Wenn man in einer hippen Kreuzberger Bar gefragt wird, welche Musik man gerade so hört, sollte die Antwort nicht lauten: Jazzrock! Chick Corea, Billy Cobham, Mike Stern, David Sanborn, Weather Report ... Je länger die Aufzählung dauert, desto einsamer wird es meist um den Befragten. Die Fusion aus Jazz, Rock und Elektronik hat heute einen schweren Stand beim Publikum.

Warum eigentlich? Weil Jazzrock mitunter hektisch und unbequem ist? Weil er mehr an Sport erinnert als an Musik? Geschwindigkeitswettbewerbe an der Gitarre, hastig mit dem Daumen geschlagener Slap-Bass, allen Ausdruck verschüttende Virtuosität – das sind die Klischees, die an der Verschmelzung kleben. "Was allgemein als geschmacklos angesehen wird, erweist sich oft nur als unerforscht", sagt der französische Gitarrist Noël Akchoté. "Ich finde Leute mit vollendetem Geschmack langweilig. Gut oder schlecht sind keine Kategorien, an denen ich meine Arbeit ausrichte."

Dachte es und nahm ein Fusion-Album auf, ganz allein, wie es zu einem wahren Freund dieser einsamen Musik passt. Unter Verwendung einer selten gehörten Synthesizer-Gitarre improvisiert er über Samples und Rhythmen aus dem Computer, zu Schleifen, die er selbst programmiert oder eilig irgendwelchen Jazzalben entnommen hat. So treibt er die Klischees auf die Spitze, ohne sie zu parodieren.

Das Ergebnis muss man mit Spaß an der Sache hören, sonst dreht man durch. Es klingt nämlich, als liefen mehrere Stücke gleichzeitig. Der Synthesizer verfremdet die Gitarre zu einem Keyboard mit Saiten. Noël Akchoté baut den Jazzrock der siebziger Jahre nicht nach, er beschwört ihn. Ihm geht es um die Freude am Entdecken und um den Sinn für Anarchie.

Black Album ist keine ausgefeilte Produktion. Es wurde an vier Tagen Mitte Oktober aufgenommen und sofort im Internet veröffentlicht. Akchoté macht seit Langem keine richtigen Platten mehr. Die Arbeitsweise der Musikindustrie erinnert ihn ans 19. Jahrhundert: "Der Produzent bezahlt alles im Voraus, weil die Musiker es sich nicht leisten könnten: Studiokosten, Postproduktion, Layout, Druck und Werbung. Dafür behält er alle Rechte. Die Musiker sind bestraft auf Lebenszeit. Und je größer ihr Name auf dem Cover steht, desto weniger Geld bekommen sie."

Im Internet sieht Akchoté bessere Möglichkeiten: "Die Kosten werden durch den Verkauf zu 80 Prozent wieder eingespielt. Ich kann die unterschiedlichsten Sachen herausbringen: Archive, Ausschnitte, Experimente, Essays – was auch immer. Wenn ich etwas aufnehmen will, kann ich das tun – und am Abend ist es im Netz erhältlich!"

Auch ein Filter will er als Produzent nicht sein. Er flutet den Markt mit einer Fülle an Produktionen, die ihm eine Plattenfirma niemals finanziert hätte. Zu seinem Œuvre zählen Jazzstandards ebenso wie freie Improvisationen, Musik der Renaissance und des Frühbarock, Cabaret und Chanson, Coverversionen von Kylie-Minogue-Songs, Klezmer, Bhangra Jazz, Noise und auch die eine oder andere Pornofilmmusik. Das bereitet dem Jazzpublikum manchmal Kopfzerbrechen.

Im Wochentakt purzeln neue Veröffentlichungen aus Akchotés Gitarrenkoffer. Zählt man die Werke mit ihm als Begleitmusiker dazu, umfasst seine Diskografie an die 900 Alben. Nahezu 170 Veröffentlichungen hat er zum Download ins Netz gestellt, 120 unter seinem Namen. Zwischen sechs und zehn Euro nimmt er dafür.

In seinem Leben hat er schon vieles ausprobiert. Geboren im Dezember des legendären Jahres 1968 in Paris, stieß er als 13-Jähriger zur Jazzszene. Deren Granden, Philip Catherine oder Chet Baker, nahmen ihn herzlich auf – wann begegnet man schon einem Halbwüchsigen, der sich für nichts anderes als Jazz interessiert? Er wurde von den Altmeistern protegiert, ohne dass er ihnen hätte nachfolgen wollen. Zudem ist der Jazz, wie er ihn liebte, 1988 gestorben, mit Chet Baker.

"Was in den letzten zwanzig Jahren unter der Bezeichnung Jazz veröffentlicht wurde, hat für mich überhaupt nichts mit Jazz zu tun", sagt Akchoté. "Man sollte es Instrumentalmusik nennen."

Und schon ist man wieder bei der Frage nach dem Wesen dieser Musik. Was ist Jazz eigentlich? Ist das etwas mit Saxofon? Etwas, das sich abhebt von der Masse? Kann man Jazz lernen, an Konservatorien und Musikhochschulen? Abenteuer, Aufbruch, Erneuerung? Ist es Jazz, wenn man ein einst innovatives Solo von John Coltrane nachspielt? Vielleicht tun Musiker wie Till Brönner einfach nur so, als wären sie Jazzer. Sie jazzschauspielern.

Die Helden des Jazz – ob Miles Davis, Duke Ellington, Count Basie oder Sun Ra – haben das jeweils vorhandene ästhetische Verständnis erweitert, sie haben neue Formeln gesucht und gefunden und die Musik mit ihrer ganzen Persönlichkeit geprägt. Denn Jazz konserviert nicht. Jazz wirft Fragen auf.

Und so geht es Noël Akchoté nicht um die Rekonstruktion eines Stils, sondern um die Überprüfung eines Gefühls. Beim Black Album ist es die Begeisterung, die er als Junge spürte, als er Jazzrock hörte. Und die ist immer noch da.

Noël Akchoté: Black Album, als MP3 bei Noël Akchoté Downloads/Believe Digital, www.noelakchote.org