Aber was ist so bemerkenswert an Wałbrzych, dass Joanna Bator ununterbrochen Romane schreibt, in denen alle aus Wałbrzych kommen? Auch der neue, vierte Roman, der auf dem eingeschalteten Laptop schon die ganze Zeit über wie ein stummer Zeuge vom leeren Schreibtisch aus herüberleuchtet, wird wieder in Wałbrzych spielen. Sie habe sich, sagt sie, diesen Ort nicht ausgesucht. Der Ort habe sie gewählt. Wałbrzych, 120.000 Einwohner, 65 Kilometer südwestlich von Breslau, ehemalige Bergbaustadt. Bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs hieß der Ort Waldenburg und gehörte zu Deutschland. Dann gingen die Deutschen und ließen ihre Habseligkeiten, ihre Häuser, ihre Betten, ihre Mäntel und Bücher zurück. Die Polen, die sich in der Geisterstadt niederließen, lebten ein Leben wie nach der Explosion einer Neutronenbombe: Alles war noch da, aber alle waren weg. Ein unheimlicher Ort, sagt Joanna Bator. Ein Ort, in dem man in fremden Betten schlief und von fremden Tellern aß. Noch in ihrer Jugend hieß die Hälfte der Dinge in Wałbrzych "postdeutsch" – dieser "postdeutsche Schrank", dieses "postdeutsche Bett". Es war ein Leben mit Phantomen, mit Abwesenden, die in ihren Hinterlassenschaften weiterlebten.

Joanna Bator erfand sich damals eine Fantasiefigur, die sie ihre "deutsche Helga" nannte und mit der sie sich zu stundenlangen Unterhaltungen in den "postdeutschen Schrank" der Eltern zurückzog. Bis heute begleitet sie ein leeres "postdeutsches Fotoalbum", das sie irgendwo gefunden hat und das sie der Besucherin zeigt. Ganz unvermeidlich, sagt sie, sei in dieser Umgebung der "Neid auf die Menschen mit Wurzeln, mit Orten" entstanden. Und ganz offensichtlich war es so, dass nicht nur die Vertriebenen, sondern auch die Nachrückenden Traumatisierte waren. Menschen am falschen Ort. Leute, die in einer verbissenen Weise auf die Zukunft fixiert waren, weil sie keine eigene Vergangenheit hatten, sondern in eine fremde Vergangenheit gespült worden waren wie Treibgut.

Vielleicht hängt es mit diesem Gefühl des Unvollständigseins zusammen, dass durch die Romane von Joanna Bator eine nicht abreißende Flut von Gegenständen und Waren strömt, die die Frauen horten, sammeln und ersehnen, als wäre täglich Weihnachten und als könnte man auf dieser Welle von Konsumgütern in ein besseres, irgendwie vollgültigeres Leben gespült werden.

Überhaupt die Frauen. Die beiden Romane Sandberg und Wolkenfern erzählen von drei Wałbrzycher Frauengenerationen, den beiden Großmüttern Halina und Zofia, der Mutter Jadzia und der Tochter Dominika, die alle unfassbar durchsetzungsfähige Vertreterinnen des polnischen Matriarchats sind. Die Männer verschwinden tagsüber in den Kohlegruben unter der Stadt und abends in ihrer grubenartigen Sesselkuhle vor dem Fernseher. Sie taugen zu wenig und sind häufig nicht einmal die echten Erzeuger ihrer Töchter, sterben früh oder verschwinden, von den zurückbleibenden Frauen beinahe unbemerkt, in irgendein anderes Leben. Die Frauen bleiben unter sich, streiten sich, beklagen vielstimmig ihr Schicksal und halten am Ende immer zusammen.

In der Siedlung Sandberg, erinnert sich Joanna Bator, war es wie in einem Bienenkorb. Pro Etage gab es fünfzehn winzige Wohnungen, die allergrößte habe vielleicht fünfzig Quadratmeter umfasst. In diesem Bienenkorb summten die Frauen in ihren Schürzen und schürzenartigen Kleidern, mit ihren Lockenwicklern in den Haaren, die sie mit Bier übergossen hatten, den ganzen Tag treppauf, treppab. Sie brachten sich Kuchen und halbe Schweine, standen stundenlang im Wohnungseingang und schaukelten beim Reden hin und her, als stünden sie noch zu Hause am Dorfzaun. Dieses pausenlose Gesumm und Gerede einer längst verschwundenen Frauenwelt hatte Joanna Bator im Ohr, als sie die sturzbachartigen Litaneien der Heldinnen ihrer Romane in der Stille des japanischen Exils aufschrieb. Was Joanna Bator interessiert, ist: "her-story", die noch immer reichlich unbekannte weibliche Geschichte des Lebens. Statt zum hunderttausendsten Mal "history" und damit die schon weitgehend auserzählte männliche Geschichte der Welt endlos zu vervielfachen.

Joanna Bator ist selbst in einem weiblichen Universum aufgewachsen, mit zwei Großmüttern, einer Urgroßmutter, einer Mutter und einer Schwester. In der Figur der Tochter Dominika in den beiden Wałbrzycher Romanen, einer dünnen, hochbegabten Außenseiterin und Nomadin, die aus Wałbrzych flieht und nichts besitzen und horten möchte, erkennt sie sich selbst ein wenig wieder. Diese Figur, sagt Joanna Bator, "ist offen für die Erzählung der anderen". Sie zieht von Land zu Land und trifft überall Freundinnen, eine schwarze Krankenschwester in Deutschland, eine griechische Zimmerwirtin in London, eine polnische Exilantin in New York – als wäre die ganze Welt ein großer brummender Bienenkorb, in dem hinter jeder Tür eine Verbündete wohnt. "Dominika nutzt all diese Figuren, denen sie begegnet", sagt Joanna Bator, "um ihre Erzählung aufzubauen und dabei stärker und stärker zu werden, um am Schluss mit einer eigenen Geschichte zum Sandberg zurückzukehren."

Um das zu verstehen, empfiehlt es sich, den Roman Sandberg schon gelesen zu haben, bevor man mit Wolkenfern beginnt. Dann kennt man Jadzia und die kettenrauchende Oma Halina schon ein wenig und begreift, warum Mütter und Töchter bei Joanna Bator ein glücklich-unglückliches Lebensbündnis bilden, das in der Literatur ganz einmalig ist. Übermutter Jadzia ist eine – durchaus mit zärtlichem Spott geschilderte – mythische Frauenfigur, die matka polka, die polnische Mutter, die heute, sagt Bator, im völkischen Diskurs in Polen wieder auftauche. In Wolkenfern ist die Mutter das Trauma der Tochter, die Figur, vor der sie flieht und zu der sie immer wieder zurückkommt, weil die beiden durch eine "Schnur verbunden sind, deren Enden in beiden verwachsen sind, stärker als die Nabelschnur". Die Beziehung zwischen Mutter und Tochter, sagt Joanna Bator, sei nun einmal "die stärkste Beziehung" im Leben einer Frau. Was soll man da machen?

Glück und Unglück bemessen sich in der Literatur anders. Alle Figuren ihrer Romane haben etwas entschieden Unglücklich-Glückliches an sich. Auch sie selbst, sagt Joanna Bator, lebe gerne unter einer schwarzen Sonne und schreibe, um sich ihre Melancholie zu erzählen.

Zum Abschied schenkt sie der Besucherin einen Stein. Es sei doch nicht ausgeschlossen, dass die Besucherin Haruki Murakami einmal über den Weg laufe. Die Welt sei doch so klein. Dann könne sie den Stein an Murakami weitergeben.