DIE ZEIT: Herr Wüthrich, Sie haben Ende der 1980er Jahre erfahren, dass Sie HIV-positiv sind, angesteckt von Ihrem damaligen Partner. Sie sagen, dass Sie ihm verziehen haben. Trotzdem: Wie konnten Sie damals weiterleben?

Daniel Wüthrich: In meiner Familie sind die Leute früh gestorben. Meine Mutter mit 56, mein Vater mit 44. So habe ich begriffen, dass der Tod zum Leben gehört. Was anfängt, muss auch wieder aufhören. Diese Vorstellung hat mir geholfen, meine HIV-Infektion zu akzeptieren. Außerdem nahm ich mir von Anfang an vor, in meinem Umfeld offen darüber zu reden.

ZEIT: Das muss für die Leute Ende der achtziger Jahre ein Schock gewesen sein.

Wüthrich: Meine Offenheit hat wirklich viele geschockt. Kaum jemand wusste, was Aids war. Begriffe wie Schwulenpest geisterten herum. Niemand hatte eine Ahnung, wie er mit mir umgehen sollte. Unter diesen Umständen hatte ich viel Glück. Etliche Freunde unterstützten mich, und mein Arbeitgeber zeigte sich fair und anständig. Bitter war die Reaktion meiner Exfrau, die sich von mir abwendete und mir fünf Jahre lang den Kontakt zu unseren kleinen Söhnen verwehrte. Inzwischen habe ich aber zu allen ein sehr gutes Verhältnis. Meine Söhne haben von der Pubertät an einige Jahre bei meinem Lebenspartner und mir in einem Engadiner Dorf gewohnt. Mein Bruder allerdings behandelt mich noch heute wie Luft. Das ist mir egal. Er ist trotzdem immer noch mein Bruder.

ZEIT: Seit mehr als zehn Jahren sind Sie nicht mehr erwerbstätig. Wie verbringen Sie Ihre Tage?

Wüthrich: Sie sind kurz. Zwölf Stunden, nicht länger. Um neun Uhr stehe ich auf und schlucke meine Medikamente, abends um neun erfolgt das gleiche Prozedere. Tagsüber kaufe ich ein, koche, wasche und gehe zweimal mit Yuki, meinem Hund, raus. Die Spitex unterstützt mich im Krankheitsfall, dazu putzt eine gute Frau einmal pro Woche und schaut nach dem Rechten. Mein Partner ist Gynäkologe und arbeitet voll.

ZEIT: Sie schlucken seit Jahren täglich zwischen 30 und 40 Tabletten, unvorstellbare Mengen.

Wüthrich: Aktuell sind es 36. Die einen sind meine HIV-Medikamente, ein weiteres dient nur dazu, die Wirkung eines dritten zu potenzieren. Dazu kommen Insulin, drei verschiedene Schmerzmittel, etwas gegen Herzschwäche und vieles mehr. In den Anfangszeiten musste ich alle sechs Stunden etwas einnehmen. Mal aufgelöst in Wasser, mal nicht, mal vor dem Essen, mal nachher. Gott sei Dank hatte meine Schwiegermutter einen Wecker aufgetrieben, der viermal pro Tag klingelte und mich an die Termine erinnerte. Im Vergleich dazu finde ich es heute richtig bequem.

Wenn ich dann antworte, dass meine Aids-Medikamente zu Boden gefallen sind, ist schlagartig Ruhe, und ich habe für den Rest der Vorstellung viel Platz. Man rückt diskret von mir ab.
Daniel Wüthrich

ZEIT: Wie bringen Sie all die Tabletten runter?

Wüthrich: Mit Wasser. Wenn ich im Schauspielhaus Zürich sitze, geht’s auch trocken. Dumm ist nur, wenn mir eine Tablette runterfällt und ich zwischen den Beinen der Leute herumkriechen muss, um sie zu suchen. Ist alles schon vorgekommen, und sofort zischt jemand: Was suchen Sie? Wenn ich dann antworte, dass meine Aids-Medikamente zu Boden gefallen sind, ist schlagartig Ruhe, und ich habe für den Rest der Vorstellung viel Platz. Man rückt diskret von mir ab.

ZEIT: Welcher HIV-bedingte Verlust schmerzt Sie am meisten?

Gehstock statt Ausdauersport

Wüthrich: Dass ich nicht mehr die Vitalität von früher habe. Ich war einst sehr sportlich, habe auch Langstreckenlauf betrieben. Jetzt bin ich mit dem Zerfall meines Körpers konfrontiert. Wegen meines Fußes muss ich am Stock laufen. Mein eingefallenes Gesicht und meine dünnen Arme und Beine sind eine Folge der HIV-Medikamente, die alle Fettpolster ausgemerzt haben.

ZEIT: Sie wirken trotzdem nicht resigniert.

Wüthrich: Nein. Ich habe miterlebt, wie meine Eltern krank waren. Meine Mutter hatte zwei Schlaganfälle und konnte sich am Schluss nicht mehr bewegen. Sie war total unzufrieden und sah nur noch schwarz. Das fand ich grauenhaft, und ich habe mir geschworen, mich in einer vergleichbaren Situation anders zu verhalten. Ich hatte auch Glück, zum Beispiel mit meinem Partner, mit dem ich jetzt ins 18. Jahr gehe. Gleichzeitig habe ich aber auch die Verantwortung für mein Leben übernommen. Ich war mir der Bedrohung, des Damoklesschwerts, das über meinem Leben hängt, immer bewusst. Anders als die junge HIV-Generation, die nur noch eine einzige Tablette pro Tag schlucken muss und Aids für eine Lappalie hält.

ZEIT: Aus der tödlichen Krankheit Aids ist eine behandelbare chronische Krankheit geworden. Beneiden Sie jüngere Betroffene um etwas?

Wüthrich: Nein, um absolut gar nichts. Vor allem auch nicht um die gesellschaftlichen Umstände, in denen sie leben müssen. Die heutigen HIV-Infizierten kommen zwar mit einer Tablette aus, aber sie leiden noch unter den gleichen Hemmungen und Sorgen wie wir seinerzeit. Der Großteil versteckt sein Schwulsein lange Zeit. Wer dann noch von HIV betroffen ist, erlebt oft eine Katastrophe und verschweigt die Infektion mitunter seinem nächsten Umfeld.