An der Südspitze von Manhattan steht heute das Denkmal eines Mannes in konfuzianischer Tracht. "Lin Zexu, Pionier im Krieg gegen die Drogen" ist auf dem Sockel eingraviert. Chinatowns Bewohner wissen sofort, was gemeint ist. Andere Passanten stutzen. Nach westlicher, weißer Lesart kämpfen Europäer und Amerikaner gegen Drogen. Asiaten stellen sie her.

In Wahrheit aber wurde im 19. Jahrhundert der erste war on drugs gegen Großbritannien ausgerufen. "Möchtet Ihr doch, oh König, Eure niederträchtigen Leute prüfen und die Lasterhaften aussondern, bevor sie nach China kommen", schrieb Lin Zexu, kaiserlicher Sonderkommissar von Kanton, an Queen Victoria – in der naiven Annahme, diese würde seinen Kampf gegen den Opiumhandel ihrer Untertanen unterstützen. Ihre Majestät dachte gar nicht daran. Mit dem Massenexport des Rauschgifts, geerntet auf den Feldern der indischen Kronkolonie, hatte das britische Empire seine negative Handelsbilanz mit China ausgeglichen – und dabei Millionen von Chinesen süchtig gemacht. Als Lin 1839 die Einfuhr kurzerhand untersagte und die Vorräte britischer Händler ins Meer kippte, antwortete Victoria im Stil eines Mafiabosses mit Gewalt. In den folgenden Jahren brannten britische (und in deren Windschatten französische) Truppen kaiserliche Paläste nieder, schossen den Zugang zu Chinas Märkten frei und diktierten dem Riesenreich die Gesetze des Freihandels – Drogen inklusive.

In seinem Buch Aus den Ruinen des Empires widmet sich der indische Autor Pankaj Mishra ausführlich den Opium-Kriegen des 19. Jahrhunderts. Demütigungen brennen sich in das kollektive Gedächtnis einer Gesellschaft stärker ein als gewonnene Schlachten oder ökonomische Triumphe. Sie können zu Revolution oder Restauration führen, in nationalistischen Wahn oder Modernisierung münden, oder in beides. Der Großteil der Menschheit hat das 20. Jahrhundert ganz anders erfahren als Europa und Amerika. Nicht Weltkriege, Blockkonfrontation oder Mauerfall sind die epochalen Ereignisse, sondern "Asiens Erwachen": die Reaktion des größten Kontinents auf das imperiale Europa. Diesen nichtweißen Blick auf die Vergangenheit müsse man begreifen, so Mishra, um "die Welt nicht nur zu erfassen, wie sie heute existiert, sondern wie sie sich auch weiterhin umgestalten wird – nicht so sehr nach dem Bild des Westens, sondern gemäß den Vorstellungen und Zielen der einstmals subalternen Völker".

Mishra schickt den Leser in den Schuhen der "anderen", der "Subalternen", auf eine Reise durch anderthalb Jahrhunderte nah- und fernöstlicher Geschichte. Indiens Ausbeutung durch Großbritannien, der Zerfall des Osmanischen und des chinesischen Reiches, das britisch-französische Monopoly im Mittleren Osten, die Phase der Entkolonialisierung, die Anfänge des islamischen Fundamentalismus – von alldem erfährt man aus der Perspektive arabischer und asiatischer Intellektueller. Hauptfiguren sind der Journalist und Agitator Jamal al-Din al-Afghani und der Reformer Liang Qichao. In Europa und Amerika kennt kaum einer ihre Namen, doch sie haben das politische Denken von Kairo bis Peking maßgeblich geprägt. "Die Großväter das asiatischen Zorns" hat Orhan Pamuk sie genannt.

Al-Afghani ist der Schillerndste in der Ahnenreihe. Geboren 1838 in Persien, gab er sich aus Angst vor antischiitischen Ressentiments als Sunnit afghanischer Herkunft aus. Politisiert wurde er während eines Studienaufenthalts in Indien, als britische Truppen einen überwiegend muslimischen Aufstand niederschlugen und halb Delhi in Brand setzten. Daraus speisten sich ein lebenslanger Hass auf Großbritannien und ein lebenslanger Kampf gegen die Rückständigkeit islamischer Gesellschaften.

Al-Afghanis Leben liest sich wie das einer Ein-Mann-Occupy-Bewegung. In Ägypten geißelt er die politische Tyrannei arabischer Herrscher, die ihre Länder dem westlichen Ansturm hilflos auslieferten. In Istanbul warnt er vor der erstickenden Verschuldung des Osmanischen Reiches bei europäischen Banken. Am afghanischen Königshof agitiert er als Berater gegen jegliche Allianz mit dem britischen Empire. In seiner verleugneten Heimat Persien zettelt er 1890 die "Tabak-Revolution" mit an, den ersten großen, vom schiitischen Klerus angeführten Protest gegen den Schah, der die wichtigsten Produktionszweige des Landes an europäische Unternehmer verschachern wollte.

Es sollte sein einziger Erfolg zu Lebzeiten bleiben. 1897 starb er, politisch isoliert und verbittert, in Istanbul. Verbohrtheit und Verfolgung hatten, so Mishra, aus dem einst progressiven Verfechter einer liberalen muslimischen Renaissance einen Anhänger des gewaltbereiten Panislamismus gemacht. Einem Grundsatz blieb Al-Afghani allerdings immer treu: "Allah verändert nicht sein Verhalten zu einem Volk, ehe es nicht seiner Seelen Gedanken verändert." Dieser Koranvers war sein Mantra gegen die Schicksalsergebenheit der Muslime. Mit verschiedenen Folgen: Den Strategen der iranischen Revolution gilt Al-Afghani als Vordenker. Seine Ideen finden sich in den Schriften der Muslimbruderschaften, seine antiwestliche Rhetorik hört man aus manchem Al-Kaida-Kommuniqué. Gegner des Fundamentalismus bedienen sich aus seinen Plädoyers für Parlamentarismus und Frauenrechte.