Alain Berset schweigt. Er gibt keine Interviews. Klar, man hätte mit ihm im September über das neue Impfgesetz sprechen können; schließlich wollte er eine Volksabstimmung gewinnen. Oder über 24 Monate lang gereiften Sbrinz-Käse, schließlich ist er Schirmherr der herbstlichen Semaine du Goût. Aber über sein großes Projekt, die umfassende Reform der Altersvorsorge, darüber schweigt der SP-Bundesrat. Wortreich wimmelt sein Pressesprecher über Monate alle Gesprächsanfragen ab.

Alles Taktik. Alles Strategie.

"Wie ein Panther sitzt Alain Berset auf dem Baum auf der Lauer. Und wartet. Um im richtigen Moment zuzuschlagen." So sagt es ein hoher Beamter in Bundesbern. Voller Ehrfurcht.

Es ist ein Mittwoch im November. Drei Uhr nachmittags. In Bern kündigt sich Schnee an. Alain Berset tritt in den großen Saal im Medienzentrum des Bundes und nimmt auf dem Podium Platz. Seine Postur verrät den ehemaligen Spitzenleichtathleten. Er hält ein fünf Zentimeter dickes Bündel A4-Blätter in die Luft, lächelt und sagt: "Was wir da anpacken müssen, ist nicht so einfach."

Im Jahr 2030 klafft im AHV-Fonds ein Loch von 8,6 Milliarden Franken. Und die Pensionskassen erwirtschaften schon heute mit ihren Finanzanlagen immer niedrigere Renditen, mit denen sie immer längere Renten bezahlen müssen. Bis zu 110 Milliarden Franken sollen 2030 fehlen, schätzen Experten.

Es ist die größte Schweizer Rentenreform seit 1985, als die berufliche Vorsorge (BVG) obligatorisch wurde. Und seither tut sich die Schweiz schwer mit dem Umbau ihrer Altersvorsorge. Vor bald zwanzig Jahren wurde die letzte AHV-Revision angenommen. Sie erhöhte das Rentenalter der Frauen schrittweise von 62 auf 64 Jahre. Alle weiteren Anpassungsversuche scheiterten. Zunächst lehnte das Volk 2004 das Rentenalter 65 für Frauen ab, sechs Jahre später verwarf es eine Senkung des sogenannten BVG-Umwandlungssatzes. Und das Parlament versenkte im gleichen Jahr eine abgespeckte Version dieser 11. AHV-Reform.

Deshalb wagt der Sozialminister den großen Wurf: Er will die AHV und die BVG gemeinsam umbauen. Vor einem Jahr hat Berset sein Projekt angekündigt. Nun präsentiert er die Details:

Das Rentenalter der Frauen wird innerhalb von sechs Jahren von 64 auf 65 erhöht. Der Umwandlungssatz in der beruflichen Vorsorge wird über vier Jahre von 6,8 auf 6 Prozent gesenkt. Gleichzeitig sind Rentenbezüge aus der Pensionskasse erst ab 62 möglich. Für Selbstständige und Angestellte gelten dieselben Beitragssätze. Für den AHV-Fonds gilt: Fällt der Stand unter 70 Prozent einer Jahresausschüttung, wird der Beitragssatz automatisch erhöht, und die Renten werden nicht mehr vollständig der Teuerung angepasst. Und weil trotzdem von 2030 an in der AHV ein Loch von 7,2 Milliarden Franken klaffen würde, soll die Mehrwertsteuer um bis zu zwei Prozent erhöht werden.

"Berset versucht einen spannenden Neuanfang", sagt der Politologe Claude Longchamp. "Er hat einen großen Hut in die Mitte gelegt, und nun muss jeder etwas reingeben." Die letzten Reformen scheiterten, weil es immer klare Sieger und klare Verlierer gab. Mal waren es die Frauen, mal die Alten, mal die Jungen. Es bildeten sich seltsame Allianzen; so waren 80 Prozent der SVP-Wähler gegen eine Senkung des BVG-Umwandlungssatzes, obschon die Gewerkschaften das Referendum ergriffen hatten. Nun sollen alle verlieren – und nur eine soll obsiegen: die Vernunft.

"Das mag vielleicht einige Politiker überfordern", sagt Berset. "Aber die Stimmbürger wissen, wie mit komplexen Themen umzugehen ist – das haben sie immer wieder bewiesen." Dass die Altersvorsorge dem demografischen Wandel angepasst werden muss, ist allen Beteiligten bewusst. Sämtliche Szenarien zeigen, dass von 2020 an die mit den AHV-Geldern erwirtschafteten Kapitalgewinne die Renten nicht mehr finanzieren können. Aber kann einem SP-Bundesrat in einem grundbürgerlichen Land ein solches Monstervorhaben gelingen? Fragt man sich durch im politischen Bern, folgt die Gegenfrage auf dem Fuß: Wer, wenn nicht Berset, soll es richten? Die Bewunderung für den Strategen ist so groß, dass ihm Journalisten sogar seine Niederlagen als Siege auslegen.

Die Karriere von Alain Berset verlief im weichen Gang geschmeidig starker Schritte. Mit 27 Jahren wird er Freiburger Verfassungsrat, mit 31 Ständerat – und mit 39 Bundesrat. Der Freiburger gehört zu einer neuen Generation von Schweizer Politikern. Er ist ein Profi, kein Milizionär. Nach dem Ökonomiestudium an der Uni Neuenburg arbeitete er am Weltwirtschaftsinstitut in Hamburg, später in der Neuenburger Verwaltung, bevor er ein eigenes Beratungsbüro gründete. "Ein Bundesrat muss sehr genau wissen, wie unsere politischen Institutionen funktionieren", sagte Berset vor seiner Wahl in die Regierung. Vorsprung durch Erfahrung und Netzwerk – und dies im, für einen Bundesrat, zarten Alter von 41 Jahren.

So griff er zu, der linke Neuling, als der bürgerliche Didier Burkhalter nicht länger im Innendepartement, wie er selber sagte, um "sehr schwierige Fragen, über sehr technische Gesetzesartikel" kämpfen wollte. So hielt er, der Staatsgläubige, seine erste große Rede just am Arbeitgebertag. Geschrieben hatte sie ein ehemaliger Berater des damaligen Novartis-Chefs Daniel Vasella. Sie war brillant. "There is such a thing as society", sprach er, in Abgrenzung zu Maggie Thatchers neoliberalem Kampfspruch, den Bossen ins Gewissen.