Vielleicht müsste die Frage also weniger lauten: Wie kommt es, dass einige wenige das immer schon erkannt und benannt haben? Sondern eher: Wie kann es sein, dass die Mehrheit es nicht sehen will?

So wie bis vor ganz Kurzem bei der Prostitution. Alles "freiwillig". Alles kein Problem. Eine "ganz normale Dienstleistung". Doch wie können wir zulassen, dass Körper und Seele eines Menschen zur Ware deklassiert werden? Und wie kann es sein, dass ein paar Hunderttausend Armuts- und Zwangsprostituierte gleich nebenan einfach übersehen werden? Und dass immer das gleiche Dutzend glücklicher Prostituierter in den Talkshows defiliert, Seite an Seite mit Bordellbetreibern? Wobei diese sogenannten deutschen Althuren oft selbst Unternehmerinnen sind: Sie lassen in ihren Studios "Frischfleisch" für sich anschaffen.

Für mich ist Prostitution schon sehr lange ein Thema, ich habe vor exakt 46 Jahren zum ersten Mal mit Prostituierten gesprochen. 1967 bin ich als Volontärin in das Bordell von Mönchengladbach gegangen. Aus Empörung darüber, dass die Prostituierten nun zwar Steuern zahlen sollten, aber noch lange nicht alle Bürgerinnenrechte hatten. Was sich zum Glück geändert hat.

Seither bin ich mit Frauen in der Prostitution im Gespräch. Als Journalistin im Bordell, auf dem Strich oder bei Domenica in der Herbertstraße. Als Feministin seit den 1970er Jahren, Seite an Seite mit Prostituierten, mit denen wir auf die Straße gingen, um gegen Schikanen, Repressalien und Doppelmoral zu protestieren. Und ich weiß nur zu gut, wie Prostituierte öffentlich reden – und wie unter vier Augen.

Es braucht nicht viel Fantasie und kein überbordendes Mitgefühl, um sich vorzustellen, was das mit einem anrichtet. Und es ist hinlänglich bekannt und unübersehbar, dass die ganze Rotlichtszene unlösbar mit dem kriminellen Milieu verbunden ist, so wie der Menschenhandel mit der Prostitution. (Ohne permanenten Nachschub aus den ärmsten Ländern kein "Frischfleisch" für Westfreier.) Auch genügt der gesunde Menschenverstand, um zu begreifen: Ein Mensch ist keine Ware. So wie ein Kind kein Erwachsener ist.

In der Prostitution herrscht – ganz wie bei der Pädophilie – nicht Gleichheit, sondern Ungleichheit. Und Deutschland ist da, dank des rot-grünen Gesetzes von 2002 – das zum Glück bald geändert wird –, führend. Es ist zur europäischen Drehscheibe für Menschenhandel und zum Einreiseland für Sextouristen verkommen. Ganze Busladungen mit Franzosen oder Schweden fallen hier ein. Diese Freier treffen in 90 bis 95 Prozent der Fälle (Polizeischätzungen) auf billige, verfügbare Frauen, die oft kein Wort Deutsch können und von Großbordell zu Großbordell verladen werden. Bis sie so fertig sind, dass sie nur noch für den Straßenstrich taugen.

Und die Männer? Bei den Zahlen muss jeder dritte bis vierte Mann ein Gelegenheits- oder Stammfreier sein. Wie eigentlich wirkt sich allein die Möglichkeit zum Kauf der Ware Frau auf das Begehren der Männer aus? Wie begegnen Freier ihren Freundinnen und Ehefrauen? Und welchen Blick richten sie auf Kolleginnen und Nachbarinnen?

Doch auch Männer sind Opfer der Verharmlosung und Gesellschaftsfähigkeit der Prostitution. Denn auch sie hätten ein Recht auf die Wahrheit. Die aber muss ihnen die Prostituierte vorenthalten. Lügen gehören zu ihrem Geschäftsmodell.

Männer werden heute regelrecht zum Frauenkauf animiert. Dem Kölner Großbordell Pascha zum Beispiel ist ein Club angegliedert, in dem Junggesellenabschiede und Betriebsfeste enden. Mit Tabledance – und fließendem Übergang ins Laufhaus. Jedes dritte Kölner Taxi fährt Werbung fürs Pascha, und beim Christopher Street Day hatten die Bordellbetreiber sogar einen eigenen Wagen. Sie können sich das leisten. Für ein Zehnquadratmeterzimmer im Laufhaus zahlen die Frauen 160 Euro. Am Tag. Macht 4.800 Euro im Monat. Und dann haben sie noch nichts zu essen und auch kein Geld für eine Wohnung. Die meisten schlafen darum in den Sexfabriken.

Es ist mir in den vergangenen Monaten aufgefallen, dass Männer sich viel öfter kritisch über Prostitution äußern als Frauen. Frauen scheinen Angst zu haben, als prüde oder Spaßbremse zu gelten. Vor allem wenn sie jünger sind und Männern gefallen wollen. Männer aber wissen nur zu gut oder ahnen zumindest, was das für ihr Verhältnis zu Frauen bedeutet, wenn sie für einen Schein deren Körper und Seele benutzen können.

Die Prostitution rekonstruiert und perpetuiert die Ungleichheit zwischen Frauen und Männern in Zeiten, in denen wir das fast überwunden geglaubt hatten. Zumindest im Westen. Doch die Weltlage hat uns reingehauen. Die drastische Schieflage zwischen armen und reichen Ländern mitten in Europa. Die Inflation des Feminismus, die dazu geführt hat, dass antifeministische Positionen – wie das Plädoyer pro Prostitution – sich hierzulande dreist als "feministisch" deklarieren können (was in Amerika oder Frankreich so nicht möglich wäre). Und die Konsumgesellschaft, in der ein Grüner wie Volker Beck unwidersprochen über Prostitution sagen kann: "Wenn Leute etwas anbieten, andere es kaufen wollen und es keine ökologischen oder sozialen Nebenwirkungen gibt, dann störe ich mich nicht weiter daran." Nicht überraschend, dass jemand wie Beck zu Zeiten auch die Pädophilie verharmlost hat.

Darüber herrscht inzwischen öffentliches Entsetzen. Aber die Verharmlosung der Prostitution? Der von Emma Ende Oktober veröffentlichte "Appell gegen Prostitution" löste innerhalb weniger Tage eine landesweite Debatte aus – und innerhalb von nur drei Wochen die Ankündigung der potenziellen Koalition, dieses Zuhältergesetz ändern zu wollen: in ein Gesetz, das die mehr denn je ausgelieferten Frauen besser schützt und mit dem Menschenhändler, Zuhälter und Bordellbetreiber effektiv verfolgt werden können.

Der Appell ist auf fruchtbaren Boden gefallen – und nur drei Wochen nach Veröffentlichung bereits von über 8000 Frauen und Männern unterzeichnet. Die Zeit war offensichtlich reif. Nach Jahrzehnten des Laissez-faire und Laissez-aller darf wieder von Moral und Verantwortung gesprochen werden.

Doch wir müssen uns darauf gefasst machen, dass der Kampf gegen das System Prostitution mindestens so zäh sein wird wie der gegen das System Pädophilie. Denn hier kommt noch der ökonomische Aspekt hinzu. Wir haben es inzwischen mit einer global vernetzten Mafia zu tun, die sich das Geschäft nicht so leicht vermiesen lassen wird. Allein in Deutschland werden laut Schätzung der Gewerkschaft ver.di mit Menschenhandel und Prostitution 14,5 Milliarden Euro im Jahr umgesetzt. Bei über tausendprozentigen Profitraten. So wie im Waffen- und Drogengeschäft.

Und übrigens: Laut der Farley-Studie von 2009 in neun Ländern wurden bis zu 90 Prozent aller Prostituierten als Kinder missbraucht. Die schwedische Prostituiertenorganisation PRIS – eine echte Prostituiertenorganisation ohne BordellbetreiberInnen! – schreibt dazu: "Die Prostitutionsforschung stellt eindeutig fest, dass es in vielen Fällen einen Zusammenhang zwischen frühen sexuellen Übergriffen und Prostitution gibt. Das ist allerdings unter aktiven Prostituierten ein Tabu."

Da schließt sich der Kreis.