Die Parallele zwischen Prostitution und Pädophilie

Es ist schon ein paar Wochen her, dass die ZEIT mir vorschlug, die "linke Pädophilengeschichte" noch mal aus meiner Sicht aufzuschreiben, und fragte: "Wie kam es, dass Sie immer schon so wachsam waren und der sogenannte Zeitgeist nicht?" Seither ist einiges passiert. Und die Parallele, die für mich immer schon offensichtlich war, drängt sich jetzt regelrecht auf: die Parallele zwischen Pädophilie und Prostitution.

Die Rede ist von dem, was wir Feministinnen "Sexualpolitik" nennen: also Geschlechterpolitik via Sexualität und Liebe, verknüpft oftmals mit Gewalt. Das war das Neue am neuen Feminismus: die Erkenntnis, dass die Sexualpolitik der Dreh- und Angelpunkt ist im Verhältnis der Geschlechter. Und das fällt auf beim sogenannten Postfeminismus: dass für unsere Töchter und Enkelinnen die Sexualpolitik kein Thema mehr zu sein scheint; zumindest in Deutschland nicht, in Großbritannien oder Amerika sieht das schon anders aus. Hierzulande aber hat die Befriedung – und sollte man sagen: Beerdigung? – des Ringens um Gleichberechtigung innerhalb von nur zwei Generationen (fast) geklappt – zumindest was die publizierenden Feministinnen angeht. Wir Älteren wissen, warum. Der Preis ist hoch.

Sexualpolitik, das ist die ganze Spanne: vom kindlichen Missbrauch, dieser frühen Brechung, über das Abtreibungsverbot, dieses Damoklesschwert einer ungewollten Mutterschaft, und die Vergewaltigung, die in Deutschland in der Ehe ja überhaupt erst seit 1996 strafbar ist – bis hin zur Prostitution, dieser Spaltung der Frauen in Heilige und Huren.

Bei der Pädophilie konnte der Zeitgeist vierzig Jahre lang unwidersprochen das angebliche Recht der Kinder auf Sex propagieren (dahinter steht das der Erwachsenen). Die Prostitution verharmlost der Zeitgeist – und mit ihm das geltende Gesetz – seit zehn Jahren. Prostitution sei ein "Beruf wie jeder andere". Vor allem aber sei sie "freiwillig", und es handele sich dabei um "einvernehmlichen Sex" – ganz wie bei der Pädophilie. Jüngst verstieg sich eine der Postfeministinnen sogar zu der Vermutung, auch so manche "Romafrau" aus Bulgarien prostituiere sich "selbstbestimmt". Da muss eine schon ganz schön weit weg sein vom Leben. Oder zynisch. Oder beides.

Reden wir also vom Leben. Das Entscheidende bei Pädophilie wie Prostitution ist das Machtgefälle: das zwischen Erwachsenen und Kindern wie zwischen (zahlenden) Männern und (bezahlten) Frauen. Dieses Machtgefälle wird keineswegs von allen, aber vor allem von vielen Linken und Liberalen geleugnet. Also von denen, die in den vergangenen Jahrzehnten den Zeitgeist prägten.

Es ist in der Tat schwer, sich gegen den Zeitgeist zu stellen. Oder gar gegen die eigene Peergroup. Aber genau das war ja der Schock, genau das haben wir neuen Feministinnen getan: indem wir nicht nur Konservative und Reaktionäre kritisierten, sondern auch Fortschrittliche und Linke. Die, die noch den letzten Bauern in Bolivien befreien wollten, die eigenen Freundinnen aber Kaffee kochen und die Beine breit machen ließen.

Warum ich ganz persönlich so besonders resistent bin gegen Einschüchterung und Anpassung? Das wird wohl daran liegen, dass ich das Randständigsein von Anbeginn an gewohnt war. Unehelich im deklassierten Bürgertum, bei einem mütterlichen Großvater und einer politisierten Großmutter aufgewachsen, in einer antinazistisch eingestellten Familie (was auch nach 1945 nicht unbedingt angesagt war in Deutschland). 1968 keine Studentin, sondern berufstätig. Und geprägt von der französischen Lust am Widerspruch und Regelbruch. Ich gehörte also nie dazu. Was nicht immer einfach ist, aber frei macht.

Vom sexuellen Missbrauch hörte ich 1975 zum ersten Mal, bei meinen Gesprächen mit Frauen für den Kleinen Unterschied (in dem es ja um die Funktion von Liebe und Sexualität geht). Ihr Vater habe sich an ihr vergangen, sagte eine der Frauen. Ich war schockiert. Den Begriff Missbrauch gab es damals noch nicht, wir redeten von Inzest. Im April 1978 veröffentlichte ich in Emma das erste von vielen folgenden Dossiers über Das Verbrechen, über das niemand spricht. Das war in der damaligen Zeit ein totales Tabu. Und tatsächlich kam nicht eine einzige Reaktion darauf, nicht ein Leserinnenbrief. Doch noch Jahre danach sprachen mich Frauen auf Veranstaltungen oder auf der Straße an: Damals, da habe ich zum ersten Mal darüber gelesen und mich endlich getraut... Und ein, zwei Jahre später gründeten sich die ersten Selbsthilfegruppen.

Das Thema war zwar tabu, aber das kindliche Objekt allgegenwärtig. Die linke Konkret hatte in den 68er Jahren die Kindfrau als Covergirl erfunden; das linke Pädagogenblatt betrifft:erziehung spottete schon 1973 milde über das Pädophilieverbot; der Spiegel titelte 1977 mit einer nackten, netzbestrumpften Elfjährigen, fotografiert von der eigenen Mutter. (Es war Eva Ionesco, die später ihre Mutter deswegen verklagte.) In der ZEIT durften über Jahre Pädophilenaktivisten wie der Pädagoge Helmut Kentler und Linksliberale wie der Journalist Rudolf Walter Leonhardt den Sex mit Kindern propagieren (woran das Blatt jüngst selbstkritisch erinnerte).

Das alles im Namen der "sexuellen Befreiung" und gegen die "Spießermoral". Ganz in diesem Geiste schwärmte auch der Barrikadenstürmer Daniel Cohn-Bendit in seinen 1975 veröffentlichten Lebenserinnerungen von seiner Zeit als Kindergärtner und seinem genitalen Streichelsex mit einer Fünfjährigen. Nach fast vierzig Jahren Schweigen – nie ein Wort des Bedauerns oder gar der Entschuldigung – fällt dem in die Enge gedrängten 68er nun plötzlich ein, ausgerechnet diese Passage in seinen Eins-zu-eins-Erinnerungen sei "fiktiv" gewesen. Epater le bourgeois?

Der Griff zum Kind, einst dunkles Herrenrecht, ging nun ganz öffentlich weit über die zwanghaften Pädophilen hinaus und war zum Massenphänomen geworden – was er ja weiterhin in der weiten, freien Welt des Internets ist: Kinderpornografie gehört zu den meistgeklickten Seiten. Der verunsicherte Mann wich seiner zu emanzipierten Frau aus, indem seine Sexualobjekte immer jünger und damit immer naiver wurden. Die Motive der Männer, die zu Prostituierten gehen, sind ähnlich. Befragt nach den Gründen, antworteten Freier, Prostituierte machten "weniger Stress" als die eigenen Frauen, und es sei eine Frage der "Macht".

Die Akzeptanz der Pädophilie blieb vierzig Jahre lang unwidersprochen. Emma ist in all dieser Zeit drangeblieben. Gegen alle Widerstände. Wir konnten 1980 die ernsthaft von den Sozialliberalen beabsichtigte Streichung des Pädophilenparagrafen gerade noch verhindern – sonst wäre Sex mit Kindern heute in Deutschland legal. Wir haben den Backlash in den 1990er Jahren analysiert. "Missbrauch des Missbrauchs" lautete nun die Parole, lanciert von dem 68er-Pädagogen Reinhardt Wolff mit seiner Adeptin Katharina Rutschky und freudig aufgenommen von vielen falschen "Kinderfreunden": PädagogInnen, GutachterInnen, JournalistInnen. Ja doch, selbstverständlich ist es denkbar, dass ein Mann zu Unrecht des Missbrauchs oder der Vergewaltigung beschuldigt wird! Aber es ist nicht die Regel. Zumindest nicht im Leben. In den Medien jedoch entsteht der Eindruck, es gebe fast nur Falschbeschuldigungen. Das reale Sexualverbrechen gerät dabei in den Hintergrund.

Die Parallele zwischen Prostitution und Pädophilie

Vielleicht müsste die Frage also weniger lauten: Wie kommt es, dass einige wenige das immer schon erkannt und benannt haben? Sondern eher: Wie kann es sein, dass die Mehrheit es nicht sehen will?

So wie bis vor ganz Kurzem bei der Prostitution. Alles "freiwillig". Alles kein Problem. Eine "ganz normale Dienstleistung". Doch wie können wir zulassen, dass Körper und Seele eines Menschen zur Ware deklassiert werden? Und wie kann es sein, dass ein paar Hunderttausend Armuts- und Zwangsprostituierte gleich nebenan einfach übersehen werden? Und dass immer das gleiche Dutzend glücklicher Prostituierter in den Talkshows defiliert, Seite an Seite mit Bordellbetreibern? Wobei diese sogenannten deutschen Althuren oft selbst Unternehmerinnen sind: Sie lassen in ihren Studios "Frischfleisch" für sich anschaffen.

Für mich ist Prostitution schon sehr lange ein Thema, ich habe vor exakt 46 Jahren zum ersten Mal mit Prostituierten gesprochen. 1967 bin ich als Volontärin in das Bordell von Mönchengladbach gegangen. Aus Empörung darüber, dass die Prostituierten nun zwar Steuern zahlen sollten, aber noch lange nicht alle Bürgerinnenrechte hatten. Was sich zum Glück geändert hat.

Seither bin ich mit Frauen in der Prostitution im Gespräch. Als Journalistin im Bordell, auf dem Strich oder bei Domenica in der Herbertstraße. Als Feministin seit den 1970er Jahren, Seite an Seite mit Prostituierten, mit denen wir auf die Straße gingen, um gegen Schikanen, Repressalien und Doppelmoral zu protestieren. Und ich weiß nur zu gut, wie Prostituierte öffentlich reden – und wie unter vier Augen.

Es braucht nicht viel Fantasie und kein überbordendes Mitgefühl, um sich vorzustellen, was das mit einem anrichtet. Und es ist hinlänglich bekannt und unübersehbar, dass die ganze Rotlichtszene unlösbar mit dem kriminellen Milieu verbunden ist, so wie der Menschenhandel mit der Prostitution. (Ohne permanenten Nachschub aus den ärmsten Ländern kein "Frischfleisch" für Westfreier.) Auch genügt der gesunde Menschenverstand, um zu begreifen: Ein Mensch ist keine Ware. So wie ein Kind kein Erwachsener ist.

In der Prostitution herrscht – ganz wie bei der Pädophilie – nicht Gleichheit, sondern Ungleichheit. Und Deutschland ist da, dank des rot-grünen Gesetzes von 2002 – das zum Glück bald geändert wird –, führend. Es ist zur europäischen Drehscheibe für Menschenhandel und zum Einreiseland für Sextouristen verkommen. Ganze Busladungen mit Franzosen oder Schweden fallen hier ein. Diese Freier treffen in 90 bis 95 Prozent der Fälle (Polizeischätzungen) auf billige, verfügbare Frauen, die oft kein Wort Deutsch können und von Großbordell zu Großbordell verladen werden. Bis sie so fertig sind, dass sie nur noch für den Straßenstrich taugen.

Und die Männer? Bei den Zahlen muss jeder dritte bis vierte Mann ein Gelegenheits- oder Stammfreier sein. Wie eigentlich wirkt sich allein die Möglichkeit zum Kauf der Ware Frau auf das Begehren der Männer aus? Wie begegnen Freier ihren Freundinnen und Ehefrauen? Und welchen Blick richten sie auf Kolleginnen und Nachbarinnen?

Doch auch Männer sind Opfer der Verharmlosung und Gesellschaftsfähigkeit der Prostitution. Denn auch sie hätten ein Recht auf die Wahrheit. Die aber muss ihnen die Prostituierte vorenthalten. Lügen gehören zu ihrem Geschäftsmodell.

Männer werden heute regelrecht zum Frauenkauf animiert. Dem Kölner Großbordell Pascha zum Beispiel ist ein Club angegliedert, in dem Junggesellenabschiede und Betriebsfeste enden. Mit Tabledance – und fließendem Übergang ins Laufhaus. Jedes dritte Kölner Taxi fährt Werbung fürs Pascha, und beim Christopher Street Day hatten die Bordellbetreiber sogar einen eigenen Wagen. Sie können sich das leisten. Für ein Zehnquadratmeterzimmer im Laufhaus zahlen die Frauen 160 Euro. Am Tag. Macht 4.800 Euro im Monat. Und dann haben sie noch nichts zu essen und auch kein Geld für eine Wohnung. Die meisten schlafen darum in den Sexfabriken.

Es ist mir in den vergangenen Monaten aufgefallen, dass Männer sich viel öfter kritisch über Prostitution äußern als Frauen. Frauen scheinen Angst zu haben, als prüde oder Spaßbremse zu gelten. Vor allem wenn sie jünger sind und Männern gefallen wollen. Männer aber wissen nur zu gut oder ahnen zumindest, was das für ihr Verhältnis zu Frauen bedeutet, wenn sie für einen Schein deren Körper und Seele benutzen können.

Die Prostitution rekonstruiert und perpetuiert die Ungleichheit zwischen Frauen und Männern in Zeiten, in denen wir das fast überwunden geglaubt hatten. Zumindest im Westen. Doch die Weltlage hat uns reingehauen. Die drastische Schieflage zwischen armen und reichen Ländern mitten in Europa. Die Inflation des Feminismus, die dazu geführt hat, dass antifeministische Positionen – wie das Plädoyer pro Prostitution – sich hierzulande dreist als "feministisch" deklarieren können (was in Amerika oder Frankreich so nicht möglich wäre). Und die Konsumgesellschaft, in der ein Grüner wie Volker Beck unwidersprochen über Prostitution sagen kann: "Wenn Leute etwas anbieten, andere es kaufen wollen und es keine ökologischen oder sozialen Nebenwirkungen gibt, dann störe ich mich nicht weiter daran." Nicht überraschend, dass jemand wie Beck zu Zeiten auch die Pädophilie verharmlost hat.

Darüber herrscht inzwischen öffentliches Entsetzen. Aber die Verharmlosung der Prostitution? Der von Emma Ende Oktober veröffentlichte "Appell gegen Prostitution" löste innerhalb weniger Tage eine landesweite Debatte aus – und innerhalb von nur drei Wochen die Ankündigung der potenziellen Koalition, dieses Zuhältergesetz ändern zu wollen: in ein Gesetz, das die mehr denn je ausgelieferten Frauen besser schützt und mit dem Menschenhändler, Zuhälter und Bordellbetreiber effektiv verfolgt werden können.

Der Appell ist auf fruchtbaren Boden gefallen – und nur drei Wochen nach Veröffentlichung bereits von über 8000 Frauen und Männern unterzeichnet. Die Zeit war offensichtlich reif. Nach Jahrzehnten des Laissez-faire und Laissez-aller darf wieder von Moral und Verantwortung gesprochen werden.

Doch wir müssen uns darauf gefasst machen, dass der Kampf gegen das System Prostitution mindestens so zäh sein wird wie der gegen das System Pädophilie. Denn hier kommt noch der ökonomische Aspekt hinzu. Wir haben es inzwischen mit einer global vernetzten Mafia zu tun, die sich das Geschäft nicht so leicht vermiesen lassen wird. Allein in Deutschland werden laut Schätzung der Gewerkschaft ver.di mit Menschenhandel und Prostitution 14,5 Milliarden Euro im Jahr umgesetzt. Bei über tausendprozentigen Profitraten. So wie im Waffen- und Drogengeschäft.

Und übrigens: Laut der Farley-Studie von 2009 in neun Ländern wurden bis zu 90 Prozent aller Prostituierten als Kinder missbraucht. Die schwedische Prostituiertenorganisation PRIS – eine echte Prostituiertenorganisation ohne BordellbetreiberInnen! – schreibt dazu: "Die Prostitutionsforschung stellt eindeutig fest, dass es in vielen Fällen einen Zusammenhang zwischen frühen sexuellen Übergriffen und Prostitution gibt. Das ist allerdings unter aktiven Prostituierten ein Tabu."

Da schließt sich der Kreis.