Angenommen, die Industrie würde aufhören, in die Entdeckung und Erschließung neuer Ölvorkommen zu investieren. Angenommen, Shell, BP, Saudi Aramco, Petrobras, und wie die Megakonzerne alle heißen, würden sich entschließen, nur noch Öl aus den heute schon genutzten Feldern zu fördern und zu verkaufen: Die Welt säße sehr schnell auf dem Trockenen – so wie die deutschen Autofahrer vor genau 40 Jahren, als ihnen während der ersten Ölpreiskrise im November und Dezember 1973 vier autofreie Sonntage verordnet wurden.

Schwarzmalerei? Tatsächlich dauert es nach Auskunft der Internationalen Energieagentur (IEA) nur noch gut 20 Jahre, bis die heute genutzten Ölquellen nahezu versiegt sind. Abwendbar ist der Super-GAU nur, wenn schnell viel neues Öl gefunden und erschlossen wird. Es geht um das Fünffache der Menge, die heute allein Saudi-Arabien fördert; diese Menge würde allerdings nur ausreichen, um den natürlichen Schwund der schon genutzten Ölfelder zu ersetzen. Wächst die weltweite Ölnachfrage, womit nach Lage der Dinge zu rechnen ist, muss darüber hinaus Öl gefördert werden.

Im Vergleich zu dieser Herausforderung ist die Energiewende, für die sich die deutschen Politiker doppelt so viel Zeit lassen wollen, eine einfache Übung.

Die Erleichterung war deshalb groß, als die IEA im vergangenen Jahr von aufsehenerregenden Entwicklungen auf dem amerikanischen Ölmarkt berichtete. Die Behörde mit Sitz in Paris – die erste Adresse, wenn es um die weltweite Ölversorgung geht – gab damit zu weitreichenden Spekulationen Anlass. Amerika sei auf dem Weg, zum neuen Saudi-Arabien zu werden, zur Ölmacht Nummer eins, hieß es. Die USA, nicht mehr die "Scheichs", würden in Zukunft den Ton angeben, wenn es um den wichtigsten Energierohstoff der Erde geht. Washington werde sogar das politische Interesse am Nahen Osten verlieren, so eine vertrauliche Studie des Bundesnachrichtendienstes.

Plötzlich war er wieder da: der Traum vom ewigen Öl.

Tatsächlich ist es in den USA gelungen, mit neuer Technik, dem umstrittenen Fracking, Ölvorkommen zu erschließen, die in dichtem Gestein lagern und bisher nur schwer erreichbar waren. Dadurch konnten die Amerikaner verhindern, dass ihre Ölproduktion weiter sinkt, so wie sie es zwei Jahrzehnte lang bis 2008 getan hatte. Dank dem "Schieferöl" ist die Förderung sogar wieder gestiegen, um mehr als drei Million Fass pro Tag.

Nur, erstens ist das Wachstum der US-Ölförderung eine vorübergehende Erscheinung; anders als die amerikanische Erdgasförderung erreicht sie ihr Maximum schon in gut zehn Jahren. Zweitens ist das Schieferöl teuer, weil ständig neu gebohrt werden muss, nur um die Fördermenge stabil zu halten. Und drittens haben andere Länder größere Potenziale zur Produktionssteigerung als die USA (siehe Grafik); was sich dort tut, ist jedenfalls kein Anlass, von einer neuen Ölschwemme zu schwärmen. Solche Euphorie hatte die IEA aber genährt, als sie in ihren ansonsten nüchternen Berichten das Wörtchen "spektakulär" benutzte, um die Vorgänge auf dem US-Ölmarkt zu beschreiben.

Inzwischen rudert die Behörde wieder zurück. Von der Öffentlichkeit fast unbemerkt, heißt es in ihrem jüngsten, vor Kurzem veröffentlichten World Energy Outlook, dass sich die Welt "nicht am Scheitelpunkt zu einer neuen Ära des Ölüberflusses" befinde – und dass die "einzige große Quelle für billiges Erdöl der Nahe Osten bleibt".

Damit kehrt endlich wieder Realismus in die Debatte ein. Wenn überhaupt, dann geht eine "Ölrevolution" vom Irak aus. Dort lagern nicht nur immense Ölreserven, sondern obendrein auch solche, die relativ kostengünstig gehoben werden könnten – vorausgesetzt, in dem von Krieg und Terrorismus geschlagenen Land wird ungefähr drei Mal so viel investiert wie bisher.

Wie auch immer man es dreht und wendet: Die Verbraucher bleiben abhängig vom Öl des Nahen Ostens – solange sie am Öltropf hängen.