Der 20. Dezember des Jahres 1973 war eigentlich ein Tag, an dem Spaniens 81-jähriger Diktator Francisco Franco seine Macht noch einmal demonstrieren wollte. Am grauen Winterhimmel über Madrid kreisten Militärhubschrauber; vor dem Pardo, dem repräsentativen Wohnsitz des Caudillo, patrouillierten schwer bewaffnete Polizisten. Überall in der Stadt, besonders am trutzigen Gebäude des Justizpalastes, gingen Uniformierte in Stellung. Aus Angst vor Protesten hatte man die Universitäten geschlossen. Spaniens Hauptstadt schien unter Kontrolle.

An diesem Morgen nämlich sollte vor einem Madrider Sondergericht ein spektakulärer Strafprozess beginnen. Angeklagt waren zehn Mitglieder der illegalen Gewerkschaft Comisiones Obreras. Die Arbeiterführer hatten mit der Organisation von Streiks und Protesten gegen Entlassungen, Lohnkürzungen und die wachsende Arbeitslosigkeit im Land demonstriert. Allesamt galten sie dem franquistischen Regime als Anhänger der verbotenen Kommunistischen Partei. Indes hatte sich keiner von ihnen durch frühere Gewaltakte strafbar gemacht. Ihr Vergehen bestand ganz offenbar ausschließlich darin, sich im Geheimen getroffen zu haben. Dabei waren alle Beteiligten verhaftet worden.

Franco wollte mit diesem Schauprozess Ruhe, Ordnung und Tatkraft demonstrieren. Alles sollte "angezurrt, gut angezurrt sein", wie er sarkastisch formulierte. Aber die verordnete Ruhe war trügerisch. Unter der verkrusteten Administration hatte sich vieles liberalisiert; die Macht des seit über drei Jahrzehnten herrschenden Diktators war längst erodiert. Unterstützt von einer wagemutigen Presse, fragten selbst Franco-Anhänger immer offener, warum die Regierung nur noch blind reagierte und eisern gegen alles vorging, was die traditionelle Ordnung bedrohte. Journalisten des Wochenblatts Cambio 16 oder der Tageszeitung YA fanden immer mehr Verbündete, die Spaniens Öffnung zu einem liberalen Rechtsstaat, zur längst überfälligen kulturellen Moderne und zu einem demokratischen Europa forderten.

Sogar innerhalb des Regimes fanden sich Spuren verhaltener Dissidenz. In diesen Kreisen verlangte man selbstverständlich nicht den sofortigen Bruch, sondern wollte die allmähliche Reform des Systems und hoffte auf den Übergang zu einer gemäßigt parlamentarischen Monarchie. Zu dieser Gruppe gehörten liberale Monarchisten, Anhänger des katholischen Opus Dei und sogar Mitglieder der ewigen Staatspartei Falange. Mit ihrer Forderung nach der Zulassung anderer Parteien grenzten sie sich von den doktrinären Ultrakonservativen ab, die fest an den Caudillo und seinen Führerstaat glaubten und das bisherige System nicht zuletzt deshalb als sakrosankt verteidigten, weil es ihnen enorme Privilegien gewährte.

Stramm an der Seite des Caudillo stand auch der 70-jährige ehemalige Marineadmiral Luis Carrero Blanco. Im Juni 1973 hatte ihn Franco, als er sich offiziell auf das Amt des Staatschefs "zurückzog", zu seinem Nachfolger als Regierungschef ernannt. Der designierte König Juan Carlos hingegen galt vielen Regimetreuen als weniger verlässlich, war er doch für eine liberale Monarchie eingetreten. Vage hatte der 35-jährige Bourbonenprinz versprochen, er wolle Spanien "mit seiner Zeit in Einklang bringen". Solche Sätze machten ihn für die Ultras bereits verdächtig; mit Argusaugen wachten sie darüber, dass der zukünftige König nicht vom rechten Weg abkam.

General Carrero Blanco hatte sich seit Jahrzehnten bewährt. Der verschwiegene und als effizient gepriesene Militärbürokrat war im Verlauf seiner langen Karriere selten von der Meinung des Diktators abgewichen, den er regelrecht vergötterte. Über viele Jahre hatte er Francos Büro geleitet; er war mit der Funktionärselite bestens vertraut. Selbst die zahlreichen Todesurteile, die Franco während seiner langen Amtszeit unterschrieb, segnete der tiefgläubige Katholik widerspruchslos ab. Das brachte ihm den Spitznamen el ogro ein, "der Menschenfresser". Er galt als graue Eminenz, die darüber wachte, dass sich in Francos Reich kein Widerspruch regte. An seiner Loyalität gab es keinerlei Zweifel. Auch nicht mit Blick auf die Zeit nach Franco. "Niemand", so kündigte Carrero Blanco gleich nach seiner überraschenden Ernennung zum Premier an, "braucht sich die geringste Hoffnung zu machen, dass er unser System in irgendeiner Weise verändern kann. Ich bin ein Mann, der sich völlig mit dem Werk Francos identifiziert."

Besonders dem designierten König schienen vorerst die Hände gebunden. Solange der Caudillo lebte, blieb Juan Carlos nur, die Politik des Regimes zu vollstrecken. Jetzt hatte er obendrein Rücksicht auf einen reaktionären Regierungschef zu nehmen, der ihm bereits in den ersten Tagen seiner Amtszeit androhte, auch in Zukunft keinerlei Abweichung vom offiziellen Regimekurs zu dulden.