Vor wenigen Tagen starb Dieter Hildebrandt. Für das Genre, dessen größter Künstler er war, das Kabarett, bedeutet das allerdings keine Zäsur. Denn Hildebrandt gehörte der Branche schon seit Längerem nur noch als eine Art Ehrenvorsitzender an. Er hatte sich von ihr abgewendet.

Hildebrandt hatte die Repräsentanten der "Macht" stets verspottet, denn so gewann er Erkenntnisse über das System, in dem diese Gestalten es nach oben geschafft hatten. Aber er attackierte sie nicht, um sie zu erledigen.

Seitdem Hildebrandt sich zurückzog, ist der Beruf des Kabarettisten ziemlich heruntergekommen. Es gibt nun immer mehr Spezialhandwerker des Parodistengewerbes, die zwei, drei Politiker gut "können", damit durch die Lande reisen und in Fernsehsendungen eingeladen werden. Aus souveränen Hofnarren, immerhin, sind Referentengestalten geworden, die den Originalen den Aufwand ersparen, sich selbst in die Sendungen zu bemühen.

Und es hat sich ein anderer Spezialbereich des Kabaretts herausgebildet: der Scharfrichter als Sprecher der Kundenmehrheit. Aus dem Verhältnis zwischen Beherrschten und Herrschenden beziehungsweise Bürgern und Regierenden ist eines zwischen Käufern (oder Zuschauern) und Dienstleistern (oder Darstellern) geworden. Was zwischen diesen Gruppen stattfindet, ist nicht mehr Kritik, Diskurs, Unterwanderung, Subversion, sondern: Evaluation bis zur Erledigung. Wenn heute "Mächtige" attackiert werden, dann geht es darum, Prangersituationen zu stiften. Unvergesslich der Sommer, in dem Angela Merkel den Fehler machte, die Bayreuther Festspiele in einem hellen Kleid zu besuchen. Das Kleid ließ Rückschlüsse darauf zu, dass die Kanzlerin feuchte Achseln hatte – und, man muss es so sagen, in Merkels Achselschweiß badete das deutsche Kabarett in den folgenden Monaten, bis in den tiefen Herbst hinein, mit einer schier selbstvergessenen Glückseligkeit – als sei es mit einem Jahrhundertthema beschenkt worden.

Kabarettist - Dieter Hildebrandt – ein Wahrheitsagent unter Oberlehrern

Zu Hildebrandts Zeiten hatte Kabarett einen Zweck: Volksaufklärung. Dem Ensemblekabarett alter Schule hing deshalb ein Etikett an: Volkshochschule. Das wollten immer weniger Zuschauer sehen. Sie wollten in ihrer Freizeit mit nichts in Berührung kommen, was an Arbeit erinnerte. Stattdessen triumphieren jetzt auf den Kabarettbühnen (die längst Comedybühnen sind) agile Zyniker und Stand-up-Komödianten, die nicht über die Zustände der Gesellschaft klagen, sondern sich über die Zustände in ihren eigenen Köpfen amüsieren.

Medienwissenschaftler behaupten, man erkenne eine Boulevardzeitung daran, dass sich ihre Redakteure stilistisch und inhaltlich nicht mehr von ihren Leserbriefschreibern unterschieden. Man könnte Ähnliches von vielen deutschen Kabarettisten sagen; sie sind dem Stammtisch, den sie transzendieren müssten, zum Verwechseln ähnlich geworden.

Dieter Hildebrandt hatte das erkannt und sich mit Grausen abgewendet. Er wird uns fehlen, aber wir werden es wahrscheinlich gar nicht merken.