Nicht zu fassen

Das Wort "Grabstein" wäre ein unangemessener Euphemismus. Denn das schmucklose steinerne Quadrat misst bloß 35 mal 35 Zentimeter und ist bündig mit der Grasnarbe in die Wiese gehämmert, damit der Sitzrasenmäher der Friedhofsverwaltung ungehindert darüber hinwegrattern kann. Deshalb dürfen hier auch keine Blumen, Kerzen oder andere Attribute des Kummers aufgestellt werden. Die Billiggräber sollen den Arbeitern keine Arbeit machen.

Frau K. tut es trotzdem. Das sei sie der Verstorbenen schuldig, sagt die alte Dame. Auch heute hat sie Blumen mitgebracht. Sie ist nur unter Zusicherung ihrer Anonymität bereit, darüber zu sprechen, warum sie an diesem Grab steht.

Hier, auf der Wiese im hintersten Winkel des 27 Hektar großen Bonner Nordfriedhofs, weit weg vom Ehrenmal der Bundesrepublik Deutschland, wo Staatsgäste zu Hauptstadt-Zeiten ihre Kränze niederlegten, bestattet das Ordnungsamt der Stadt Bonn auf kostengünstige Weise jene verstorbenen Bürger, deren Verwandte sich nicht um das letzte Geleit kümmern können oder wollen. In aller Stille. "Pflegefreie Reihengräber" heißt das in der "Satzung über das Friedhofs- und Begräbniswesen der Bundesstadt Bonn", im Fachjargon der Bestatter heißt es "Urnengrab pur". Auf dem steinernen Quadrat, das Frau K. und sonst niemand besucht, steht:

Eva Hupka
* 10. 8. 1931
† 14. 8. 2012

Das Datum ihres Todes hat das Standesamt auf jenen Tag gelegt, an dem die Leiche im erheblich fortgeschrittenen Prozess der Verwesung gefunden wurde. Das ist so üblich, wenn der genaue Todestag unbekannt ist. Gestorben ist die gebürtige Münchnerin deutlich früher, das hat die Rechtsmedizin bei der Obduktion festgestellt. Wann genau, vermag niemand zu sagen. Wochenlang, vielleicht monatelang hat sie im Sommer des vergangenen Jahres tot in ihrer Wohnung in der Lessingstraße 26 gelegen, in der Beletage eines von drei Parteien bewohnten Gründerzeithauses. Bis die Nachbarn das Ordnungsamt benachrichtigten – wegen des Geruchs aus dem ersten Stock.

Hupka. Das war einmal ein prominenter Name zu jener Zeit, als man sich noch nicht über die Euro-Zone, sondern über die Oder-Neiße-Linie stritt. Eva Hupka war die Frau des Politikers und Vertriebenen-Funktionärs Herbert Hupka, der von 1968 bis 2000 Präsident der Landsmannschaft Schlesien war und von 1969 bis 1987 als Abgeordneter im Deutschen Bundestag saß. Neben dem CSU-Politiker Franz Josef Strauß, dem stockkonservativen ZDF-Moderator Gerhard Löwenthal und dem Verleger Axel Cäsar Springer ist Hupka in jener Zeit des gesellschaftlichen Umbruchs die bevorzugte Reizfigur der Hauptstadt-Linken, die sich allabendlich gleich um die Ecke von Hupkas Wohnung versammeln, in der Schumann-Klause. Man kann sich so herrlich aufregen über Hupka. Über seine politische Starre, die man ihm schon ansieht: groß gewachsen, asketisch und so aufrecht, als habe er einen Besenstiel verschluckt. Stets wie aus dem Ei gepellt, wirkt der Schlesier mit dem schlohweißen Haar und dem schlohweißen Schnauzbart wie ein englischer Landlord.

Dass der Präsident der Landsmannschaft Schlesien (durch eine bizarre Laune des Schicksals) gar nicht in Schlesien geboren wurde, wirkt auf die deutsche Linke wie ein zusätzlicher Grund für Häme und Spott. Herbert Hupka kommt am 15. August 1915 in einem britischen Internierungslager auf Ceylon, dem heutigen Sri Lanka, zur Welt. Sein Vater war während des Ersten Weltkrieges mit seiner hochschwangeren Frau auf dem Weg nach China, um dort eine Professorenstelle anzutreten. Das Paar wird unterwegs von den Briten aufgegriffen, verhaftet und interniert. Als die junge Familie wieder entlassen wird, stirbt der Vater auf der Rückreise in die Heimat an den Folgen der Haft.

In seinen letzten Lebensjahren setzt Hupka sich für die polnisch-deutsche Aussöhnung ein, wird Ehrenbürger seiner Heimatstadt Ratibor

Die Heimat der Hupkas ist Schlesien, seit Mitte des 18. Jahrhunderts von Deutschen besiedelt. Herbert, das vaterlose Einzelkind, wächst in Ratibor auf, einer der ältesten Städte Oberschlesiens, seit 1945 Racibórz. Nach dem Abitur studiert er Germanistik, Geschichte und Geografie. Während der Nazizeit ist der junge Mann immer wieder Repressalien ausgesetzt, weil er als Katholik und republikanisch gesinnter Anhänger der Zentrumspartei den Nationalsozialismus ablehnt – und weil seine Mutter das Stigma der jüdischen Abstammung trägt. Nach seiner Promotion wird Hupka im Januar 1944 zur Wehrmacht eingezogen. Wenige Monate später deportieren die Nazis seine Mutter in das Ghetto Theresienstadt, der Sohn wird als "Halbjude" von einem Kriegsgericht zu einer Haftstrafe verurteilt und unehrenhaft aus der Armee entlassen.

Hupka kehrt nach Ratibor zurück, am 31. März 1945 nimmt die Rote Armee die Stadt ein. Hupka geht über die nur einen Fußmarsch entfernte tschechische Grenze, schlägt sich die 450 Kilometer bis nach Theresienstadt durch und holt seine Mutter aus dem Ghetto. Sie ist wie durch ein Wunder von der Deportation ins Vernichtungslager Auschwitz verschont geblieben. Die beiden flüchten zusammen nach Bayern. Eine Rückkehr nach Ratibor ist nicht mehr möglich, Schlesien steht jetzt unter polnischer Verwaltung.

In München findet Hupka eine Anstellung als Radiojournalist beim Bayerischen Rundfunk. Dort lernt er das Fräulein Eva Zink kennen, sie heiraten. 1960 kommt der Sohn Thomas zur Welt. Der Junge bleibt das einzige Kind. Ende der sechziger Jahre zieht die Familie in die Bundeshauptstadt Bonn um, hält aber die hübsch gelegene Mietwohnung in der Schwabinger Ohmstraße als Zweitwohnsitz. Herbert Hupka wird 1968 Präsident der Landsmannschaft Schlesien und zieht 1969 nach dem Wahlsieg der ersten sozialliberalen Koalition als Abgeordneter in den Deutschen Bundestag ein. Für die SPD. Sie steht ihm zunächst politisch deutlich näher als das konservative Lager. Erst nach der Unterzeichnung des Warschauer Vertrages und der damit verbundenen Anerkennung der Oder-Neiße-Linie als unverletzliche Westgrenze Polens bricht der Sozialdemokrat Hupka mit Willy Brandt und wechselt aus Protest 1972 in die Unionsfraktion.

Aber auch in der CDU macht sich Hupka im Lauf der achtziger Jahre mit seiner inzwischen unzeitgemäßen nationalkonservativen Haltung unbeliebt. Als das alljährliche Schlesiertreffen 1985 unter das Motto "Schlesien bleibt unser" gestellt wird, sagt Bundeskanzler Helmut Kohl seinen bereits zugesagten Gastauftritt ab, das Motto wird auf Druck der CDU geändert. 1987, zwei Jahre vor dem Fall der Mauer, scheidet der politisch isolierte Hupka aus dem Bundestag aus. Kohl will ihn dort nicht mehr sehen.

Herbert Hupka stürzt aus dem zweiten Stock

Drei Jahre später akzeptiert Kohl im Zwei-plus-Vier-Vertrag die Oder-Neiße-Linie als endgültige Grenze, um die Wiedervereinigung möglich zu machen. Die Endgültigkeit der Abtrennung Schlesiens hätte zu einer weiteren Verbitterung des alten Vertriebenen-Funktionärs führen müssen – doch das Gegenteil geschieht. Hupka setzt sich in seinen letzten Lebensjahren für die deutsch-polnische Aussöhnung ein. Vielleicht aus Altersmilde, vielleicht aus später Einsicht in eine unabänderliche Realität, genährt von dem guten Gefühl, dass sich die Menschen diesseits und jenseits des gefallenen Eisernen Vorhangs nun frei bewegen und begegnen können.

Hupka wird Ehrenbürger seiner früheren Heimatstadt Ratibor und feiert dort am 15. August 2005 zusammen mit den Polen seinen 90. Geburtstag. Rüstig und bei bester Gesundheit. Ein Jahr später ist er tot.

Trotz seines Alters stirbt er eines nicht natürlichen Todes. Am 24. August 2006 stürzt er im Treppenhaus seines Wohnhauses in der Bonner Lessingstraße aus dem zweiten Stock über das massive Holzgeländer hinweg durch den Treppenschacht gut acht Meter in die Tiefe. Der hagere Körper schlägt auf den Steinboden im Erdgeschoss. Eine rechtsmedizinische Obduktion unterbleibt, Fremdverschulden schließen die Ermittlungsbehörden aus, obwohl kein Augenzeuge für den Sturz gefunden werden kann und niemand zu sagen weiß, wie der alte Mann über das 110 Zentimeter hohe Geländer kam oder was er im zweiten Stock des Hauses zu suchen hatte. Die Wohnung der Hupkas liegt im ersten Stockwerk. Nur der Sohn Thomas nutzt noch gelegentlich ein Mansardenzimmer unter dem Dach, also im dritten Stockwerk des Hauses. Wo der zu diesem Zeitpunkt war, wurde nicht ermittelt. Frau Hupka hingegen sitzt beim Friseur unter der Trockenhaube, als ihr Mann in die Tiefe stürzt.

Die Witwe lässt den Toten in München beisetzen und äußert den Wunsch, später ebenfalls in diesem Grab neben ihrem Mann bestattet zu werden. Die Todesanzeige im Bonner General-Anzeiger erscheint erst nach der Beisetzung, nicht einmal die Landsmannschaft Schlesien ist vorab informiert. Nur Witwe und Sohn folgen dem Sarg von der Friedhofskapelle bis zum Grab.

Einen Monat später, im September 2006, organisiert die Landsmannschaft Schlesien eine Trauerfeier für ihren langjährigen Präsidenten in der Bonner Elisabethkirche. Auch für Jörg Bilke ist es eine Herzensangelegenheit, daran teilzunehmen. "Ich habe Herrn Doktor Hupka viel zu verdanken", sagt der gelernte Redakteur, "er hat mich aus der Arbeitslosigkeit gerettet." Hupka hatte ihn in die Pressestelle der Stiftung Ostdeutscher Kulturrat geholt. Am Ende der Trauerfeier geht Bilke auf den Sohn zu, um zu kondolieren. Der sei wie von der Tarantel gestochen davongerannt, als er den Journalisten Bilke sah. "Sie werden es nicht glauben: Er ist vor mir durch die Sakristei aus der Kirche geflüchtet."

Sechs Jahre später stirbt auch Eva Hupka. Ebenso wie ihr Mann im Haus Lessingstraße 26, ebenso wie ihr Mann unter höchst mysteriösen Umständen. Immer wieder liegen einsame alte Menschen monatelang tot in ihrer Wohnung, weil niemand sie vermisst. Aber Eva Hupka wohnte nicht alleine. Sie lebte, seit ihr Mann gestorben war, zusammen mit ihrem Sohn Thomas in der mehr als 100 Quadratmeter großen Bonner Wohnung.

Am 14. August 2012 also benachrichtigen die Mieter im Erdgeschoss wegen des Gestanks aus der ersten Etage das städtische Ordnungsamt, das wiederum die Polizei alarmiert. Thomas Hupka erklärt den Beamten lakonisch, sie sei "irgendwann während der EM" gestorben. So genau wisse er das nicht mehr. Die Wohnung in der Lessingstraße befindet sich in einem völlig verwahrlosten Zustand und ist voller Unrat, das jedenfalls notieren die Beamten. Sie nehmen den Sohn mit und quartieren ihn in der psychiatrischen Abteilung einer Klinik im Bonner Norden ein. Immerhin wird Eva Hupkas Leiche obduziert. Das gerichtsmedizinische Ergebnis: keine Anzeichen äußerer Gewalteinwirkung, aber ein Lungenkarzinom, das seit der Diagnose im Jahr 2009 drei Jahre lang medizinisch nicht behandelt wurde.

Sohn Thomas eifert dem Vater nach. Er ist ein begabter Redner, aber das Abitur bleibt der letzte messbare Erfolg in seinem Leben

Menschen mit Lungenkarzinom gehen in der Regel erstmals zum Arzt, weil sie Erschöpfungszustände und einen deutlichen Gewichtsverlust erleben. Bilden sich später Metastasen – beispielsweise in den Knochen, was häufig der Fall ist –, bekommen die Patienten unerträgliche Schmerzen. Jetzt hilft nur noch Morphium, in der Schlussphase müssen die Schmerzschübe mit raschen Injektionen abgefangen werden, um ein halbwegs humanes Sterben zu ermöglichen. Wenn der stetig wachsende Lungentumor schließlich aufbricht, kommt es zu Blutungen in der Lunge. Der Patient erstickt.

So starb Eva Hupka. Kein Mediziner stand ihr dabei zur Seite. Sie war ganz allein. Und der Sohn guckte nebenan Fußball.

Als die Leiche freigegeben wird, ist Thomas Hupka aus der Psychiatrie getürmt. Abgetaucht. Spurlos verschwunden. Also schießt das Ordnungsamt die Kosten der Bestattung vor und versucht den Aufenthaltsort des Sohnes für eine Rückerstattung zu ermitteln. Aber der heute 53-jährige Thomas Hupka, der in der Bonner Lessingstraße schon nicht gemeldet war, hat sich bei keinem Einwohnermeldeamt Deutschlands registrieren lassen. Außer dem städtischen Ordnungsamt interessiert sich auch keine weitere Behörde für seinen Verbleib. Nicht die Kriminalpolizei, nicht die Staatsanwaltschaft.

Alle wertvolleren Gegenstände, Ölgemälde etwa und das Auto, muss der erwerbslose Alleinerbe schon vor dem Tod der Mutter beiseitegeschafft oder zu Geld gemacht haben. Nach seinem spurlosen Verschwinden lässt der Hauseigentümer mehrere Container vorfahren, um die Beletage zu entrümpeln. Restmüll. Papiermüll. Sperrmüll. Die Wohnung steht heute leer.

Thomas Hupka. Auch dieser Name weckt bei manchen Bonnern jenseits der fünfzig Erinnerungen. Nach dem Umzug der Politikerfamilie von München nach Bonn besucht Thomas das Beethoven-Gymnasium, das schon in Heinrich Bölls Roman Ansichten eines Clowns als Nachwuchsschmiede der Bonner Hauptstadt-Elite vorkommt. Was Politik angeht, überholt Thomas Hupka den Vater bald auf der rechten Spur. Er gründet ein Gegenblatt zu der in seinen Augen linksextremen Schülerzeitung des Gymnasiums. Den meisten Klassenkameraden geht er mit seiner Großspurigkeit, seiner Arroganz und seiner Unzuverlässigkeit auf die Nerven. Er ist berüchtigt dafür, Geliehenes nicht zurückzugeben. Thomas Hupka schafft das Abitur – der letzte messbare Erfolg in seinem Leben. Er nimmt vorübergehend ein Jurastudium an der Bonner Universität auf. Weil er ein begabter Redner ist, gilt er bald als hoffnungsvolles Nachwuchstalent der Bonner Christdemokraten. 1986 wird er erneut in den Vorstand des Kreisverbandes gewählt – obwohl ihm vier Jahre zuvor Wahlmanipulation innerhalb der Jungen Union vorgeworfen wurde und der Bonner CDU-Chef Alois Hauser öffentlich sagte: "Thomas Hupka hat sich parteischädigend verhalten."

Im August 1986 wird Hupka verhaftet. Der 26-Jährige hat Briefkopf und Unterschrift des damaligen CDU-Bundesgeschäftsführers Peter Radunski gefälscht und auf diesem Weg das Konto der Bundespartei um 120.000 Mark erleichtert. Das Geld ließ er sich in bar von einem Kurierfahrer der Kölner Hausbank der Christdemokraten in ein Hotel liefern und öffnete die Zimmertür splitternackt, in der Hoffnung, durch den Verblüffungseffekt den Kurier – der ja auch als Zeuge infrage kam – von seinem Gesicht abzulenken. Den Trick habe er sich aus dem Tatort abgeguckt, erzählt er später dem Gericht. Funktioniert hat er trotzdem nicht.

Ein Jahr lang schottet der Sohn seine Mutter systematisch ab

Weitere Ergebnisse der damaligen Ermittlungen: Der 26-jährige Student lebte bis zur Verhaftung weit über seine Verhältnisse, unterhielt mehrere Wohnsitze, erklärte sich zum Generalsekretär diverser von ihm selbst gegründeter Gesellschaften, nannte als Verlagssitz seiner erfolglosen Zeitschrift (Titel: Bonner Themen) die elterliche Wohnung in der Lessingstraße – und war bis zur Halskrause bei insgesamt zehn Banken verschuldet. Der Angeklagte wird vom Bonner Landgericht wegen Betrugs und Urkundenfälschung zu 15 Monaten Freiheitsstrafe verurteilt. "Trotz großer Bedenken" setzt das Gericht die Haftstrafe dann aber zur Bewährung aus – wohl auch, so schildern Prozessbeobachter, weil der prominente Vater auftrat, inständig um Milde für den Sohn bat und den entstandenen Schaden sowie die Schulden des Filius vollständig beglich.

Nur zwei Jahre später wird Thomas Hupka von gleich mehreren deutschen Strafverfolgungsbehörden per Haftbefehl gesucht – wieder wegen Betrügereien. Geplatzte Schecks, nicht bezahlte Autos. Hupka muss die 15 Monate nun absitzen. Jörg Bilke, der spätere Pressesprecher, erinnert sich, wie er Herbert Hupka im Sommer 1986 zu einer Gedenkfeier nach Berlin begleitete: "Thomas Hupka erschien, für mich überraschend, ebenfalls bei dieser Veranstaltung. Ich fragte den Vater, ob sein Sohn wieder studiere. Scheint so, entgegnete er in einer Einsilbigkeit, aus der Verbitterung sprach. Wenige Tage später startete Thomas Hupka seinen nächsten Coup, der ihn am Ende ins Gefängnis brachte. Seine Mutter musste ihren Schmuck verkaufen, um den Schaden zu begleichen. Unter den kriminellen Aktivitäten des Sohnes hat der Vater unendlich gelitten." Es habe "dem Herrn Doktor Hupka das Herz gebrochen", erinnert sich auch Frau K., seine ehemalige Sekretärin. "Aber die Eva Hupka hielt stets zu ihrem Sohn, ihrem einzigen Kind. Sie nahm ihn immer in Schutz. Sie war eben ein sehr weichherziger Mensch."

Frau K. hat von 1972 bis 1988 als Schreibkraft für Herbert Hupka gearbeitet. "Er war geradlinig, aufrecht, sehr streng und verlangte viel, auch von sich selbst", beschreibt sie ihren alten Arbeitgeber. "Aber er hatte auch ein gutes Herz. Als meine Ehe in die Brüche ging und ich dringend Geld brauchte, hat er mir sofort einen zweiten Job bei einem anderen Bundestagsabgeordneten verschafft." Auch an ihren Geburtstag habe er immer gedacht.

Nach seinem Ausscheiden aus dem Bundestag im Jahr 1987 pflegt Herbert Hupka sich mit seinen ehemaligen Mitarbeitern einmal im Monat zum Stammtisch in wechselnden Bonner Traditionsgaststätten zu treffen. Nach seinem Tod 2006 legt die Witwe großen Wert darauf, diese Tradition fortzusetzen – und bringt fortan jedes Mal den Sohn mit. "Frau Hupka erzählte uns, dass der Thomas jetzt bei ihr wohne", erinnert sich Frau K. "Er hat vorher wohl zeitweise in der alten Münchner Wohnung gewohnt. Aber das sei jetzt zu teuer, man habe sie deshalb aufgegeben, in der Bonner Lessingstraße sei seit dem Tod ihres Mannes genug Platz."

Dass Thomas Hupka von da an immer bei den Ehemaligentreffen dabeisitzt, passt den wenigsten Teilnehmern. Aber niemand sagt etwas, weil man die Mutter nicht brüskieren will. "Er war ein schrecklicher Angeber, ein richtiges Großmaul", sagt Frau K. nach einigem Zögern. Unter den Teilnehmern des Stammtischs vermutet man, dass Thomas, der nie ein Studium abschloss und keiner geregelten Arbeit nachgeht, auf Kosten seiner Mutter lebt. "Eva Hupka erzählte, ihr Sohn sei jetzt freiberuflicher Lektor für einen Buchverlag und gehe in ein Internetcafé, um dort zu arbeiten. Aber das konnte ich nicht glauben."

Frau K. ist völlig überrascht, als zum lange vereinbarten Treffen des Stammtischs anlässlich Frau Hupkas 80. Geburtstag im August 2011 nicht das Geburtstagskind, sondern allein der Sohn Thomas erscheint. Er nimmt den großen Blumenstrauß entgegen und teilt – ohne Angabe von Gründen, aber auch ohne jede Gefühlsregung – mit, dass seine Mutter heute nicht komme.

Eva Hupka erscheint zu keinem der Treffen mehr. Ein Jahr lang versuchen Frau K. und andere vergeblich, die Witwe zu erreichen. Entweder geht niemand ans Telefon, oder der Sohn wimmelt die Kontaktversuche ab. "Einen Anrufbeantworter, auf dem man ihr etwas hätte hinterlassen können, gab es nicht", erinnert sich Frau K. "Auch keinen Computer, an den man eine E-Mail hätte schicken können. Und einfach an der Haustür zu klingeln schien mir unangemessen. Sie war ja nicht meine Freundin, sondern die Frau meines ehemaligen Chefs. Man war von den Hupkas schon eine gewisse Distanz gewohnt. Außerdem konnten wir doch nicht ahnen, was da los war."

Nur durch Zufall erfährt Frau K. im Herbst 2012, dass Eva Hupka gestorben ist. Der Landsmannschaft Schlesien ging es nicht anders: Im August 2012 erschien Thomas Hupka noch zum Sommerfest in Königswinter und nahm in heiterer Stimmung die guten Wünsche für Eva Hupka entgegen – wohl wissend, dass seine Mutter da schon in der gemeinsamen Wohnung verweste. In ihrer Gewissensnot wendet sich Frau K. an die Bonner Staatsanwaltschaft, um ihre merkwürdigen Beobachtungen seit Eva Hupkas 80. Geburtstag mitzuteilen. Daraufhin erhält die alte Dame einen Termin beim für Todesermittlungen zuständigen Kommissariat 11 im Bonner Polizeipräsidium. Die Anreise mit öffentlichen Verkehrsmitteln vom Nordwesten zum Präsidium jenseits des Rheins im Südosten Bonns dauert länger als das anschließende Gespräch mit dem Kriminalhauptkommissar. Frau K. berichtet mit Entsetzen in der Stimme, der Kripobeamte habe sie mit den Worten empfangen: "Sie glauben also, dass Thomas Hupka seine Mutter umgebracht hat?" Frau K. reagiert verstört: "Ich glaube gar nichts. Ich will Ihnen nur schildern, was ich erlebt habe und was mir keine Ruhe lässt." Dann erzählt sie ihm, wie Eva Hupka ein ganzes Jahr lang von ihrem Sohn systematisch abgeschottet wurde. Am Ende sagt der Beamte: "Ich sehe jetzt aber immer noch keine Veranlassung, nach Thomas Hupka zu suchen."

Diese Sichtweise bestätigt auf Anfrage des ZEITmagazins auch Oberstaatsanwalt Robin Fassbender in seiner Stellungnahme. "Nach Einschätzung des vernehmenden Polizeibeamten ergibt sich aus der Schilderung der Zeugin kein hinreichender Anfangsverdacht, der weitere Ermittlungen rechtfertigen würde. Außerdem hat die seinerzeitige Obduktion durch die Rechtsmedizin keinerlei Hinweise auf äußere Gewaltanwendung ergeben", heißt es darin lakonisch. Äußere Gewaltanwendung? Eine alte Frau mit Lungenkrebs, die offenbar von jeder medizinischen Versorgung abgeschnitten wird – ist das kein Grund, nachzuhaken? Auch durch Unterlassen kann man einen hilflosen Menschen umbringen. Bedarf es da noch "äußerer Gewaltanwendung"?

Warum hat Thomas Hupka keinen Arzt gerufen, um wenigstens die Schmerzen der Sterbenden zu lindern? Warum hat er so lange mit der Leiche in der Wohnung ausgehalten? Ging es um die Fortzahlung der Altersversorgung? Die ist für die Witwe eines langjährigen Bundestagsabgeordneten nicht unbeträchtlich. Und: Kann ein Mensch in unserer angeblich gläsernen Gesellschaft einfach untertauchen und spurlos verschwinden? Das ist kein Problem, solange nicht nach ihm gefahndet wird. Wie oft wird jemand schon von einer Polizeistreife um seinen Personalausweis gebeten? Hupka kann auch unbemerkt ins Ausland gegangen sein. Im Schengen-Raum wird das nicht mehr kontrolliert. Und wovon lebt Hupka seit einem Jahr, wo er doch keinen Beruf erlernt hat? Gab es Vermögen? Viele Fragen bleiben – doch sie werden nie beantwortet werden. Die Bonner Strafverfolger sehen keinen Anlass für Ermittlungen. Thomas Hupka ist nicht zu fassen.