Gesumm im Bienenkorb – Seite 1

Zuerst läuft man die elegante Krakowskie Przedmieście entlang, am alten Hotel Bristol und am inzwischen geschlossenen Hotel Europejiski vorbei. Am Ende der Straße steht, rührender gartenbaulicher Versuch, eine einsame Palme. Dort steigt man in den Bus und fährt eine halbe Stunde lang weiter geradeaus. Es ist kalt in Warschau Ende November. Der Tag ist grau, das Licht ist kaum angegangen und wird am frühen Nachmittag auch schon wieder abgeschaltet. Aus den Busfenstern sieht man rechts Plattenbauten, links Plattenbauten. Aussteigen in Wilanów an einer sechsspurigen Straße, an deren Rändern irgendwann in der polnischen Nachkriegszeit die Hochhäuser wie Kuchenkrümel verstreut wurden.

Joanna Bator wohnt in einem dieser Hochhäuser im zehnten Stock. Sie öffnet die Tür und ist: sehr dünn, sehr erschöpft, sehr bleich. Wir setzen uns in ihr Arbeitszimmer, und sie nimmt auf ihrem großen schwarzen Schreibtischstuhl Platz, in dem sie ein wenig zu versinken scheint wie ein Vogel in einem überdimensionierten Nest. Wenn sie schreibt, sagt sie, schaut sie immer aus diesem Fenster, aus dem man jetzt ein Meer aus erleuchteten Fenstern und den grauen Himmel von Warschau erkennt. So wie Joanna Bator dort jetzt sitzt an ihrem Schreibtisch über dem Warschauer Lichtermeer, sieht sie aus, als hätte der polnische Filmregisseur Krzysztof Kieślowski sie vor langer Zeit da hingesetzt und dann vergessen.

Die Wohnung ist asketisch eingerichtet, ein wenig japanisch, Masken, Blumengestecke. In einer Holzschale liegt der neue Roman des japanischen Kultautors Haruki Murakami wie eine kostbare exotische Frucht. Ja, sagt sie, er sei ihre große Liebe. Sie habe alles von Haruki Murakami gelesen. Sie bewundere auch seine Art, Interviews zu geben. Ein Interviewer habe Murakami beispielsweise einmal gefragt, was denn das Schaf in seinen Romanen bedeute. Und da habe er geantwortet, das wisse er auch nicht. Die Besucherin überkommt eine kurze, unnötige Panik. Verlegt sich die polnische Autorin am Ende aus Bewunderung für den großen Japaner auf die Technik des genialischen Gesprächsboykotts, wie sie die ganz großen Stars des Literaturgewerbes so vollendet beherrschen? Nein, dieser Verdacht ist ganz unbegründet. Joanna Bator sitzt, die Beine hochgezogen, auf ihrem schwarzen Arbeitsthron und ist einfach nur: sehr, sehr müde. Sie leidet unter Schlaflosigkeit, wacht um drei Uhr in der Nacht auf, geht in der Wohnung umher, sieht aus dem Fenster und findet den Abschaltknopf in sich einfach nicht mehr.

Vor Kurzem hat Joanna Bator den wichtigsten polnischen Literaturpreis bekommen, den Nike-Preis, für ihr neues Buch Ciemno, prawie noc (Dunkel, fast Nacht). In ein paar Tagen wird sie in Deutschland aus ihrem gerade ins Deutsche übersetzten Roman Wolkenfern lesen, in Göttingen, Berlin, Essen, Köln und Hannover. Sie könne sich, sagt sie, diese deutschen Städtenamen einfach nicht richtig merken, ständig verwechsele sie Hannover und Hamburg miteinander.

Sie ist 45 Jahre alt und zieht seit Jahrzehnten durch die Welt, hat in Amerika die "leerste Zeit" ihres Lebens und in Japan ihre "besten Tage" erlebt. In ihren Romanen ist sie während dieser Wanderjahre immer ins schlesische Wałbrzych zurückgekehrt, aus dem sie mit 18 Jahren aufgebrochen ist, als ein weiblicher Arbeitsjunkie, getrieben von sich selbst und den schlesischen Geistern ihrer Kindheit.

In ihrer Jugend in Wałbrzych und auch noch später in ihrem Studium der Philosophie und Kulturwissenschaft in Breslau sei sie ein Junkie-Leser gewesen, süchtig nach Buchstaben, egal, ob auf einer Haarshampooflasche oder in einem Roman von Márquez. Damals habe sie sogar die Fähigkeit besessen, eine ganze Buchseite mit einem Blick aufnehmen zu können, ohne sie Zeile für Zeile lesen zu müssen. Erst in Japan sei sie zum ersten Mal in ihrem Leben zum Halten gekommen. Dort sei sie sich zum ersten Mal "selbst kein Problem mehr gewesen" und habe das "Syndrom der perfekten Schülerin in mir" besänftigen können. Tag für Tag habe sie gespürt, wie der Druck nachgelassen und das Leben wieder zu fließen begonnen habe.

Vier Jahre lang hat Joanna Bator in Japan gelebt. Zunächst hatte sie ein Forschungsstipendium. Das hat sie dann aber schnell aus den Augen verloren. Mit dem Blick auf den Fudschijama hat sie schließlich ihren ersten Roman Sandberg geschrieben, ein Meilenstein der europäischen Gegenwartsliteratur. Erst in Japan, sagt sie, habe sie diesen Roman über die Bewohner der Plattenbausiedlung Sandberg in Wałbrzych schreiben können. Ohne so weit aus Polen wegzugehen, hätte sie nie über die polnische Provinz schreiben können, aus der sie kommt. Jetzt möchte sie sesshaft werden. Gleich nach ihrer Rückkehr aus Deutschland möchte die Nomadin zum ersten Mal in ihrem Leben in ein eigenes Haus ziehen. Aber nicht in Tokio oder Berlin, sondern in Sulejówek, einer Kleinstadt zwanzig Kilometer östlich von Warschau. Man kann es so sehen: Joanna Bator hat einen langen Umweg um die Welt gemacht, um zu sehen, ob das polnische Paradies von hinten wieder offen ist. Und es war offen.

Traumata der Vertriebenen und Nachrückenden

Aber was ist so bemerkenswert an Wałbrzych, dass Joanna Bator ununterbrochen Romane schreibt, in denen alle aus Wałbrzych kommen? Auch der neue, vierte Roman, der auf dem eingeschalteten Laptop schon die ganze Zeit über wie ein stummer Zeuge vom leeren Schreibtisch aus herüberleuchtet, wird wieder in Wałbrzych spielen. Sie habe sich, sagt sie, diesen Ort nicht ausgesucht. Der Ort habe sie gewählt. Wałbrzych, 120.000 Einwohner, 65 Kilometer südwestlich von Breslau, ehemalige Bergbaustadt. Bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs hieß der Ort Waldenburg und gehörte zu Deutschland. Dann gingen die Deutschen und ließen ihre Habseligkeiten, ihre Häuser, ihre Betten, ihre Mäntel und Bücher zurück. Die Polen, die sich in der Geisterstadt niederließen, lebten ein Leben wie nach der Explosion einer Neutronenbombe: Alles war noch da, aber alle waren weg. Ein unheimlicher Ort, sagt Joanna Bator. Ein Ort, in dem man in fremden Betten schlief und von fremden Tellern aß. Noch in ihrer Jugend hieß die Hälfte der Dinge in Wałbrzych "postdeutsch" – dieser "postdeutsche Schrank", dieses "postdeutsche Bett". Es war ein Leben mit Phantomen, mit Abwesenden, die in ihren Hinterlassenschaften weiterlebten.

Joanna Bator erfand sich damals eine Fantasiefigur, die sie ihre "deutsche Helga" nannte und mit der sie sich zu stundenlangen Unterhaltungen in den "postdeutschen Schrank" der Eltern zurückzog. Bis heute begleitet sie ein leeres "postdeutsches Fotoalbum", das sie irgendwo gefunden hat und das sie der Besucherin zeigt. Ganz unvermeidlich, sagt sie, sei in dieser Umgebung der "Neid auf die Menschen mit Wurzeln, mit Orten" entstanden. Und ganz offensichtlich war es so, dass nicht nur die Vertriebenen, sondern auch die Nachrückenden Traumatisierte waren. Menschen am falschen Ort. Leute, die in einer verbissenen Weise auf die Zukunft fixiert waren, weil sie keine eigene Vergangenheit hatten, sondern in eine fremde Vergangenheit gespült worden waren wie Treibgut.

Vielleicht hängt es mit diesem Gefühl des Unvollständigseins zusammen, dass durch die Romane von Joanna Bator eine nicht abreißende Flut von Gegenständen und Waren strömt, die die Frauen horten, sammeln und ersehnen, als wäre täglich Weihnachten und als könnte man auf dieser Welle von Konsumgütern in ein besseres, irgendwie vollgültigeres Leben gespült werden.

Überhaupt die Frauen. Die beiden Romane Sandberg und Wolkenfern erzählen von drei Wałbrzycher Frauengenerationen, den beiden Großmüttern Halina und Zofia, der Mutter Jadzia und der Tochter Dominika, die alle unfassbar durchsetzungsfähige Vertreterinnen des polnischen Matriarchats sind. Die Männer verschwinden tagsüber in den Kohlegruben unter der Stadt und abends in ihrer grubenartigen Sesselkuhle vor dem Fernseher. Sie taugen zu wenig und sind häufig nicht einmal die echten Erzeuger ihrer Töchter, sterben früh oder verschwinden, von den zurückbleibenden Frauen beinahe unbemerkt, in irgendein anderes Leben. Die Frauen bleiben unter sich, streiten sich, beklagen vielstimmig ihr Schicksal und halten am Ende immer zusammen.

In der Siedlung Sandberg, erinnert sich Joanna Bator, war es wie in einem Bienenkorb. Pro Etage gab es fünfzehn winzige Wohnungen, die allergrößte habe vielleicht fünfzig Quadratmeter umfasst. In diesem Bienenkorb summten die Frauen in ihren Schürzen und schürzenartigen Kleidern, mit ihren Lockenwicklern in den Haaren, die sie mit Bier übergossen hatten, den ganzen Tag treppauf, treppab. Sie brachten sich Kuchen und halbe Schweine, standen stundenlang im Wohnungseingang und schaukelten beim Reden hin und her, als stünden sie noch zu Hause am Dorfzaun. Dieses pausenlose Gesumm und Gerede einer längst verschwundenen Frauenwelt hatte Joanna Bator im Ohr, als sie die sturzbachartigen Litaneien der Heldinnen ihrer Romane in der Stille des japanischen Exils aufschrieb. Was Joanna Bator interessiert, ist: "her-story", die noch immer reichlich unbekannte weibliche Geschichte des Lebens. Statt zum hunderttausendsten Mal "history" und damit die schon weitgehend auserzählte männliche Geschichte der Welt endlos zu vervielfachen.

Joanna Bator ist selbst in einem weiblichen Universum aufgewachsen, mit zwei Großmüttern, einer Urgroßmutter, einer Mutter und einer Schwester. In der Figur der Tochter Dominika in den beiden Wałbrzycher Romanen, einer dünnen, hochbegabten Außenseiterin und Nomadin, die aus Wałbrzych flieht und nichts besitzen und horten möchte, erkennt sie sich selbst ein wenig wieder. Diese Figur, sagt Joanna Bator, "ist offen für die Erzählung der anderen". Sie zieht von Land zu Land und trifft überall Freundinnen, eine schwarze Krankenschwester in Deutschland, eine griechische Zimmerwirtin in London, eine polnische Exilantin in New York – als wäre die ganze Welt ein großer brummender Bienenkorb, in dem hinter jeder Tür eine Verbündete wohnt. "Dominika nutzt all diese Figuren, denen sie begegnet", sagt Joanna Bator, "um ihre Erzählung aufzubauen und dabei stärker und stärker zu werden, um am Schluss mit einer eigenen Geschichte zum Sandberg zurückzukehren."

Um das zu verstehen, empfiehlt es sich, den Roman Sandberg schon gelesen zu haben, bevor man mit Wolkenfern beginnt. Dann kennt man Jadzia und die kettenrauchende Oma Halina schon ein wenig und begreift, warum Mütter und Töchter bei Joanna Bator ein glücklich-unglückliches Lebensbündnis bilden, das in der Literatur ganz einmalig ist. Übermutter Jadzia ist eine – durchaus mit zärtlichem Spott geschilderte – mythische Frauenfigur, die matka polka, die polnische Mutter, die heute, sagt Bator, im völkischen Diskurs in Polen wieder auftauche. In Wolkenfern ist die Mutter das Trauma der Tochter, die Figur, vor der sie flieht und zu der sie immer wieder zurückkommt, weil die beiden durch eine "Schnur verbunden sind, deren Enden in beiden verwachsen sind, stärker als die Nabelschnur". Die Beziehung zwischen Mutter und Tochter, sagt Joanna Bator, sei nun einmal "die stärkste Beziehung" im Leben einer Frau. Was soll man da machen?

Glück und Unglück bemessen sich in der Literatur anders. Alle Figuren ihrer Romane haben etwas entschieden Unglücklich-Glückliches an sich. Auch sie selbst, sagt Joanna Bator, lebe gerne unter einer schwarzen Sonne und schreibe, um sich ihre Melancholie zu erzählen.

Zum Abschied schenkt sie der Besucherin einen Stein. Es sei doch nicht ausgeschlossen, dass die Besucherin Haruki Murakami einmal über den Weg laufe. Die Welt sei doch so klein. Dann könne sie den Stein an Murakami weitergeben.