Schottisch angehaucht, aber nichts für Geizige: Hemdbluse mit Karomuster von Saint Laurent Paris, für 800 Euro © Peter Langer

Man kommt kaum zu einem Ende, möchte man aufzählen, in welchen Kollektionen diese Saison Karomuster auftauchen. Karl Lagerfeld zeigte bei Chanel bereits in seiner Vorkollektion zum Herbst traditionelle schottische Tartan-Muster. Auch bei Alexander McQueen, Gucci, Preen, Valentino, Céline und Stella McCartney wird das Schottenmuster zitiert – in Rot, Weiß, Creme, Schwarz, Gelb und Dunkelgrün. Karo wird in allen möglichen Variationen getragen: auf Oversize-Mänteln, Zigaretten-Hosen, A-Linien-Röcken und Capes.

Karo ist da – allerdings war es auch nie weg. Eigentlich war es immer da. Das älteste Stück Stoff mit Tartan-Muster ist mehr als 4000 Jahre alt, es wurde bei Mumien in China gefunden.

Am bekanntesten ist uns das Karomuster aus der schottischen Hochlandkultur, obgleich es nicht nur dort vorkam. Die Schafwolle wurde gesponnen und zu anfangs einfachen, später immer kunstvolleren Mustern gewebt. Dazu wurde die Wolle unter anderem mit Beeren- und Pflanzensäften eingefärbt. Jeder Clan hatte sein eigenes Muster. Für die Highlander spiegelte sich in ihrer Wolltracht auch das enge Verhältnis zur Natur wider. Viehzucht war für die Hochlandvölker die Existenzgrundlage. Deswegen hatten Wolle und die Muster, in denen sie gewebt wurde, kultische Bedeutung. Dieses geerdete Selbstverständnis des Schotten macht den Tartan zum immerwährenden Sinnbild für Tradition und Konservatismus.

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Im Laufe der Jahrhunderte hat sich der Tartan überall ausgebreitet, auf Uniformen, Röcken, Decken, Mänteln. Das Karo wurde zu einem festen Bestandteil der Moden. Zuweilen wurde das Muster dabei auch zu menschenverachtenden Zwecken verwendet. Die Sklavenhändler des späten 18. Jahrhunderts kleideten ihre Opfer in möglichst bunte Tartan-Stoffe, damit geflohene Sklaven möglichst schnell erkannt werden konnten. So wurde das Schottenmuster sogar zum Vorbild für Häftlingskleidung. Heute kann man mit Karomuster auf der Straße nur noch auffallen, wenn man sich mit einem Muster-Mix eine clowneske Note gibt. Meistens allerdings werden Stücke im Tartan-Look zu erdigen Tönen getragen. Damit liegt man auch nie falsch. Vermutlich die nächsten 4000 Jahre nicht. Was auch ein Grund ist, warum Designer immer wieder den Tartan neu entdecken.