Sein Pontifikat begann mit einem Scherz: Das schlichte "Gute Nacht", mit dem Papst Franziskus seine Katholiken am Wahlabend verabschiedete, wird mittlerweile gern zitiert von all jenen, die finden, dass ein Papst auch Humor haben darf. Aber Humor heißt noch nicht, dass er harmlos wäre. Franziskus übertrat eine Regel, indem er das Huldvolle vermied. Und mit Regelverstößen machte er weiter.

Wenn es noch eines Beweises bedurfte, dass dieser Mann nicht nur macht, was er soll, sondern vor allem, was er will, dann ist es das 288 Seiten dicke Schreiben, das er den Gläubigen jetzt an den Kopf geknallt hat. Ja, an den Kopf geknallt. Das päpstliche Papier heißt Evangelii Gaudium und ist eine Aufforderung zu mehr Freude (im Glauben), zu mehr Aufrichtigkeit (in der Glaubenspraxis) und zu mehr Gerechtigkeit (im Zusammenleben aller Menschen).

Das klingt freundlich, aber der Papst meint es ernst, was man auch daran merkt, dass er den bisher üblichen Ton, den halb salbungsvollen, halb politbürohaften Duktus solcher Schreiben vermeidet und Tacheles redet. Sein erster Punkt heißt: Freude, die sich mitteilt. Dazu sagt er: "Die große Gefahr der Welt von heute mit ihrem erdrückenden Konsumangebot ist eine individualistische Traurigkeit, die aus einem begehrlichen Herzen hervorgeht." Wenn der Mensch sich in seinen eigenen Interessen verschließe, gebe es in ihm keinen Raum mehr für andere Menschen. Er verschließe sich der Freude ebenso wie der Liebe. Mit dieser Lieblosigkeit müsse jetzt Schluss sein.

Wie, das erklärt Franziskus in fünf großen Kapiteln. Er fordert eine "unaufschiebbare kirchliche Erneuerung". Es folgt eine Liste moralischer Imperative: Nein zu einer Wirtschaft der Ausschließung! Nein zur Vergötterung des Geldes! Nein zu einem Geld, das regiert, statt zu dienen! Nein zur sozialen Ungleichheit, die Gewalt hervorbringt! Derart unverblümte Worte über unsere Wirtschaftsweise hörte man zuletzt von Attac. Was soll das? Ist der Papst ein Linker?

Nein, er ist ein Christ, der sich auf den Kern des Christentums besinnt: die Nächstenliebe. Nur dass dieser Franziskus sie nicht mit franziskanischer Sanftmut predigt. Er will gehört werden, erzwingt die Aufmerksamkeit auch von Wirtschaftslenkern und Politikern. Seine Mission geht zurück auf Jesus, den Friedensfürsten, aber übertriebene Friedfertigkeit und falsche Versöhnlichkeit sind Franziskus’ Sache nicht. Ein bisschen erinnert er an den berühmten Auftritt von Klaus Kinski, der einer fiktiven Weltgemeinschaft eine Moralpredigt hielt, die in der zornigen Frage gipfelte, was Jesus dazu gesagt hätte. Kinskis Antwort: Jesus hätte euch in die Fresse gehauen!

Mit anderen Worten: Wer Nächstenliebe sagt, muss auch Gerechtigkeit sagen. Wir wissen nicht, wie revolutionär das wirklich ist und ob es eine konservative Revolution werden soll. Aber erkennen kann man auf den ersten Blick, dass Franziskus seine Kirchenerneuerungspolitik schwungvoll und ohne Rücksicht auf Verluste fortsetzt. Nein, der Neue in Rom wird sich nicht mit Sonntagsreden begnügen und mit Gebrauchtwagen anstelle einer teuren Vatikanlimousine. Es reicht ihm nicht, den Vatikan aufzuräumen, an den Strukturen der Kurie vorbei ein Beratergremium externer Kardinäle zu schaffen, die Nuntien ebenso wie die Bischöfe zur Demut aufzufordern. Er ermuntert nicht nur die Gläubigen zur Mitsprache und fordert die Kirchen weltweit zum zivilen Ungehorsam gegen die Flüchtlingsgesetze ihrer Länder auf. Sondern er scheint auch entschlossen zu sein, seine Kirche auf den Kopf zu stellen und die Welt gleich mit.

Dafür scheut er sich nicht, einen wie Wladimir Putin zu umarmen. Putins Besuch beim Papst am Montag hatte sogleich konkrete Folgen: ein vatikanisches Papier für eine friedliche Lösung des Syrienkonflikts und den Plan, demnächst die Weltreligionen für einen Toleranzgipfel zu versammeln. Vatikan goes Weltpolitik.

Was hätte Jesus dazu gesagt? Vielleicht: dass Franziskus recht hat, wenn er meint, dass Christsein mehr bedeutet als über den unerfreulichen Weltzustand zu klagen und dass Barmherzigkeit keine Privatsache ist. Das muss man als Papst auch mal im Klartext sagen, statt dauernd Rücksicht zu nehmen auf die zuständigen römischen Kongregationen, auf die zerstrittenen katholischen Fraktionen, auf die innerkirchlichen Empfindlichkeiten. Das Schöne an diesem Papst ist, dass er lächelnd über die theologischen Streitigkeiten hinweggeht und sagt, was nottut. Und will, dass es getan wird. Das ist kein Salonchristentum und kein Glaube fürs fromme Mädchenpensionat. Das ist Franziskus für Männer.