Schmidt: Wir können aus Frau Merkel nicht jemand anderes machen als die, die sie ist. Zu Ihrer Frage, was die neue Regierung konkret tun müsste: Es wäre eine unglaubliche Tat, wenn die Regierung, die da zurzeit gebildet wird, als Erstes verkünden würde, dass sie bereit ist zur gemeinsamen Aufarbeitung der Altschulden und zweitens bereit ist, sich zu beteiligen an der Neuverschuldung. Das wird sie beides aber nicht tun.

Fischer: Genau das wollte ich gerade sagen. Bedauerlicherweise werden sie es nicht tun. Aber es wäre ein politischer Akt, der eine historische Dimension erreichen könnte. Nur würde es volle Kampfbereitschaft und Risikobereitschaft der führenden Leute in den Parteien voraussetzen.

Schmidt: Und gleichzeitig könnte man dem deutschen Volk sagen, letzten Endes wirkt es sich aus zu unseren Gunsten.

Fischer: Ja.

ZEIT: Stattdessen wird man weiterhin eine Politik des Durchwurstelns betreiben und darauf bedacht sein, dass der Schwarze Peter stets beim Koalitionspartner liegt.

Fischer: Aber es ist eine Große Koalition! Die tritt nicht zum Schönheitswettbewerb an, sondern um eine historische Herausforderung zu stemmen.

Schmidt: Die sollen nicht nach der Meinung des Volkes schielen, die sollen regieren! Was vernünftig ist, soll gemacht werden. Was notwendig ist, muss gemacht werden – und wenn eine Kanzlerin darüber stürzt.

Fischer: Das ist alles nicht populär. Aber es ist ein Irrglaube, zu meinen, dass man auf der Grundlage von Umfragewerten regiert. Wie oft hat die Kanzlerin sich im Zusammenhang mit der Euro-Krise direkt an das deutsche Volk gewandt? Zero. Ich habe Gerhard Schröder mal gefragt: "Sag mal, du hättest dich doch mindestens einmal schon zur besten Sendezeit direkt ans Volk gewandt und erklärt, warum du so und so entscheidest und wohin es gehen muss." Das ist doch das Privileg des Kanzlers. Das erwarten die Leute in einer Demokratie auch. In einer Krise guckt alles auf die Nummer eins. Das ist nichts Undemokratisches. Sie oder er ist gewählt, führt in einer repräsentativen Demokratie, und von dieser Person will man in schwierigen Zeiten wissen, wo’s langgeht. Von Frau Merkel haben wir zero gehört, wo sie hin will, wohl aber beständig, was alles nicht geht!

ZEIT: Noch nie hat es eine so intensive Diskussion über Europa gegeben wie in den letzten Jahren.

Fischer: Das ist doch gut.

ZEIT: Bei allem Pessimismus, den Sie beide in diesem Gespräch haben erkennen lassen: Kriegt Europa doch noch die Kurve?

Schmidt: Im Augenblick hängt alles an Frau Merkel.

Fischer: Meine Sorge ist nicht, dass Europa in einem großen Knall endet, sondern dass es sich mehr und mehr entleert und nur noch als Hülle fortexistiert. Die Institutionen wird es dann vielleicht noch eine Zeit lang geben, aber die Zusammengehörigkeit, die Solidarität, all das, was Europa als lebendiges Gebilde ausmacht, das wird verschwinden, und in das entstehende Vakuum wird ein neuer und alter Nationalismus hineinstoßen.

ZEIT: Europa ist durch viele Krisen gegangen und hat sie alle bewältigt.

Fischer: Das erinnert mich an die FDP! Das haben die doch immer geschafft, hieß es noch am Wahlabend kurz vor 18 Uhr. Keiner hat damit gerechnet, dass sie diesmal rausfliegen.

Schmidt: Ich vertraue darauf, dass Europa sich besser schlägt als die FDP.

Die vollständige Fassung des Gesprächs findet sich in dem Buch "Mein Europa" von Helmut Schmidt, das in diesen Tagen im Hoffman und Campe Verlag erscheint