Wir leben in der größten DDR der Welt! So bejubelte das Volk im SED-Staat dessen propagandistische Geltungssucht. Unvergessliche Parole: "In der Schule, auf dem Bau / schaffen wir das Weltniewau." Weltniewau erreichte die DDR bei der Grenzsicherung und im Eiskunstlauf – und abenteuerlicherweise auch in einer Kunst, die Honeckers Regime wenig am Herzen lag: Jazz.

Jugendlichen unter 50 ist das kaum bewusst. Jüngst beim Berliner Jazzfest erleuchteten silberne Schöpfe eine historische Nacht. In der Akademie der Künste stieg das Jubilee für den Vater des DDR-Free-Jazz: Ernst-Ludwig Petrowsky; am 10. Dezember wird er 80. Mit Stock, Hund und Altsaxofon erklomm "Luten" die Bühne, schnackte sarkastische Schnurren und blies drei Konzerte mit wechselnder Genossenschaft. Das Finale bestritten jene Altmeister, die sich einst Synopsis nannten, später Zentral-Quartett: Petrowsky, Posaunist Conny Bauer, Pianist Ulrich Gumpert und der Universal-Schlagzeuger Günter Sommer. 1973 triumphierten sie beim Warschauer Jazz Jamboree. Und brachten die Fackel heim.

Fortan boomte Free Jazz in der DDR, vornehmlich in Orten mit studentischem Publikum. Nicht nur Berlin, Leipzig, Dresden boten Bühnen. Auch in Ilmenau, Freiberg, Glauchau entstanden Jazz-Clubs, deren Feuer bis heute brennt. Hippiges Fanvolk trampte durch das kleine Land und vernetzte sich zur egalitären Szene. Die Musiker waren nahbare Helden. Wer ihren unregierten Klängen lauschte, fiel nicht in den Marschtritt der Ideologie.

Zum Mekka wurde das Städtchen Peitz bei Cottbus. Dort etablierten Peter "Jimi" Metag und Ulli Blobel die Peitzer Workshops. Sechsmal im Jahr versammelten sie Improvisatoren der DDR und Osteuropas, bald auch Koryphäen aus dem Westen. Das Peitzer Kino: eine Freistatt der Ohrenpilger. Auch gastronomisch gab es mehr zu hören als zu sehen: In der blau gequalmten Bier-und-Bockwurst-Kneipe betrug die Sichtweite etwa zwei Meter.

Über künftige Konzerte informierten Metag & Blobel mit hektografierter Fünf-Pfennig-Post und via Flüsterpropaganda. Die wahre DDR war ein mündliches Land. Peitz sprach sich herum, zog magnetisch an, wuchs. Zum Woodstock am Karpfenteich wurde das Open-Air-Wochenende im Juni 1981. Zweieinhalbtausend Camper vertilgten eine Brathuhn-Farm, schluckten die komplette rumänische Rotweinernte und berauschten sich am Klanggebräu von Elton Dean’s Ninesense, Gunter Hampels Galaxie Dream Band, Trevor Watts’ Amalgam ... Luten Petrowsky klarinettierte mit den transelbischen Kraftgebläsen Peter Brötzmann und Perry Robinson. Günter Sommer betrommelte Peter Kowald und Leo Smith im Trio Chicago – Wuppertal – Dresden. Denn eines verlangten die Kultur-Erlauber der DDR: Keine gesamtdeutsche Formation! Wenn Zusammenspiel, dann nur im internationalen Verbund!

Den Westmusikern erschien die DDR als Free-Jazz-Paradies. Daheim erfreuten sie ein paar Dutzend Unentwegte, im Osten lauschten emphatische Mengen. Gage gab es freilich nur in Mark der DDR. Mit diesem "Indianergeld" war im Westen wenig anzufangen. Man konnte es im Reservat versaufen. Oder Instrumente kaufen.

Und dann, 1982, war Schluss mit Peitz. Der Staat verbot, was er nicht domestizieren konnte.

Jetzt aber sollte man wieder gen Cottbus fahren, zur Ausstellung Free Jazz in der DDR. Weltniveau im Überwachungsstaat im Kunstmuseum Dieselkraftwerk. Der industriehistorische Klinkerbau erhebt sich im Goethe-Park, hinter dem Amtsteich. An dessen Ufer zitiert eine geschnitzte Tafel Goethes Zahme Xenien – wie gedichtet für die zwangssesshafte DDR: "Du sehnst dich weit hinaus zu wandern / bereitest dich zu raschem Flug. / Dir selbst sei treu und treu den andern / dann ist die Enge weit genug."

Vom Aufstand gegen solche Selbstbescheidung handelt die multimediale Exposition. Man hört Musik, man sieht die wohlvertrauten Plattencover, die Plakate assoziierter Künstler, die meisterlichen Fotos von Matthias Creutziger. Interviews lauschend, entsinnt man sich der eigenen Emanzipation – nicht nur vom SED-Staat, sondern auch von der älteren Generation, jener blasmusikalischen Volksgemeinschaft, die aus Hitlerdeutschland stammte. "Das Besondere am Jazz in der DDR erwuchs aus der besonderen geopolitischen Lage der DDR", so erklärte es Ernst-Ludwig Petrowsky. "Ein Land, eingemauert zwischen Ost und West, (...) im Ohr und im Gemüt noch den Nazi-Marsch, im Nacken den Stalin-Panzer und die große, aber swinglose russische Seele. Darüber: den deutschen Stalinismus ..."

Und plötzlich war der Staat perdu

Den Nazis war Jazz "verjudete Negermusik", ergo "entartet". In der frühen DDR galt er als dekadentes Getön des US-Imperialismus. Das SED-Verdikt fiel in den sechziger Jahren, auch dank gefeierter DDR-Gastspiele von Louis Armstrong und Ella Fitzgerald. Jazz promovierte kulturideologisch zur Widerstandsmusik der unterdrückten Farbigen der USA. Dieser schöne Kompromiss rettete beides – die Musik und den Antiamerikanismus der SED. Selbst Free Jazz besorgte die Partei weniger als Rockmusik. Jazzer transportierten keine Texte. Mochten diese Verrückten hupen, sägen, klappern, wie sie wollten – ihre Unbotmäßigkeit blieb nonverbal. Sie dekonstruierten Metrum und Harmonie, aber nicht den Staat. Zu dessen freudiger Verblüffung zeigte sich der Westen interessiert. Die Konzert- und Gastspieldirektion der DDR erkannte, dass nicht nur Peter Schreier und der Dresdner Kreuzchor internationalen Beifall (und Devisen) verschafften, sondern auch die Freitöner des Arbeiter-und-Bauern-Staats. Man ließ sie reisen.

Die meisten kamen zurück. Drüben blieb schon 1966 Joachim Kühn, Leipzigs pianistisches Wunderkind. 1977 ging dann der Große Gatsby des Ost-Jazz, der Trompeter Klaus Lenz. Dessen Big Band war eine Talentschmiede gewesen, ein Durchlauferhitzer für viele nachmals berühmte Solisten. Alles Wichtige erzählt Rainer Bratfischs Sammelband Freie Töne. Die Jazzszene in der DDR. Das vielstimmige Buch liest sich wie eine polyfone Landeskunde. Ostalgischer Verklärung wehrt ein Zitat des Gitarristen Helmut "Joe" Sachse: "Was steht immer auf den Büchsen drauf? 'Im eigenen Saft'? So ungefähr war das auch mit dem Jazz in der DDR."

Der Dableiber Sachse und der Fortgeher Uwe Kropinski eröffneten mit einem Gitarrenkonzert die Cottbuser Ausstellung. Erschaffen hat sie das "Erinnerungslabor Berlin" der beiden Kuratoren Stefanie Wahl und Albrecht Ecke. Während der Vorbereitung erlebte Ecke einen beglückenden Rücksturz ins Jahr 1975. Damals begann er sein Kybernetik-Studium, in Magdeburg. Dort wurde Free Jazz zum Soundtrack seines Lebens – für eine Zeit, die ihm nun wiederkehrte. Aber vorher musste sie vergehen, wie auch Peitz verging, der Wildermut der Pilger und die ungezügelte Epoche der Petrowsky-Generation. Nachwachsende Ost-Jazzer wie Axel Donner und Volker Schlott banden sich an ältere Formen. Die Punk-Jugend der achtziger Jahre war weniger an Musik als an Verweigerung interessiert. Die alles übertönenden Schlussakkorde der musikalischen DDR setzten Bob Dylan, Joe Cocker, Carlos Santana, James Brown, Bruce Springsteen, zu deren Ostberliner Konzerten Hunderttausende strömten.

Und plötzlich war der Staat perdu.

Aber das Land ist noch da. Und die Musik – nicht nur als Erinnerung. Die Alten spielen unverzagt, auch mit junger Brut. Günter Sommers Schüler Christian Lillinger gilt als Jazz-Deutschlands wildes Drum-Kid. Der Pianist Oliver Schwerdt zog von Eisenach gen Leipzig wie weiland Johann Sebastian Bach und gründete das Plattenlabel Euphorium. Mit Sommer und mit Petrowsky hat Schwerdt fein ziselierte Platten eingespielt. Jetzt, zu Petrowskys 80. Geburtstag, erscheint Big Pauer vom New Old Luten Quintet. Der Vorläufer White Power Blues präsentiert das New Old Luten Trio: Großvater Petrowsky mit den Enkeln Lillinger und Schwerdt, alias Elan Pauer. Das Titelstück währt 36 Minuten. Erst in den letzten Sekunden wird es formal zum Blues, feucht und satt geblasen à la Charlie Parker, den Luten so liebt. Doch sein Blues ist kein Amerikaner, sondern stammt aus Güstrow, benachbart Ernst Barlach und Uwe Johnson.

Eine Petrowsky-Ermahnung darf zum Schluss nicht fehlen: "Es gab Zeiten, in denen extreme, dilettantenhafte Free-Jazz-Auswüchse von einem relativ großen Publikum über Gebühr honoriert wurden." Und es wachte mitunter in diesem Publikum eine "Jazz-Polizei" allwissender Avantgardisten, die Puls, Melodie und ähnlich schaurige Relikte der Unterhaltungskunst mit ätzender Verachtung straften. Diese Verächter wurden auch gestraft: mit einem Leben ohne Rock, Folk, Bluegrass, Bebop und Bach. Free Jazz ist nicht Dogma, sondern Ermutigung, so wahr Arno Schmidt nicht Theodor Fontane widerlegt und Otto Dix nicht Otto Modersohn. Wer alle Konventionen meidet, ignoriert Geschichte und begegnet nur sich selbst. Die Free Jazzer der DDR kommunizierten. Sie lebten Fantasie und Individualität. Sie wurden keine Opfer des Systems. Statt Freiheit einzuklagen, nahmen sie sich Freiheit und gaben sie an uns weiter. Das bleibt. Gelernt ist gelernt.