"Im heutigen Deutschland wird ja auch mehr und mehr des Widerständlers gedacht, ehrend natürlich, einmal im Jahr, am 20. Juli, wobei als ehrenhaftester Widerständler der tote gilt", schrieb Fritz Kolbe 1965. Der Beamte im Auswärtigen Amt (AA) hatte aus Ablehnung der NS-Politik für die Amerikaner spioniert, im Nachkriegsdeutschland jedoch galt er nicht etwa als Vorbild, sondern als Verräter. Erst 2004, lange nach seinem Tod, rehabilitierte ihn Joschka Fischer. Der damalige Bundesaußenminister berief 2005 eine Historikerkommission, die die Rolle des Amtes während und nach dem Zweiten Weltkrieg untersuchen sollte. Ihr wenig schmeichelhafter Befund löste 2010 eine heftige Debatte aus. Zu den Vorwürfen gegen die Autoren gehörte der, sie hätten den Widerstand im AA nicht ausreichend gewürdigt. Auf einer Tagung befassten sich daraufhin namhafte Wissenschaftler – darunter Mitverfasser und Kritiker der Studie – mit der Frage, wie Widerstand zu definieren sei: Ließ er sich allein auf die Verschwörer des 20. Juli reduzieren, oder gab es auch stillere Formen, sich zu widersetzen?

So entstand der lesenswerte neue Band, und wenngleich die Autoren manche Punkte anders als die Historikerkommission bewerten, kommen sie doch zum selben Ergebnis: Das Auswärtige Amt war kein Hort des Widerstands, vielmehr war es aktiver Bestandteil des "Dritten Reichs" und seiner Vernichtungspolitik. Die Diplomaten wurden nicht unfreiwillig Komplizen des Verbrechens, sondern jeder Einzelne von ihnen hätte handeln können. "Fritz Kolbe ist der Beweis dafür, dass jeder in Deutschland etwas gegen Hitler unternehmen konnte und dass es trotz des Terrors Alternativen zur widerstandslosen Anpassung an das Regime gab", so der Pariser Kommunikationswissenschaftler Lucas Delattre.

Die Autoren porträtieren nun die wenigen Diplomaten, die als Einzelkämpfer gegen das Regime agierten – das ergibt kein einheitliches Bild von Widerstand, sondern eins voller Paradoxien und Ambivalenzen. Adam von Trott zu Solz etwa war nicht im Dienst, um Schlimmeres zu verhindern, sondern um von Anfang an den Regimesturz voranzutreiben. Der Staatssekretär Ernst von Weizsäcker, Angeklagter in Nürnberg, galt als Symbolfigur der traditionellen bürokratischen Elite. Ganz anders als Friedrich von Prittwitz und Gaffron, der aus Protest gegen die Nazis schon 1933 von seinem Amt als deutscher Botschafter in den Vereinigten Staaten zurücktrat, verteidigte Weizsäcker sich mit dem "Widerstandsnarrativ", im Amt geblieben zu sein, um Schlimmeres zu verhüten. Das Argument widerlegen die Autoren, wie es zuvor die Historikerkommission getan hat.

Dieses Buch ist ein Zeugnis der voranschreitenden Widerstandsforschung und würdigt jene Männer, die das "Dritte Reich" oft mit viel Mut direkt oder indirekt bekämpften – ohne zu heroisieren oder biografische Brüche zu ignorieren: Es widmet sich neben Trott, Kolbe, Prittwitz und Weizsäcker zudem Albrecht Graf von Bernstorff, Otto von Strahl, Rudolf von Scheliha, Gerhart Feine, Wipert von Blücher, Eduard Brücklmeier, Hans Bernd von Haeften, Heinrich Wolff, Wilhelm Melchers. Und der Historiker Eckart Conze stellt abschließend fest, das Auswärtige Amt habe sich vom jahrzehntelang gepflegten Mythos seiner Opposition gegen das NS-Regime gelöst und stehe nun dazu, dass eben nur eine winzige Minderheit von Diplomaten Widerstand geleistet hat.