ZEIT: Sie haben ein kleines Kind.

Dietl: Ja, ich habe auch noch ein kleines Kind. Das ist natürlich schwer. Ich habe noch zwei andere Kinder, aber die sind schon älter. Meine kleine Tochter ist zehneinhalb. Sie hat natürlich auch schon Filme gesehen, in denen irgendjemand Krebs hat. Also, was ich auch nicht möchte ... (lange Pause) Ich kann mich sehr gut erinnern ...

ZEIT: ... an Ihren Vater?

Dietl: ... an meinen Vater, ja. Der ist sehr früh gestorben, er hatte Speiseröhren- und Magenkrebs. Da war ich 26 oder 27, er war ungefähr 50. Ich hatte keine gute Beziehung zu meinem Vater, ist ja wurst. Ich habe ihn dann in der Klinik besucht, das geht mir bis heute nicht aus dem Kopf: Es war furchtbar, ein Skelett, Schläuche an allen Ecken und Enden. Ich möchte, dass gerade die Kleine mich niemals so sieht. Weil das Eindrücke sind, die ein Leben lang bleiben, die sind traumatisch.

ZEIT: Das heißt, Sie möchten selber bestimmen, wann es reicht?

Dietl: Ich bin jetzt dabei, alles zu erkunden und mich umzuhören. Es gibt ja alle möglichen sanfteren Behandlungsmethoden, zum Beispiel diese Misteltherapie, das ist ganz interessant.

ZEIT: Wenn mich nicht alles täuscht, ist das eine anthroposophisch inspirierte, alternative Therapie. Sehr umstritten ...

Dietl: Ja, das wird unter die Haut gespritzt. Diese Methoden werden natürlich von den normalen Ärzten nicht besonders geschätzt, weil es nicht genügend Beweise gibt, dass das hilft. Ich wage aber zu bezweifeln, dass die Ärzte mit diesem Radio-Chemo-Dings als Standard zufrieden sind. Ich kenne nicht einen Kranken, der danach glücklich weitergelebt hätte. Bei den meisten sind nach kurzer Zeit Metastasen gekommen und ...

ZEIT: ... die ganze Quälerei war vergebens.

Dietl: Genau, das ist das Problem. Man spricht da immer von Lebensqualität. Was heißt denn das? Es kann doch keine Lebensqualität sein, wenn man kotzt, einem alle Haare ausfallen und man irgendwann nur noch ein Skelett ist.

ZEIT: Hat man Ihnen gesagt, dass es auch qualvoll sein könnte, auf die Chemotherapie und die Bestrahlung zu verzichten?

Dietl: Das hat mir ein anderer Arzt inzwischen auch gesagt, all das ist jetzt abzuwägen. Ich informiere mich natürlich auch über die Möglichkeiten, die die Palliativmedizin heute bietet. Wenn ich sterbe, möchte ich so versorgt sein, dass mir zumindest mal nichts wehtut.

ZEIT: Wir reden über das Sterben, und Sie sehen im 70. Lebensjahr gerade aus wie das blühende Leben.

Dietl: Na ja, das ist wahrscheinlich die Angstblüte ... (lacht)

ZEIT: ... eine neue Form von Angst, die Sie entwickeln.

Dietl: Ja, genau. Ich versuche, das alles mit Vernunft und Sachlichkeit zu nehmen und gelegentlich, wenn möglich, mit Humor. Ich habe keine Angst vor dem Tod. Ich habe Angst vor dem Sterben.

ZEIT: Hat man Ihnen eigentlich die Ursachen dieser Erkrankung erklärt?

Dietl: Ich habe genau das Gleiche wie der Schlingensief, ein Adenokarzinom. Ich habe Lungenkrebs. 2007, als ich noch in Berlin lebte, hatte ich einen Schlaganfall, den ich Gott sei Dank geheim halten konnte. Ich schweife jetzt ab, aber der Arzt, der mich damals untersuchte, der hat gefragt: "Was haben Sie gegessen?" Sag ich: "Carpaccio." – "Ja", sagt er, "dann ist das eine Lebensmittelvergiftung." Das könnte aus einem meiner Filme sein! Jedenfalls, nach diesem Schlaganfall vor sechs Jahren, da habe ich mit dem Rauchen aufgehört. Ich habe versucht, auszurechnen, wie viele Zigaretten ich bis dahin ungefähr geraucht habe.

ZEIT: Auf welche Zahl sind Sie gekommen?

Dietl: Eine knappe Million.

ZEIT: Eine Million Zigaretten?

Dietl: Eine knappe Mille. Ich habe immer dieselbe Marke geraucht, Gitanes, zuerst ohne Filter, dann ein bisschen mit Filter, dann die légères und dann die extra légères. Die letzten Jahre vor dem Schlaganfall, als ich meistens in Berlin war, da habe ich, ohne zu übertreiben, mindestens 100 bis 120 Zigaretten am Tag geraucht.