Ich hatte alles versucht, diesen Gedanken nicht zu denken. Ihn aus meinem Körper zu strampeln, vom Fahrtwind aus dem Kopf pusten zu lassen. Aber als ich zu Hause ein letztes Mal abstieg und wieder eine Sekunde zu lange überlegen musste, wo und wie ich dieses Fahrrad ohne Fahrradständer kurz abstellen könnte, um meinen Schlüsselbund aus dem Rucksack zu kramen – da war Zeit für den Seufzer: "Gleich googelst du nach Sinnsprüchen zum Thema Theorie und Praxis."

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In der Theorie habe ich ihn geliebt, den Racer der Münchner Firma Indienrad: schlank und leicht, der Rahmen und sogar die Reifen so weiß, als wäre Farbe schon zu viel. In der Theorie stand der Racer für "Weniger ist mehr" – gerade jetzt, da viele Männer in meiner Hamburger Vorstadt kampflackierte Zweirad-SUVs unterm Hintern haben, mit 35 Gängen, Federgabeln und Breitreifen, die Rollgeräusche machen wie Panzer. Und in der Wirklichkeit sah der Racer dann sogar noch besser aus als auf den Werbefotos: zwei Kreise und ein Dreieck, nachempfunden den Rädern der ersten Tour de France 1903. Zwei Gänge, Rücktrittbremse und ansonsten jede Menge Nichts – entwickelt von dem Produktdesigner Nikolaus Hartl und dem Marketingspezialisten Bernhard von Eyb.

In der Praxis gab es leider so etwas wie: Wetter. In der Praxis trieben Tiefdruckgebiete über Norddeutschland, als wollten sie dem Monsun Konkurrenz machen. In der Praxis war es dauernd dunkel oder nass oder dunkel und nass, und ich begriff, was noch alles das viele Nichts des Racers ausmachte: kein Gepäckträger, kein Schutzblech, kein Licht. Um das Rad so schlicht zu halten, wie die schöne Theorie es wollte, saß ich in der Praxis bepackt wie ein Höhlenforscher auf dem Sattel: mit weißer Stirnlampe vorn, Rucksack-Rotblinklicht-Kombi hinten und Regenhose unten, weil sich auch in Trockenphasen Herbstlaub und Straßenschlamm an Schuhen, Säumen und in Kniekehlen sammelten. In der Praxis wandelte sich die Theorie in ein "Weniger (unten) ist mehr (oben)".

Vielleicht lag es nur am Wetter. Vielleicht muss es so kommen, wenn statt eines Mechanikers ein Designer und ein Marketingmann ein Fahrrad erfinden. Vielleicht hat mein Nachbar recht, der sagte, der Racer sei ein tolles Zweitrad für die schönen, hellen Tage. Das wäre dann die Theorie: "Weniger (Fahrrad) ist mehr (Fahrräder)."

Technische Daten

Rahmen: Stahl
Reifengröße: 28 Zoll
Gewicht: 10,8 kg
Schaltung: 2-Gang-Nabenschaltung
Bremsen: Felgenbremse vorn, Rücktrittbremse
Basispreis: 469 Euro

Henning Sußebach ist stellvertretender Ressortleiter im Dossier der ZEIT