15. März 2013, Tübingen

Die Hauptverhandlung am Landgericht Tübingen beginnt. Nach nur zwei Verhandlungstagen muss das Verfahren allerdings abgebrochen werden. Eine Schöffin ist erkrankt. Am 16. April geht der Prozess wieder von vorn los. Es folgen 22 Verhandlungstage – bis das Hauptverfahren am 21. Oktober erneut ausgesetzt wird. Diesmal ist ein Richter erkrankt. An einen Ersatzrichter hatte niemand gedacht.

Weil ihnen die Sache in Tübingen zu schleppend vonstatten geht, stellen die Verteidiger von Nicolas L. Antrag auf Haftaufhebung. Sie haben Erfolg: Am 4. November entscheidet das Oberlandesgericht Stuttgart, das Verfahren könne "zumindest zukünftig nicht mehr mit der verfassungsrechtlich gebotenen Beschleunigung betrieben werden" – eine kollegial korrekte Ohrfeige für die langsamen Kollegen in Tübingen. Die Angeklagten müssen aus der U-Haft entlassen werden. Dem mutmaßlichen Kopf der Organisation, Nicolas L., droht zwar eine Haftstrafe von bis zu 15 Jahren. Doch nun ist er – nach immerhin 15 Monaten Gefängnis – auf freiem Fuß.

Am 12. November 2013 beginnt die dritte Verhandlungsrunde. Wieder wird der Prozess neu aufgerollt, so will es die Strafprozessordnung. Die Anklageschrift wird verlesen, die Beschuldigten – einer hat bereits Bewährung bekommen, die übrigen sechs sind vollständig erschienen – werden gefragt, ob sie aussagen möchten, sie möchten nicht. Dann bittet der Vorsitzende Richter die Verteidiger und Staatsanwälte in einen separaten Raum. Hier erfolgt eine Kapitulationserklärung der Strafkammer: Weil die Angeklagten sich ohnehin auf freiem Fuß befänden, werde die Verhandlung auf unbestimmte Zeit verschoben, verkündet der Vorsitzende. Andere Verfahren seien derzeit dringlicher, das Gericht sei nicht in der Lage, zeitnah fortzufahren.

Neben der Blamage bleibt weiter ein ungutes Gefühl, was die Lockvogelrolle des Pablo angeht. Klaus Malek, Verteidiger des Nicolas L., beklagt: "Das Verfahren war gänzlich überflüssig. Die Drogen wären ohne Beteiligung der deutschen Polizei gar nicht nach Deutschland gelangt." Der Leitende Oberstaatsanwalt weist die Kritik zurück. Auf die Anfrage der ZEIT antwortet er schriftlich: "Richtig ist, dass es das Ziel der Organisation war, große Mengen Kokain – im Gespräch waren fünf bis sieben Tonnen – in das Gebiet der Europäischen Union zu verbringen." Im Rahmen der internationalen Zusammenarbeit sei bekannt geworden, dass eine Lieferung nach Deutschland geplant sei. Deshalb die verdeckten Ermittlungen. Zur Bekämpfung der Organisierten Kriminalität, so der Staatsanwalt, müssten Ermittler in den "Kernbereich der kriminellen Organisation" eindringen, die Strippenzieher dingfest machen und "zur Aburteilung bringen".

Dies Bemühen in allen Ehren, doch Rechtsanwalt Malek könnte recht haben: Womöglich wären Nicolas L. und seine Spießgesellen ohne den Ermittler Pablo niemals auf die Idee gekommen, tonnenweise Kokain von Südamerika nach Deutschland schmuggeln zu wollen. Und vielleicht hat sich die Staatsanwaltschaft Tübingen mit ihren begrenzten Kapazitäten tatsächlich übernommen, als sie diesen Fall mit aller Gewalt an sich zog.

Ermittlungen sind unbestritten wichtig: Allein 2012 wurden bundesweit 1.059 Kilogramm Kokain sichergestellt, Wert: 70 Millionen Euro. 65,70 Euro kostet ein einziges Gramm Kokain. Auch der Fall der Grande America zeigt, dass sich der weiße Suchtstoff, der nach Hochgefühlen zu Angstzuständen und Wut führen kann, in Deutschland ausbreitet. Im März entdeckte ein Hamburger Drogenhund auf dem Containerschiff acht Reisetaschen mit 160 Kilogramm reinem Kokain. Der Hinweis war von Interpol gekommen. Die Grande America hatte, aus Brasilien kommend, überraschend die Route geändert und in Hamburg angelegt. Es folgten vier Festnahmen in Belgien.

Die Angeklagten im Tübinger Fall werden in den nächsten Tagen allerdings nach Südamerika heimfliegen. Das Gericht wird später versuchen, sie erneut vorzuladen – irgendwann, wenn die Richter wieder Zeit haben. "Die Gerichte in Baden-Württemberg waren immer berühmt dafür, mit den wenigsten Richtern die schnellsten Ergebnisse zu erzielen", sagt ein Tübinger Richter. Diesmal hat das wohl nicht geklappt.