiter talauf biegen wir links ab, und dann geht’s hoch hinauf. Auf 900 Meter Höhe liegt der erste Schnee des Jahres. Am Ende der Straße beginnt der finstere Tann.

Wir verlassen das Auto und wandern einen Forstweg entlang. Auf der anderen Talseite gehen die ersten Lichter an. Tief hängen die Wolken. An einem schönen Tag hätten wir jetzt Aussicht auf die Berner Alpen mit Mönch, Eiger und Jungfrau. Aber heute ist kein schöner Tag. Die Verlegerin zündet sich eine Zigarette nach der anderen an – ist sie nervös? Auf einer zugigen Lichtung bleibt sie stehen und erzählt vom Stauffenjutzi.

Der Stauffenjutzi war ein Knecht, der hier im Tal lebte. Er konnte wunderschön jodeln (Emmentalerisch: jutzen). Damit betörte er die Frauen, was in drei Fällen zu Schwangerschaften führte. Er hätte sie jeweils heiraten müssen. Stattdessen brachte er sie um. Dafür wurde er geköpft. Seitdem spukt der Unhold mit dem Kopf unterm Arm herum.