"Krebs – das hat mir gerade noch gefehlt"

Draußen dämmert es schon, als Helmut Dietl die Tür öffnet. Er empfängt im dritten Stock eines Jugendstilbaus in München-Schwabing. Es ist still im Haus, die dicken Mauern verschlucken jedes Geräusch von außen. Das Licht im Flur ist matt. In dieser Wohnung hat Dietl lange gelebt, heute zieht er sich hierher für Wochen oder auch Monate zurück, wenn er an seinen Drehbüchern schreibt. Er trägt eine schwarze Trainingshose und weiße Turnschuhe, das silbergraue Haar halb lang. Sein Gesicht ist leicht gebräunt. Er sieht jünger aus, als sein Alter vermuten ließe, Dietl ist 69 Jahre alt. Eine Woche vorher hatte er angerufen: Es gehe ihm sehr schlecht. Ob wir sprechen könnten?

DIE ZEIT: Was ist mit Ihnen?

Helmut Dietl: Ganz einfach. Es war Ende September, da wachte ich eines Sonntagmorgens auf und hatte Schluckbeschwerden. Das wurde immer schlimmer. Am nächsten Tag bin ich zu meiner Ärztin gegangen, die mich dann zu einer radiologischen Untersuchung geschickt hat, gleich am selben Tag noch. Es war eine Jugularis-Thrombose, die Thrombose einer Halsvene. Die wollten, dass ich sofort ins Krankenhaus gehe. Aber ich habe zu Hause erst einmal im Internet nachgeschaut, was eine Jugularis-Thrombose genau ist. Da stand, dass es in manchen Fällen, nicht so häufig, ein Zeichen für einen bösartigen Tumor ist. Ich dachte: "Na ja, wird wohl in meinem Fall nicht so sein."

ZEIT: Ganz untypisch für Sie, weil Sie sonst immer ...

Dietl: ... weil ich immer das Schlimmste vermute, ja. Ich glaube, da war der Wunsch der Vater des Gedankens. Na ja gut, daraufhin habe ich hier in München nach einigem Hin und Her ein MRT gemacht. Das war schrecklich, es war die Folter, weil es so laut ist. Eine sehr nette Dame hat mir Kopfhörer aufgesetzt. Ich habe also eine Dreiviertelstunde in diesem MRT-Gerät verbracht und hörte einerseits diese unsäglichen Geräusche und andererseits irgendeine Musik von Händel oder Bach. Ich war fix und fertig. Wenn meine Frau nicht bei mir gewesen wäre und ihre Hände nicht beruhigend auf einen meiner beiden Füße gelegt hätte, wär ich durchgedreht. Wie auch immer: Die Jugularis-Thrombose wurde bestätigt. Die haben mich dann in ein anderes Krankenhaus geschickt, nach Nymphenburg. Da wurde innerhalb von ein paar Tagen alles untersucht, und ich habe auf das Ergebnis vom Labor gewartet. Anfang Oktober bin ich dann mit der Tami ...

ZEIT: ... mit Ihrer Frau ...

Dietl: ... wieder da hingefahren. Und da saß der Chefarzt und hatte einen Kollegen dabei, der sich als Onkologe vorstellte. Da wusste ich es schon: Sie haben mir behutsam erklärt, dass es ein Karzinom ist, und es schaue nicht gut aus.

ZEIT: Sind das Ihre Worte: "Es schaut nicht gut aus?"

Dietl: Nein, das haben die Ärzte genau so gesagt. Ich habe geantwortet: "Ja gut, was schlagen Sie jetzt vor? Chemo? Das möchte ich nicht so gerne machen, schon gar nicht, bevor ich nicht mehr weiß." Ich habe dann noch eine Untersuchung gemacht, für die man radioaktives Wasser trinken muss, auch da war die Tami dabei. Ihre Anwesenheit hat mir sehr gutgetan, das war eine harte Sache. Nach der Untersuchung haben die Ärzte gesagt, sie hätten eine gute Nachricht. Die gute Nachricht war aber nur, dass es noch keine Metastasen gibt. Okay. Ich habe dann natürlich gefragt, wie lange man mit so einem Karzinom lebt. Da haben die gesagt: Das weiß man nicht.

ZEIT: Haben die Ärzte Ihnen nicht auch erklärt, dass man ein Karzinom heilen kann, wenn es keine Metastasen gibt?

Dietl: Na ja, heilen ... Ein paar Tage später hatten wir wieder eine Besprechung, da haben sie das Karzinom klassifiziert: IIIa. Ich habe gefragt: "Was heißt das?" Sagt der Arzt: "Also in dem Fall schlagen wir eine besondere Behandlung vor: Einmal die Woche etwa kriegen Sie eine Chemo und zwei Monate lang jeden Tag eine Bestrahlung."

"Sie haben gesagt, operabel sei das so nicht."

ZEIT: Und dann hätten Sie eine Chance?

Dietl: Das war das Interessante: Sie haben gesagt, operabel sei das so nicht. Ich habe dann erst mal nachgedacht und den Chefarzt später gefragt, ob ich mit der Vermutung richtig liege, dass erst eine Radio-Chemo-Therapie und im Anschluss eine Operation geplant sei. Und er sagte, ja, so könnte es sein. Da habe ich geantwortet: "Sehen Sie, das will ich alles nicht." Ich will mich auf gar keinen Fall in diese Automatik begeben. Wenn man einmal damit anfängt, kommt das und jenes, man muss noch dies, man muss noch das, wir können vielleicht, wir sollten auf jeden Fall ... und so weiter. Nehmen wir Christoph Schlingensief ...

ZEIT: ... den Theatermacher, der 2010 an den Folgen von Lungenkrebs starb ...

Dietl: Ja, seine Krankengeschichte habe ich verfolgt: Er hat sich sehr früh operieren lassen, ich glaube, das war 2008. Da haben sie den Krebs bei ihm festgestellt. Kurz vor seinem Tod, da hat er nur noch eine halbe Lunge gehabt. Und der Bruder eines sehr engen Freundes von mir, der war 65 Jahre alt, als er starb. Es waren nur eineinhalb Jahre vom Zeitpunkt der Entdeckung seines Karzinoms bis zum Tod, und die waren schrecklich, eine einzige Schlachterei. Sie haben ihn aufgemacht, einen Teil raus, wieder zu, wieder auf, alles raus, und dann hat er einen Schlauch in der Nase gehabt. Entsetzlich!

ZEIT: Wie hoch ist denn Ihre Heilungschance?

Dietl: Die Chance liegt im günstigsten Fall bei zehn Prozent, eher drunter.

ZEIT: Das haben Ihnen die Ärzte auch so gesagt?

Dietl: Genau so. Zehn Prozent. Das ist, als würde man in eine Schlacht ziehen, und vorher wird einem gesagt: "Passen Sie auf, von hundert Leuten können zehn überleben." Das ist kein wirklich gutes Angebot. Wobei auch ganz unklar war, ob damit die Chance auf Heilung gemeint ist oder auf ein verlängertes Leben. Die Ärzte wollten sich, durchaus mit Recht, nicht auf irgendwelche Prognosen einlassen.

ZEIT: Was haben Sie angesichts dieser Befunde entschieden?

Dietl: … dass ich diese Prozedur nicht mitmache, also diese Radio-Chemo-Dingsda. Wenn man das macht, dann braucht es bestimmt drei bis sechs Monate, bis man überhaupt wieder ein Mensch ist. Man kann diesen Kampf führen – aber geht man gerne in einen Kampf mit einer zehnprozentigen Chance?

ZEIT: Zehn Prozent ist immer noch besser, als sicher zu sterben. Haben Sie entschieden, sich sterben zu lassen?

Dietl: Nein, dazu habe ich mich nicht entschieden. Ich werde mich jetzt umschauen. Das hat hauptsächlich damit zu tun, dass ich natürlich auch eine gewisse Verantwortung für Frau und Kinder verspüre. Wobei meine Frau mit großer Kraft zu mir und meinen Entscheidungen steht.

"Ich habe auch noch ein kleines Kind. Das ist natürlich schwer."

ZEIT: Sie haben ein kleines Kind.

Dietl: Ja, ich habe auch noch ein kleines Kind. Das ist natürlich schwer. Ich habe noch zwei andere Kinder, aber die sind schon älter. Meine kleine Tochter ist zehneinhalb. Sie hat natürlich auch schon Filme gesehen, in denen irgendjemand Krebs hat. Also, was ich auch nicht möchte ... (lange Pause) Ich kann mich sehr gut erinnern ...

ZEIT: ... an Ihren Vater?

Dietl: ... an meinen Vater, ja. Der ist sehr früh gestorben, er hatte Speiseröhren- und Magenkrebs. Da war ich 26 oder 27, er war ungefähr 50. Ich hatte keine gute Beziehung zu meinem Vater, ist ja wurst. Ich habe ihn dann in der Klinik besucht, das geht mir bis heute nicht aus dem Kopf: Es war furchtbar, ein Skelett, Schläuche an allen Ecken und Enden. Ich möchte, dass gerade die Kleine mich niemals so sieht. Weil das Eindrücke sind, die ein Leben lang bleiben, die sind traumatisch.

ZEIT: Das heißt, Sie möchten selber bestimmen, wann es reicht?

Dietl: Ich bin jetzt dabei, alles zu erkunden und mich umzuhören. Es gibt ja alle möglichen sanfteren Behandlungsmethoden, zum Beispiel diese Misteltherapie, das ist ganz interessant.

ZEIT: Wenn mich nicht alles täuscht, ist das eine anthroposophisch inspirierte, alternative Therapie. Sehr umstritten ...

Dietl: Ja, das wird unter die Haut gespritzt. Diese Methoden werden natürlich von den normalen Ärzten nicht besonders geschätzt, weil es nicht genügend Beweise gibt, dass das hilft. Ich wage aber zu bezweifeln, dass die Ärzte mit diesem Radio-Chemo-Dings als Standard zufrieden sind. Ich kenne nicht einen Kranken, der danach glücklich weitergelebt hätte. Bei den meisten sind nach kurzer Zeit Metastasen gekommen und ...

ZEIT: ... die ganze Quälerei war vergebens.

Dietl: Genau, das ist das Problem. Man spricht da immer von Lebensqualität. Was heißt denn das? Es kann doch keine Lebensqualität sein, wenn man kotzt, einem alle Haare ausfallen und man irgendwann nur noch ein Skelett ist.

ZEIT: Hat man Ihnen gesagt, dass es auch qualvoll sein könnte, auf die Chemotherapie und die Bestrahlung zu verzichten?

Dietl: Das hat mir ein anderer Arzt inzwischen auch gesagt, all das ist jetzt abzuwägen. Ich informiere mich natürlich auch über die Möglichkeiten, die die Palliativmedizin heute bietet. Wenn ich sterbe, möchte ich so versorgt sein, dass mir zumindest mal nichts wehtut.

ZEIT: Wir reden über das Sterben, und Sie sehen im 70. Lebensjahr gerade aus wie das blühende Leben.

Dietl: Na ja, das ist wahrscheinlich die Angstblüte ... (lacht)

ZEIT: ... eine neue Form von Angst, die Sie entwickeln.

Dietl: Ja, genau. Ich versuche, das alles mit Vernunft und Sachlichkeit zu nehmen und gelegentlich, wenn möglich, mit Humor. Ich habe keine Angst vor dem Tod. Ich habe Angst vor dem Sterben.

ZEIT: Hat man Ihnen eigentlich die Ursachen dieser Erkrankung erklärt?

Dietl: Ich habe genau das Gleiche wie der Schlingensief, ein Adenokarzinom. Ich habe Lungenkrebs. 2007, als ich noch in Berlin lebte, hatte ich einen Schlaganfall, den ich Gott sei Dank geheim halten konnte. Ich schweife jetzt ab, aber der Arzt, der mich damals untersuchte, der hat gefragt: "Was haben Sie gegessen?" Sag ich: "Carpaccio." – "Ja", sagt er, "dann ist das eine Lebensmittelvergiftung." Das könnte aus einem meiner Filme sein! Jedenfalls, nach diesem Schlaganfall vor sechs Jahren, da habe ich mit dem Rauchen aufgehört. Ich habe versucht, auszurechnen, wie viele Zigaretten ich bis dahin ungefähr geraucht habe.

ZEIT: Auf welche Zahl sind Sie gekommen?

Dietl: Eine knappe Million.

ZEIT: Eine Million Zigaretten?

Dietl: Eine knappe Mille. Ich habe immer dieselbe Marke geraucht, Gitanes, zuerst ohne Filter, dann ein bisschen mit Filter, dann die légères und dann die extra légères. Die letzten Jahre vor dem Schlaganfall, als ich meistens in Berlin war, da habe ich, ohne zu übertreiben, mindestens 100 bis 120 Zigaretten am Tag geraucht.

"Ich habe gern geraucht."

ZEIT: War das nicht auch ein Akt der Selbstzerstörung?

Dietl: Ich hab das nicht als solchen empfunden. Ich hab ja gern geraucht, und ganz ehrlich: Darum überrascht mich diese ganze Angelegenheit auch jetzt nicht so sehr. Wenn man bedenkt, wie viel ich geraucht habe, dann ist es geradezu ein Wunder, dass es so lange gut gegangen ist.

ZEIT: Nun trifft das ausgerechnet einen, der sein Leben lang vor Krankheiten davongelaufen ist – wenn andere sie hatten.

Dietl: Ja, das stimmt. Das gilt für Krankheiten wie für Begräbnisse. Ich bin 76 zur Beerdigung meiner Mutter gegangen und dann nie wieder auf einen Friedhof.

ZEIT: Und zur Beerdigung von Dieter Hildebrandt, der in Ihrem Kinofilm Zettl seine letzte Rolle spielte? Werden Sie da hingehen? Haben Sie mit ihm vor seinem Tod noch gesprochen?

Dietl: Ich glaube, ich werde irgendwann ganz alleine an sein Grab gehen. Ich habe ihn das letzte Mal im Sommer dieses Jahres gesehen und gesprochen. Es war ihm keine Krankheit anzusehen. Er sagte auch nichts in der Richtung.

ZEIT: Es heißt, dass der Schauspieler Helmut Fischer, den Ihr Monaco Franze berühmt gemacht hat, versucht hatte, seine Krebserkrankung vor Ihnen zu verstecken.

Dietl: Ja, er hat das vor mir verheimlicht. Ich wusste zwar, dass er zwischendurch im Krankenhaus war. Aber von seiner Krankheit habe ich erst erfahren, als es schon zu spät war. Wir waren zuletzt aber auch nicht mehr so eng.

ZEIT: Hatten Sie sich zerstritten?

Dietl: Das nicht, aber ich denke, er hat mir übel genommen, dass ich nichts mehr mit ihm gemacht habe. Ich habe ja nur ganz selten gedreht, und bei Kir Royal hatte ich ihn überhaupt nicht besetzt, weil es auch keine Rolle für ihn gab. Dieses Jahr habe ich mir wegen Helmut sogar Monaco Franze noch mal angeschaut, obwohl mir das emotional große Schwierigkeiten bereitet. Ich war tief gerührt, aber ich habe auch gelacht.

ZEIT: Sie haben sich Ihre eigenen Sachen jahrzehntelang nicht angeschaut?

Dietl: Natürlich nicht, das tue ich bis heute nicht. Wenn ich mir etwas anschaue, dann fällt es mir schwer, zu glauben, dass ich das gemacht habe. Es erstaunt mich. Ich denke dann manchmal: "Aha, das ist ja gar nicht schlecht." Aber ich sehe immer auch die Fehler.

ZEIT: Jetzt kokettieren Sie!

Dietl: In keinster Weise, ich bin ja ein Pedant. Ich ärgere mich dann, weil ich die Kamera nicht ein bisschen mehr links oder rechts hingestellt habe oder höher oder tiefer oder nicht ein anderes Objektiv genommen habe.

ZEIT: Haben Sie jetzt Lust bekommen, sich auch andere Ihrer Filme anzuschauen?

Dietl: Nein. Das heißt, ich habe mal kurz Kir Royal gesehen, weil sich meine Tochter irgendeine Wiederholung angeschaut hat. Aber das waren höchstens ein paar Minuten. Länger habe ich es nicht ausgehalten.

ZEIT:Monaco Franze ist alleine in diesem Jahr im Bayerischen Fernsehen zweimal wiederholt worden, mit guten Einschaltquoten.

Dietl: Ich kann Ihnen auch sagen, warum: Ich habe diese Serie aus Liebe gemacht. Aus Liebe zu der Figur, zu diesem Milieu, auch zu München natürlich. Nicht ohne Grund ist das Ganze in Los Angeles entstanden, wo ich von 1979 bis 1983 gelebt habe. Ich habe den Monaco Franze quasi aus Heimweh erfunden. Die letzte Person aus meinen Filmen, die ich wirklich gemocht habe, war der Monaco Franze .

ZEIT: Das ist jetzt dreißig Jahre her. Warum sind solch liebenswerte Charaktere aus Ihren späteren Filmen komplett verschwunden?

Dietl: Zu Zeiten von Monaco Franze, da mochte ich die Menschen noch lieber.

ZEIT: Wollen Sie damit sagen, ab einem gewissen Alter kann man die Menschen nicht mehr mögen?

Dietl: Ja, das hat damit zu tun – mit einer Sammlung von schlechten Erfahrungen und mit einer wachsenden Skepsis.

ZEIT: Gegenüber wem?

Dietl: Sich selbst gegenüber und auch der Umwelt. Es fällt einem langsam auf, was man alles falsch gemacht hat. Man mag sich selber immer weniger. Aber irgendwann kommt dann auch der Moment, wo einem manches, was einen früher beschäftigt und gequält hat, gleichgültig ist.

ZEIT: Wo ist für Sie eigentlich der Unterschied zwischen Pessimismus und Zynismus?

Dietl: Früher hätte ich Ihnen gesagt, die Ironie macht den Unterschied. Inzwischen denke ich über solche Sachen schon lange nicht mehr nach.

"Woody Allen, das ist ein wirkliches Genie"

ZEIT: Kann man denn gute Filme machen, ohne eine einzige Figur zu mögen oder wenigstens eine zu zeigen, mit der sich die Zuschauer identifizieren können?

Dietl: Es gibt einen, der hat diese Art von Zuneigung komischerweise gar nicht gebraucht, um große Filme zu machen: Luis Buñuel. Er ist eines meiner großen Idole.

ZEIT: Ein anderes Ihrer Vorbilder ist Federico Fellini. Der hat mal gesagt: Alles verändert sich auf der Welt, nur die Menschen bleiben immer gleich. Deshalb konnte er sie mögen.

Dietl: Na ja, das stimmt auch bei Fellini zum Teil nicht. Der letzte Film, in dem man spürt, dass er die Menschen mochte, war Amarcord. Das ist mein Lieblingsfilm von ihm.

ZEIT: Jedenfalls erinnert er sich darin mit großer Liebe an seine Kindheit in Rimini.

Dietl: So ist es. Das war ein Film, der wirklich aus Liebe gemacht war. Ich meine, ich mochte Casanova gern, aber eines kann man bestimmt nicht sagen: dass der aus irgendeiner Zuneigung gemacht worden wäre.

ZEIT: Wer ist denn für Sie am ehesten das, was für Fellini Marcello Mastroianni war, also das filmische Alter Ego?

Dietl: Ich habe es immer fast verzweifelt gesucht, aber wirklich gefunden habe ich es nie. Ich glaube, ich war mir selbst im Weg.

ZEIT: Hat es Ihnen eigentlich gefallen, dass Sie als deutsche Antwort auf Woody Allen beschrieben worden sind?

Dietl: Nein, das hält niemand aus. Dieser Mann, Woody Allen, das ist ein wirkliches Genie. Das ist einfach ein Unfug, sich mit dem vergleichen zu wollen.

ZEIT: Darf ich Sie noch mal fragen, was Sie in all den Jahren an den Menschen am meisten enttäuscht hat?

Dietl: Na ja, die Enttäuschung ist eine ziemliche Gemengelage. Man enttäuscht selbst, und man wird enttäuscht. Es gibt eigentlich kaum etwas, wovon man nicht enttäuscht ist. (lacht)

ZEIT: Mir reichte ein Beispiel!

Dietl: Ich könnte jetzt auf der Stelle ein paar Menschen nennen, von denen ich sehr enttäuscht war.

ZEIT: Gehört der verstorbene Produzent Bernd Eichinger dazu?

Dietl: Ja, durchaus.

ZEIT: Warum eigentlich?

Dietl: Na ja, es war einfach so beim Bernd. Er hat immer schon Scheuklappen gehabt. Das war auch seine Stärke. Und das Gesichtsfeld wurde im Laufe der Zeit immer enger. Wie viele Herrschende hatte auch der Bernd so eine Gesellschaft von Jasagern um sich versammelt, die quasi anstanden, um ihm hinten reinzukriechen. Es war furchtbar. Und er konnte die Wahrheit nicht ertragen.

ZEIT: Was wäre die Wahrheit gewesen?

Dietl: Wahrheiten gab’s da viele.

ZEIT: Haben Sie Eichinger eine Fixierung auf den kommerziellen Erfolg seiner Filme vorgeworfen?

Dietl: Nein, ich habe ihm keine Kommerzialisierung vorgeworfen. Aber er wollte mich beispielsweise zwingen, den Untergang zu mögen. Er hat mich schon vorher dauernd mit den Drehbüchern traktiert. Irgendwann, das werde ich nie vergessen, kam er und sagte: "Helmut, jetzt war ich gerade in Israel, weißt du, was ich dir sag, gejubelt haben s’, gejubelt haben s’, lauter Juden, gejubelt haben s’."

ZEIT: Und was haben Sie gesagt?

Dietl: Gar nichts. Ich fand das unmöglich. Ich fand’s auch von Bruno Ganz unmöglich, dass er wirklich den Hitler spielen mag. Überhaupt, den Untergang zu verfilmen! Die Hauptperson dieses Films ist zwangsläufig der Held. Das ist immer so, sei es ein positiver Held oder ein negativer Held. Man kann doch keinen Film machen, wo Hitler der Held ist.

"Ich habe persönlich schon eine starke Neigung zum Judentum."

ZEIT: Haben Sie sich zerstritten?

Dietl: Was heißt zerstritten? Eigentlich nicht. Aber ich hätte den Film bejubeln sollen.

ZEIT: Auch so ein Begräbnis, wo Sie nicht hingegangen sind?

Dietl: Ja.

ZEIT: Haben Sie eigentlich jüdische Wurzeln, oder war das immer nur ein Gerücht, das Sie selber ganz spannend finden?

Dietl: Nee, das ist schon so. Das ist ein ganz schmaler Teil von mir, und manchmal ist er halt stärker.

ZEIT: Wer in der Familie war denn jüdisch?

Dietl: Mein Großvater väterlicherseits, der aus Ungarn stammte und den ich gar nicht kannte, der soll angeblich jüdisch gewesen sein. Ich habe persönlich schon eine starke Neigung zum Judentum.

ZEIT: Und Ihr Vater? Was hat er in der Nazizeit getan?

Dietl: Mein Vater? Der war jedenfalls nicht beim Militär. Ich weiß gar nicht, wo der überhaupt war in der Zeit. Angeblich hat meine Großmutter ihn mitgenommen zum Fronttheater nach Kiew.

ZEIT: Sie war Schauspielerin?

Dietl: Ja, aber eine schlechte. Und er kam dann, das ist wirklich seltsam, mit den Amerikanern zurück, die das KZ Dachau befreit haben.

ZEIT: Wie kam er da hin?

Dietl: Das weiß ich eben nicht. Man konnte darüber nichts erfahren. Dann hat er lange Zeit mit einem Verwandten zusammen Geschäfte gemacht mit den Amis, Damenringkämpfe und solche Sachen.

ZEIT: War Ihr Vater eine Art Impresario?

Dietl: Der war gar nichts, ganz einfach, eine verlorene Existenz. Das Gegenteil von meiner Mutter. Er ist dann am Suff gestorben. Er hat’s zu gar nichts gebracht, er hat sich zugrunde gerichtet. Ich kann mich erinnern, dass in der Früh auf seinem Nachttisch so ein Glas stand, mit klarer Flüssigkeit. Ich dachte lange, das ist Wasser. Später stellte sich heraus: Das war Gin. Davon hat er immer viel getrunken, scharfe Sachen. Entsetzlich.

ZEIT: Darf man daraus schließen, dass Sie keine besonders schöne Kindheit hatten?

Dietl: Nein, die war nicht sehr schön. Aber es war auch wiederum nicht so schlecht, weil ich hauptsächlich mit meinen Großmüttern zu tun hatte. Mit der Mutter meiner Mutter, die eine ganz katholische, einfache Frau war. Und mit dieser etwas verrückten Mutter von meinem Vater, der Mirzl. Die kochte sehr gut.

ZEIT: In Ihren Filmen findet sich fast immer das Motiv des Verrats. Oft ist es der Mann, manchmal aber auch die Frau, die die Liebe verrät.

Dietl: Aha. Ist das wahr?

ZEIT: Ich denke zum Beispiel an Vom Suchen und Finden der Liebe, wo die Venus sich auf ihren Manager einlässt, den Harry.

Dietl: Ach so, das ist richtig, aber mir tut die Venus da eigentlich leid. Genauso wie mir das reale Vorbild dieser Figur leid tut. Eigentlich tun mir alle meine ehemaligen Frauen leid. Sogar meine französische Exfrau, die mich ganz schändlich betrogen hat. Sie konnte gar nicht anders.

ZEIT: Wenn Sie an diesem Punkt angekommen sind, dann müssten Sie doch eigentlich milde sein mit den Menschen?

Dietl: Ja, aber ich kann nicht mehr so freundlich sein wie früher. Zum Beispiel in meinem letzten Film, Zettl. Ich habe mich besonders bemüht, alles so zu camouflieren, dass man niemanden wiedererkennt.

ZEIT: Dieser Film ist von der Kritik vernichtet worden.

Dietl: Und ich verstehe nicht, wieso der schlecht gewesen sein soll. Er war bös, das kann man sagen. Ich habe auch überhaupt kein Problem damit, dass man da bestimmte Sachen kritisiert. Aber ich kann zum Beispiel bis heute nicht verstehen, warum jemand, dessen Namen ich am liebsten vergessen würde, solche üblen Sachen loslässt in der Süddeutschen.

ZEIT: Dieser Kritiker hat gezweifelt, ob bei so vielen Unzulänglichkeiten überhaupt ein Regisseur am Werke war ...

Dietl: Ich habe gedacht, das gibt’s nicht. Unter dieser Häme, die sich über diesen Film ergoss, habe ich schwer gelitten. Ich war mindestens ein Jahr lang beleidigt. (lacht)

ZEIT: Sie waren nicht beleidigt, Sie waren schwer depressiv.

Dietl: Auch das.

"Die wirklich Skrupellosen sind heute andere."

ZEIT: Haben Sie eine Erklärung dafür, warum das mit solcher Wucht auf Sie niedergegangen ist?

Dietl: Nein, ich versteh’s gar nicht.

ZEIT: Haben Sie vielleicht auch als Person provoziert?

Dietl: Wahrscheinlich. Ich mache ja nicht mit, ich sondere mich ab. Ich betreibe kein Networking.

ZEIT: Das ist nun wirklich nicht wahr: Sie waren immer ein Meister im Orchestrieren von Pressekampagnen für Ihre Filme!

Dietl: Moment, das ist was anderes. Zwischen den Filmen habe ich nie irgendwelche Kontakte gepflegt. Ich habe es abgelehnt, mit allen möglichen Leuten zu reden, die mir dauernd auf den Wecker gegangen sind und was von mir wollten.

ZEIT: Haben Häme und Kritik nicht eher damit etwas zu tun, dass der Ton in der deutschen Gesellschaft insgesamt unerbittlich geworden ist?

Dietl: Auf jeden Fall. Das habe ich auch versucht, in Zettl zu zeigen: die Unbarmherzigkeit. Ursprünglich war ja geplant, dass der Kroetz den Baby Schimmerlos spielt, der noch eine Chance kriegt und dann von dem Jungen, vom Zettl, überholt und kaltgestellt wird. Aber dann hat der Kroetz nicht wollen ...

ZEIT: ... Franz Xaver Kroetz, der als Klatschreporter Schimmerlos in Kir Royal berühmt wurde. Hat es Ihnen leid getan, dass Sie sich zerstritten haben?

Dietl: Ja, das hat mir leid getan, es war das Hinterletzte. Er hat die verschiedenen Stadien des Drehbuchs bekommen. Und auf einmal sagt er: "Also, das geht nicht, der Schimmerlos muss mit seinem Porsche ankommen, verstehst du, und da müssen die Weiber auf ihn fliegen, und Angst müssen s’ alle haben vor dem." Und dann habe ich gesagt: "Sag mal, Franz ..." Und er: "Nix da, das ist doch ein Schlappschwanz, ist doch der!" Ich sage: "Moment einmal, in der Geschichte geht‘s doch darum, dass jemand, den man für nicht sehr moralisch gehalten hat, plötzlich merkt, dass die Zeit völlig an ihm vorbeigegangen ist."

ZEIT: Dass er inzwischen geradezu harmlos wirkt.

Dietl: Ja, die wirklich Skrupellosen sind heute andere. So ist es ja wirklich, und so wollte ich es zeigen. Aber der Kroetz wollte es umschreiben. Dann habe ich gesagt: "Ich werde jetzt mal drüber nachdenken." Und ich habe drüber nachgedacht, einen ganzen Tag. Dann habe ich ihm einen Brief geschrieben: "Ich verzichte auf Deine Mitwirkung." Ich musste seinetwegen den ganzen Dreh verschieben. Es war eine Katastrophe sondergleichen.

ZEIT: Haben Sie mit Zettl eigenes Geld verloren?

Dietl: Ja, viel. Eine halbe Million. Auch das hat mir schwer zugesetzt. Der Film war halt, wie gesagt, nicht freundlich. Das war ja auch gar nicht beabsichtigt. So ist das Leben. Eine Zeit lang ist man eher freundlich, weil man denkt, dann sind alle anderen auch freundlich. Und irgendwann stellt man fest, dass das alles gar nichts nützt.

ZEIT: Sie haben ja vorhin von Mistelkuren geredet, Sie lassen also eine kleine esoterische Ader erkennen.

Dietl: Nee.

ZEIT: Glauben Sie, dass manchmal auch seelische Befindlichkeiten den Ausschlag dafür geben können, dass man krank wird?

Dietl: Das weiß ich nicht. Es kann natürlich sein, dass sie Krankheiten begünstigen, wenn man sowieso Veranlagungen zur Depression hat und dagegen seit Jahren die entsprechenden Pillen nimmt. (lacht)

ZEIT: Sie nehmen Antidepressiva?

Dietl: Ja, täglich. Cipralex.

ZEIT: Und die Kränkungen, die Sie erfahren haben durch die Rezeption Ihrer beiden letzten Filme, könnte das Ihrer Gesundheit geschadet haben?

Dietl: Darüber habe ich lange nachgedacht. Gegrübelt habe ich.

Zum ersten Mal während des Gesprächs klingelt Dietls Handy, er spricht kurz.

Aus Prestigegründen kam Groenewold plötzlich mit einem Ferrari daher

Dietl: Das war meine Tochter. Sie ahnt irgendwas. Sie weiß nicht, was, aber sie ahnt irgendwas. Meine Frau und ich werden auf jeden Fall vor Erscheinen dieses Interviews mit ihr reden. Um auf Ihre Frage zurückzukommen: Wenn man sich in meinem Geschäft als Opfer einer, ich würde beinahe sagen: ungerechtfertigten Anklage empfindet, dann ist man letztlich selber schuld. Man müsste abwehrkräftig genug sein. Wenn man das nicht ist, dann hat man auch nichts anderes verdient. Das gehört ja in den geschäftlichen Bereich – soweit man das trennen kann. Ich kann es aber nicht trennen, ich verfilme ja keine Drehbücher.

ZEIT: Sie schreiben und verfilmen Drehbücher.

Dietl: Ja, aber ich schreibe über mich. Von Anfang an. Kritik, sei sie gut oder schlecht, trifft ja dann nicht nur irgendeinen Film. Ich glaube, die Tätigkeit so eines Autorenfilmers ist etwas völlig anderes, als wenn man einfach irgendetwas von einem Drehbuchautor verfilmt. Ich bin ein Autorenfilmer.

ZEIT: Kurz bevor Zettl anlief, war die Affäre um Christian Wulff aufgekommen. Ihr Co-Produzent David Groenewold war darin verwickelt.

Dietl: Ja, er hängt da immer noch drin.

ZEIT: Mussten Sie aufpassen, dass Sie nicht selbst vom Morbus Wulff-Groenewold kontaminiert werden?

Dietl: Das war auch ein Problem. Ich habe jetzt zwei Jahre lang Schwierigkeiten gehabt, von denen ich hoffe, dass sie endlich vorbei sind. Investoren der verschiedenen Groenewold-Firmen wollten von mir, also von der Diana-Film, sehr viel Geld haben. Sie behaupteten, Groenewold hätte diese und jene Verträge gar nicht unterschreiben dürfen. Das war furchtbar.

ZEIT: Haben Sie noch Kontakt zu Wulff und Groenewold?

Dietl: Nein.

ZEIT: Mochten Sie die beiden?

Dietl: Na ja, der Groenewold war schon bei Suchen und Finden der Liebe mein Co-Produzent. Der Film hat ihm kein Geld gebracht. Und dennoch hat er dann in die Entwicklung eines neuen Films investiert, was am Schluss Zettl wurde. Er hat das sogar mit großer Hingabe und Leidenschaft getan. Mit Wulff hatte ich in dem Sinne nichts zu tun, ich habe die beiden nur ein paarmal zusammen auf Partys gesehen.

ZEIT: Und tun Ihnen die beiden heute leid?

Dietl: Ich finde das alles lächerlich, dieses Verfahren. Wie man dermaßen mit Kanonen auf Spatzen schießen kann, verstehe ich nicht. Was soll das? Da war der eine halt stolz, dass er einen Ministerpräsidenten kennt und erst recht später einen Bundespräsidenten.

ZEIT: Der andere fand das auch toll.

Dietl: Der andere fand das toll mit dem Film, weil er da nie Zugang gehabt hatte.

ZEIT: Warum haben Sie keinen Kontakt mehr zu David Groenewold?

Dietl: Er hat mich in dieser ganzen Angelegenheit mit den Investoren ziemlich sitzen gelassen. Und er hat Etliches an die Wand gefahren, hat dumme Sachen gemacht. Aus Prestigegründen kam er plötzlich mit einem Ferrari daher, mit teuren Uhren und mit lauter so einem Zeug ...

ZEIT: Als sei er eine Figur aus Zettl.

Dietl: Na klar. Das habe ich ja auch immer über den Film gesagt: Es handelt sich nicht um die Wirklichkeit, sondern um die Wahrheit. Das ist ja ganz was anderes.

ZEIT: Mir ist aufgefallen, dass Sie in Interviews früher viel über den Tod gesprochen haben, geradezu obsessiv. Soll ich mal eine Kostprobe geben?

Dietl: Aha. Ja, bitte.

ZEIT: Sie wurden 2005 vom stern gefragt, ob Sie je an Selbstmord gedacht haben. Ihre Antwort: "Jeden Tag." Und erst letztes Jahr in Bild: "Ich bereite mich seit meiner Geburt auf den Tod vor."

Dietl: Das ist richtig, ja. Ich finde das nicht belastend. Ich halte es, ehrlich gesagt, für etwas ganz Normales.

ZEIT: Normal?

Dietl: Ja, das klingt zugespitzt, ist aber insofern richtig, als mich der Gedanke an den Tod seit der Kindheit begleitet hat. Es kann auch sein, dass die Großmutter mütterlicherseits, die katholische, da sehr viel angerichtet hat. Ihr Mann war nämlich im KZ Dachau. Nicht weil er Jude war, sondern weil er Kommunist war. Ich habe ihn einmal gesehen, als Kind, aber da hatten die ihn im KZ schon fertiggemacht. Und gleich danach ist er gestorben. Und von da an hat meine Großmutter eine Obsession entwickelt. Es könnte sein, dass ich da irgendwie beeinflusst wurde.

ZEIT: Dann, 2005 im Playboy: "Ich glaube nicht daran, dass es irgendwann mal vorbei ist, also auch nicht, dass wir da unten wirklich unsere Ruhe haben werden."

Dietl: (lacht) Ja. Das glaube ich tatsächlich, dass da keine Ruhe sein wird. Ich habe mich natürlich jetzt konkreter als je zuvor damit beschäftigt, was hinterher wohl sein könnte oder vielleicht auch nicht. Ich komme zu keinem Ergebnis.

"Ich habe nicht vor, mich nach diesem Interview noch weiter zu meiner Krankheit zu äußern."

ZEIT: Also sind Sie nicht ganz ohne Hoffnung?

Dietl: Nein, ich lasse mich überraschen. Es hat keinen Sinn mehr, darüber nachzudenken. Man muss es wegschieben, man kann es ja doch nicht ergründen. Ich weiß nicht, wie dann die Überraschung stattfindet, wann und wo ...

ZEIT: Klassische agnostische Position ...

Dietl: Ja, ich weiß. Ich bin immer ein Agnostiker gewesen.

ZEIT: Im ZEITmagazin vor zwei Jahren der nun etwas makaber klingende Satz: "Ich gehe auf keine Friedhöfe und auf keine Beerdigungen. Ich kann das nicht. Und ich werde das im Testament beschließen, dass ich auch nicht auf meine eigene Beerdigung gehen muss."

Dietl: Immerhin hätte ich in dem Fall sowieso nichts mehr damit zu tun. Aber man denkt halt darüber nach, ob man beerdigt werden will oder verbrannt oder so. Ich werde einen Freund von mir, einen Nachlassanwalt, mal fragen, was man alles zuletzt wollen kann. Es könnte mir auch scheißegal sein, weil man ja wahrscheinlich nichts mehr davon erfährt.

ZEIT: Welchen Wunsch verbinden Sie mit diesem Interview?

Dietl: Ich habe mir gedacht, dass ich das Ganze jetzt frontal angehe, bevor das irgendwo in Medien durchsickert, die man vielleicht nicht so mag. Ich habe nicht vor, mich nach diesem Interview noch weiter zu meiner Krankheit zu äußern, ganz egal, wem gegenüber. Ich werde dazu gar nichts sagen. Ich möchte möglichst in Ruhe gelassen werden.

ZEIT: Gibt es eigentlich ein Projekt, an dem Sie aktuell arbeiten?

Dietl: Das ist das Problem. Natürlich gibt es das. Und zwar wollte ich einen Film machen mit dem Josef Hader in der Hauptrolle ...

ZEIT: ... dem berühmten österreichischen Kabarettisten. Wie weit sind Sie da?

Dietl: Dummerweise eben nicht weit genug. Ich habe den Hader im Februar, da war ich gerade in den Bergen in Elmau, in diesem Fernsehzweiteiler Der Aufschneider gesehen. Das war so wahnsinnig komisch. Dann habe ich ihn angerufen und gesagt, dass ich das ganz prima finde. Und es hat sich rausgestellt, dass der offenbar alle Sachen von mir kannte. Dann haben wir uns getroffen, sind in Wien spazieren gegangen, das war im Mai.

ZEIT: Hatten Sie da denn schon einen Stoff für ihn, eine Rolle?

Dietl: Ich habe schon lange einen Stoff, der im Grunde mit dieser Schlaganfallgeschichte zu tun hat, wo ich mich versteckt hatte, damit davon keiner erfährt. Es geht um einen Pessimisten, der noch dazu ein Depressiver ist, und um die Beziehung zu seiner Frau, die weitgehend optimistisch und tatkräftig ist. Sie sehen, es hat wieder mal (lacht) rein gar nichts mit mir zu tun. Aber ich hatte keinen Hauptdarsteller. Das ist immer mein Problem: Solange ich keinen Hauptdarsteller habe, komme ich nicht weiter. Als ich den Hader gesehen habe, wusste ich gleich: Der ist es.

ZEIT: Wollen Sie jetzt versuchen, das zu verfilmen?

Dietl: Wie soll das denn gehen? Wenn man bestimmte Krankheiten hat oder gehabt hat, wird man nicht versichert. Ich könnte jetzt sagen: "Ja mei", und das Risiko eingehen. Aber da geht es immer um mehrere Millionen. Da müsste ich schon genau wissen, wer im Extremfall einspringen würde.

ZEIT: Wer könnte das sein?

Dietl: Das kann nur der Josef, der Hader selber sein.

ZEIT: Darüber ist das letzte Wort noch nicht gesprochen?

Dietl: Nein, das letzte Wort ist darüber noch nicht gesprochen – wie überhaupt über nichts das letzte Wort gesprochen ist. Ich werde mich jetzt umschauen, ich werde mich erkundigen. Ich werde versuchen, was ich kann und was zu mir passt. Es hat keinen Sinn, sich zu unterschätzen. Aber noch schlimmer ist es, wenn man sich überschätzt.

Vier Stunden später. Helmut Dietl hat seiner Tochter versprochen, nach Hause zu kommen, solange sie wach ist. Er nimmt seinen Mantel, um den Hals wickelt er einen weißen Schal. Er schließt die Wohnungstür und sagt: "So ein Mist. Krebs – das hat mir gerade noch gefehlt."

MITARBEIT: CAROLINE VON BAR