"Doree muss drei Busse nehmen." So beginnt Alice Munros Erzählung Dimensionen über eine Frau , deren Mann die drei gemeinsamen Kinder getötet hat und den sie trotz allem in der Anstalt besucht. Das sind Munros Kurzgeschichten – fast beiläufig erzählt sie Ungeheuerliches, wie innerhalb eines Augenblicks das Leben, das man kannte, vorüber sein kann. Freie Radikale, eine andere Kurzgeschichte aus Munros Band Zu viel Glück, spielt in einem Haus, ein Kammerspiel der Innenwelt. Der erste Satz: "Am Anfang riefen alle an, um sich zu vergewissern, dass Nita nicht zu niedergeschlagen oder zu einsam war, nicht zu wenig aß oder zu viel trank." Da trauert man noch mit der älteren Dame, die gerade Witwe geworden ist. Eines Morgens steht ein Mann vor ihrer Tür, er gibt sich als Handwerker aus, dann fordert er, sie solle ihm etwas zu essen kochen, er lässt absichtlich den Teller fallen, schneidet sich an den Scherben. Blut. Die Wirklichkeit bekommt einen Riss. Er zeigt der Dame ein Foto, darauf sind seine Eltern und seine Schwester abgebildet, der Mann hat sie umgebracht. Die Dame gesteht ihm, sie habe die Geliebte ihres verstorbenen Mannes vergiftet. Der Mörder lässt sie leben. Dabei war das Geständnis der Dame nur eine Lüge in der Not, in Wahrheit war sie selbst die Geliebte. Die Geschichte ist 25 Seiten kurz und lang wie ein Roman.

Es geschieht sehr viel bei Alice Munro, sie schreibt in solch existenzieller Dichte und Komplexität, dass ein Kritiker meint, es sei kaum zu verkraften, mehr als eine Erzählung pro Tag von ihr zu lesen.

Alice Munro, die kanadische Königin der Kurzgeschichte, heute 82 Jahre alt, kennt die feinen Verästelungen der menschlichen Seele. Sie weiß, was ihre Figuren denken und fühlen, und sie richtet nie. Auch ihre erste je veröffentlichte Erzählung, die in diesem ZEITmagazin steht und die sie mit 18 Jahren schrieb, beginnt lakonisch: "Miss Abelhart kam allein aus der Kirche." Raffiniert beschreibt Munro eine Lehrerin, vorzeitig gealtert, einsam, die sich in der Liebe zu einem Schüler verliert. Erst am Ende wird klar, es war Einbildung, ein Gespräch mit dem Jungen hat es wahrscheinlich nie gegeben. Mit knappen, schlichten Worten zeichnet Munro die Seelenlandschaft der Lehrerin. Das konnte sie bereits mit 18.

Alice Munro bot Die Dimensionen eines Schattens 1950 ihrer Universitätszeitung Folio in Ontario an. Dort lernte sie Gerry Fremlin kennen, er gab die Zeitung mit heraus. In einem Interview von 2005 erinnert sich Munro: "Ich wollte ihn treffen. Auch wenn mir vor allem sein Aussehen gefiel." Fremlin schrieb ihr nach der Lektüre einen Fanbrief. Aber Munro wartete darauf, dass er sie fragte, ob sie mit ihm ausgehe. Die Dimensionen eines Schattens wurde veröffentlicht. Fremlins Angebot kam nicht. So heiratete die Studentin einen anderen, James Munro, zog fort und bekam vier Kinder. Zwanzig Jahre später trennte sich Alice Munro, kehrte zurück an die University of Western Ontario, traf Fremlin wieder, kurz darauf folgte die Hochzeit. Diese Geschichte klingt fast wie eine von Munros Erzählungen. Fast.