Das Wort "Grabstein" wäre ein unangemessener Euphemismus. Denn das schmucklose steinerne Quadrat misst bloß 35 mal 35 Zentimeter und ist bündig mit der Grasnarbe in die Wiese gehämmert, damit der Sitzrasenmäher der Friedhofsverwaltung ungehindert darüber hinwegrattern kann. Deshalb dürfen hier auch keine Blumen, Kerzen oder andere Attribute des Kummers aufgestellt werden. Die Billiggräber sollen den Arbeitern keine Arbeit machen.

Frau K. tut es trotzdem. Das sei sie der Verstorbenen schuldig, sagt die alte Dame. Auch heute hat sie Blumen mitgebracht. Sie ist nur unter Zusicherung ihrer Anonymität bereit, darüber zu sprechen, warum sie an diesem Grab steht.

Hier, auf der Wiese im hintersten Winkel des 27 Hektar großen Bonner Nordfriedhofs, weit weg vom Ehrenmal der Bundesrepublik Deutschland, wo Staatsgäste zu Hauptstadt-Zeiten ihre Kränze niederlegten, bestattet das Ordnungsamt der Stadt Bonn auf kostengünstige Weise jene verstorbenen Bürger, deren Verwandte sich nicht um das letzte Geleit kümmern können oder wollen. In aller Stille. "Pflegefreie Reihengräber" heißt das in der "Satzung über das Friedhofs- und Begräbniswesen der Bundesstadt Bonn", im Fachjargon der Bestatter heißt es "Urnengrab pur". Auf dem steinernen Quadrat, das Frau K. und sonst niemand besucht, steht:

Eva Hupka
* 10. 8. 1931
† 14. 8. 2012

Das Datum ihres Todes hat das Standesamt auf jenen Tag gelegt, an dem die Leiche im erheblich fortgeschrittenen Prozess der Verwesung gefunden wurde. Das ist so üblich, wenn der genaue Todestag unbekannt ist. Gestorben ist die gebürtige Münchnerin deutlich früher, das hat die Rechtsmedizin bei der Obduktion festgestellt. Wann genau, vermag niemand zu sagen. Wochenlang, vielleicht monatelang hat sie im Sommer des vergangenen Jahres tot in ihrer Wohnung in der Lessingstraße 26 gelegen, in der Beletage eines von drei Parteien bewohnten Gründerzeithauses. Bis die Nachbarn das Ordnungsamt benachrichtigten – wegen des Geruchs aus dem ersten Stock.

Hupka. Das war einmal ein prominenter Name zu jener Zeit, als man sich noch nicht über die Euro-Zone, sondern über die Oder-Neiße-Linie stritt. Eva Hupka war die Frau des Politikers und Vertriebenen-Funktionärs Herbert Hupka, der von 1968 bis 2000 Präsident der Landsmannschaft Schlesien war und von 1969 bis 1987 als Abgeordneter im Deutschen Bundestag saß. Neben dem CSU-Politiker Franz Josef Strauß, dem stockkonservativen ZDF-Moderator Gerhard Löwenthal und dem Verleger Axel Cäsar Springer ist Hupka in jener Zeit des gesellschaftlichen Umbruchs die bevorzugte Reizfigur der Hauptstadt-Linken, die sich allabendlich gleich um die Ecke von Hupkas Wohnung versammeln, in der Schumann-Klause. Man kann sich so herrlich aufregen über Hupka. Über seine politische Starre, die man ihm schon ansieht: groß gewachsen, asketisch und so aufrecht, als habe er einen Besenstiel verschluckt. Stets wie aus dem Ei gepellt, wirkt der Schlesier mit dem schlohweißen Haar und dem schlohweißen Schnauzbart wie ein englischer Landlord.

Dass der Präsident der Landsmannschaft Schlesien (durch eine bizarre Laune des Schicksals) gar nicht in Schlesien geboren wurde, wirkt auf die deutsche Linke wie ein zusätzlicher Grund für Häme und Spott. Herbert Hupka kommt am 15. August 1915 in einem britischen Internierungslager auf Ceylon, dem heutigen Sri Lanka, zur Welt. Sein Vater war während des Ersten Weltkrieges mit seiner hochschwangeren Frau auf dem Weg nach China, um dort eine Professorenstelle anzutreten. Das Paar wird unterwegs von den Briten aufgegriffen, verhaftet und interniert. Als die junge Familie wieder entlassen wird, stirbt der Vater auf der Rückreise in die Heimat an den Folgen der Haft.

In seinen letzten Lebensjahren setzt Hupka sich für die polnisch-deutsche Aussöhnung ein, wird Ehrenbürger seiner Heimatstadt Ratibor

Die Heimat der Hupkas ist Schlesien, seit Mitte des 18. Jahrhunderts von Deutschen besiedelt. Herbert, das vaterlose Einzelkind, wächst in Ratibor auf, einer der ältesten Städte Oberschlesiens, seit 1945 Racibórz. Nach dem Abitur studiert er Germanistik, Geschichte und Geografie. Während der Nazizeit ist der junge Mann immer wieder Repressalien ausgesetzt, weil er als Katholik und republikanisch gesinnter Anhänger der Zentrumspartei den Nationalsozialismus ablehnt – und weil seine Mutter das Stigma der jüdischen Abstammung trägt. Nach seiner Promotion wird Hupka im Januar 1944 zur Wehrmacht eingezogen. Wenige Monate später deportieren die Nazis seine Mutter in das Ghetto Theresienstadt, der Sohn wird als "Halbjude" von einem Kriegsgericht zu einer Haftstrafe verurteilt und unehrenhaft aus der Armee entlassen.

Hupka kehrt nach Ratibor zurück, am 31. März 1945 nimmt die Rote Armee die Stadt ein. Hupka geht über die nur einen Fußmarsch entfernte tschechische Grenze, schlägt sich die 450 Kilometer bis nach Theresienstadt durch und holt seine Mutter aus dem Ghetto. Sie ist wie durch ein Wunder von der Deportation ins Vernichtungslager Auschwitz verschont geblieben. Die beiden flüchten zusammen nach Bayern. Eine Rückkehr nach Ratibor ist nicht mehr möglich, Schlesien steht jetzt unter polnischer Verwaltung.

In München findet Hupka eine Anstellung als Radiojournalist beim Bayerischen Rundfunk. Dort lernt er das Fräulein Eva Zink kennen, sie heiraten. 1960 kommt der Sohn Thomas zur Welt. Der Junge bleibt das einzige Kind. Ende der sechziger Jahre zieht die Familie in die Bundeshauptstadt Bonn um, hält aber die hübsch gelegene Mietwohnung in der Schwabinger Ohmstraße als Zweitwohnsitz. Herbert Hupka wird 1968 Präsident der Landsmannschaft Schlesien und zieht 1969 nach dem Wahlsieg der ersten sozialliberalen Koalition als Abgeordneter in den Deutschen Bundestag ein. Für die SPD. Sie steht ihm zunächst politisch deutlich näher als das konservative Lager. Erst nach der Unterzeichnung des Warschauer Vertrages und der damit verbundenen Anerkennung der Oder-Neiße-Linie als unverletzliche Westgrenze Polens bricht der Sozialdemokrat Hupka mit Willy Brandt und wechselt aus Protest 1972 in die Unionsfraktion.

Aber auch in der CDU macht sich Hupka im Lauf der achtziger Jahre mit seiner inzwischen unzeitgemäßen nationalkonservativen Haltung unbeliebt. Als das alljährliche Schlesiertreffen 1985 unter das Motto "Schlesien bleibt unser" gestellt wird, sagt Bundeskanzler Helmut Kohl seinen bereits zugesagten Gastauftritt ab, das Motto wird auf Druck der CDU geändert. 1987, zwei Jahre vor dem Fall der Mauer, scheidet der politisch isolierte Hupka aus dem Bundestag aus. Kohl will ihn dort nicht mehr sehen.