Für uns in der ZEIT war Marga Swoboda (* 15. April 1955, † 20. November 2013)  eine Spätberufene oder eine fast zu spät Entdeckte.

Es war ihre abgründig menschenkenntnisreiche Würdigung des Buches Jenseits des Protokolls von Bettina Wulff in der Bild am Sonntag, die uns in der Chefredaktion fragen ließ: Warum schreibt diese Autorin nicht bei uns? Man nennt so etwas Serendipität – durch Zufall fanden wir etwas Wertvolles, nach dem wir nicht gesucht hatten, und noch dazu an einem Ort, an dem wir es nicht vermutet hätten. Swoboda schrieb: "Deutschland ist flächendeckend mit den gekränkten Gefühlen von Frau Wulff geflutet. (So jung und schon so viele Erinnerungen!) Es war alles so anstrengend, so hart und so gemein. Sätze, mit wild zurückgeworfener Mähne geschrieben. Am Bleistift wurde nie gekaut, jedenfalls nicht vor Nachdenklichkeit. Dann wieder bindet sich die Autorin einen Pferdeschwanz. Zum öffentlichen Pferdestehlen vielleicht. Oder wie damals, als sie ihrem zukünftigen Bundespräsidenten begegnete."

In Wien galt Marga Swoboda als menschenfreundlich-unverblümte Institution, Kolumnistin bei der Kronen Zeitung, einem Boulevardblatt, vergleichbar mit Bild. Und die Vitalität des Boulevards troff aus jeder ihrer Zeilen, die zugleich so nachdenklich, pointenreich und traurig waren. Ihre Texte waren Mischformen aus Philosophie und Gossenslang. Man hörte sie förmlich wienerisch sprechen, so weich und voller Schmäh und gleichzeitig unbestechlich und eisenhart. Sie schlenzte ihre Sätze in die Welt wie der neue Bayern-Star Mario Götze den Ball ins Dortmunder Tor. Mitten ins Herz.

Als wir sie anriefen, fiel sie freudig überrascht aus allen Wolken. Und dann schrieb sie für uns – leider blieb ihr nur noch Zeit für einen einzigen Text: das Porträt der Susie Haneke, einer leisen und zurückgezogenen Wienerin mit einer Schwäche fürs Schöne. Sie war – wie Swobodas Text erzählt – die zauberhafte Requisiteurin und Innenarchitektin ihres Mannes, des Oscarpreisträgers Michael H. Es war nicht nur das Porträt einer großen und langen Künstlerliebe, sondern auch die Entdeckung, dass die Bilder, für die der Weltregisseur Haneke berühmt ist, Kompositionen dieses Paares sind.

Marga Swoboda beschreibt nebenbei auch sich selbst als Reporterin, die die Fährte aufnimmt, die das Objekt ihrer Neugierde einkreist, einseift, stellt – und dann versteht und schützt. Sich selbst nahm Swoboda nie in Schutz, ob in ihren Briefen an die ZEIT, in denen sie sich mitunter als "Boulevard-Schlampe" bezeichnete, ob in ihren Texten. Sie war ohne Visier, angreifbar, angstfrei und schmerzhaft ehrlich zu sich selbst. "Meine Augen sehen auf jedem Bild aus wie aus der Form geweint. Die Kinder, das Leben, die Männer, der Job: Nichts, was einen auch nur einen Tag jünger macht", schrieb sie vor Millionenpublikum in der Bild am Sonntag . Und an dieser Offenheit hat sie ihre Gesprächspartner gemessen.

Marga Swoboda wollte mit 58 Jahren unter ihrem Klarnamen Margarethe Mark noch einmal neu anfangen und ZEIT- Autorin werden, es liegen noch viele Themenvorschläge von ihr auf unserem Schreibtisch. Vielleicht wäre es die beste Zeit ihres Lebens geworden. Doch wir haben nur noch einen Zipfel von ihr erwischt. Letzte Woche ist sie am Lungenkrebs gestorben. Und wir sind sehr traurig über ihren Tod und über jeden Text, den sie nicht mehr für uns schreibt.