Nach verlorener Bundestagswahl und engagierter Diskussion über den politischen Standort der Grünen gibt es jetzt einen Anlauf für ein schwarz-grünes Bündnis in Hessen. Ob das sinnvoll ist, können nur die Hessen entscheiden. Aber die politischen Kommentatoren und Chefanalytiker arbeiten fast ausschließlich mit machtpolitischen Kategorien. Das ist durchaus verständlich, da Politik in einer Demokratie bedeutet, Mehrheiten für die eigenen Positionen zu finden. Doch eine strategische Antwort ist noch keine substanzielle Selbstbeschreibung. Die Grünen müssen sich klar darüber werden, was für eine Partei sie sein wollen.

Dass die Partei bei der letzten Bundestagswahl so viel schlechter abgeschnitten hat als erhofft, hat seinen Grund nicht nur in aktuellen Ereignissen, sondern hat etwas mit der weltanschaulichen Herkunft der Partei zu tun und dem philosophischen System, in dem sie sich verordnet. Und da gibt es noch immer Widersprüche aufzuarbeiten. Denn einerseits haben sich die Grünen immer als programmatische Zukunftspartei verstanden, die die Gesellschaft formen will. Andererseits gibt es eine Tradition, nach der den Grünen durch die Geschichte selbst recht gegeben wird. Auf der einen Seite Aristoteles und Kant, auf der anderen Rousseau, Heidegger und die Romantik. Und es ist dieser zuletzt genannte Traditionsstrang, der im Bundestagswahlkampf zu einem habituellen Überlegenheitsgefühl bei den Grünen geführt hat, das davon absieht, dass Parteien im Wahlkampf mit Argumenten überzeugen müssen, statt den Eindruck zu erwecken, die Weisheit mit Löffeln gefressen zu haben.

Die Empfänglichkeit für diese Überlegenheitsattitüde findet sich schon in der Gründungsgeschichte der Grünen. Grundsatzentwürfe und Fundamentalkritik bestimmten damals das Bild der Partei. Ich selbst bin während der Regentschaft Helmut Kohls politisch sozialisiert worden. Das Gefühl, dass sich irgendwie nie etwas ändern wird, werde ich mein Leben lang nicht vergessen, auch wenn ich inzwischen selbst Veränderungsprozesse gestalten kann. Vermutlich tragen hingegen Menschen, die mal in K-Gruppen unterwegs waren, das Gefühl mit sich herum, dass man die Welt von einem Überbau aus gestalten kann. Das Wort "Masterplan" steht in der Politik dafür. Es sagt: Ich weiß, wie es geht, und die Wirklichkeit muss sich nach meinem Plan richten. Die Wahrheit des Überbaus sucht sich ihre Basis.

Zu wissen, was man will, einen Plan zu haben, werteorientiert zu handeln, das ist dabei ausdrücklich nicht das Problem. Im Gegenteil, in einer Zeit der gefühlten Austauschbarkeit der Parteien und der inhaltlichen Verflachung und Alternativlosigkeit ist die Besinnung auf Grundsätze und Werte dringend nötig. Das Problem ist nicht das Grundsätzliche; das Problem ist die Verwechselung von Politik mit Richtig und Falsch.

Die grüne Geschichte prägt das Regelwerk der Partei bis heute. Aus Gründen der Gleichstellung der Geschlechter gibt es Doppelspitzen, aus Gründen des Machtmisstrauens gibt es die strikte Trennung zwischen Mandatsträgern und Parteistrukturen. Andererseits gibt es ausgeprägte Flügel, um Machtansprüche abzusichern; Flügelarithmetik und Machtteilung sind gegenläufige Bewegungen, die ein ausgeklügeltes System von Kontrolle und Balance bedeuten. Solange alles gut geht, ist das ein schönes System, das politische Verantwortung breit streut. Wenn aber die Dinge in die falsche Richtung laufen, ist schwer festzustellen, wer eigentlich verantwortlich ist. Alle und niemand. Das ist aber nicht zufällig so, sondern stammt aus der Geschichte der Grünen als Bürgerbewegung. Früher hießen die Bundesvorsitzenden nicht Vorsitzende, sondern Sprecher. Als Sprecher sollten sie das artikulieren, was die Partei als richtig erkannt hatte, auch wenn sie es vielleicht nicht zu formulieren vermochte. Die Idee hinter dem "Sprechertum" ist so etwas wie ein politischer Allgemeinwille, eine Rousseausche volonté générale, die die Interessen bündelt. Doch die Artikulation eines "allgemeinen Willens" ist zumindest tendenziell vorschreibend. Nun ist es gewiss nicht das Problem der Grünen, zu wenig Demokratie zu wagen, wo schon wenige Kreisverbände einen Sonderparteitag beantragen können; aber der moralische Impetus, dass es ein Allgemeinwohlinteresse gibt und jeder, der dieses Interesse nicht teilt, nur private Einzelinteressen verfolgt, ist mit ihm verwandt.

Rousseau war der wirkmächtige Pate vieler revolutionärer Bewegungen. Dort, wo es keine demokratische Meinungsbildung gibt, haben seine Ideen Kraft. Aber mit dem Schritt weg von der Bewegung und hin zu einer Partei hat dieser Rousseauismus ausgedient. Und die Sprecher heißen inzwischen folgerichtig Vorsitzende. Dieses Verständnis von der Partei als Bewegung überdauerte die Gründungsjahre der Grünen und spiegelt sich im ökologischen Gedanken. Der Gedanke der Natur als Gegenbild zur Zivilisation, reiner und besser als die Gesellschaft, Natur als idealer Urzustand – das ist ebenfalls eine höhere Wahrheit. Zivilisationskritik, Schöpfungstheologie, Wert an sich – "Natur" ist ein Gegenkonzept zu allem.