Wer Werner Vogt, den Störenfried, sucht, wird ihn auf den ersten Blick nicht finden. Vorsichtig wirkt der 75-jährige Arzt im Ruhestand, der auf einer Eckbank in einem Wiener Kaffeehaus sitzt. Fast ein wenig scheu. Seine silbergrauen Haare sind vom Wind zerzaust, die Wangen gerötet. Sanfte Augen blicken hinter dunklen, dichten Augenbrauen hervor, in die das Alter weiße Fäden geflochten hat. Der wortgewaltige, unzufriedene Aufrührer existiert anscheinend nur auf dem Papier. Vogt ist ein streitbarer Citoyen, der viele Jahrzehnte lang jedem Unrecht, auf das er gestoßen zu sein vermeinte, öffentlichkeitswirksam entgegentrat. Immer wieder geriet er in heftige Konflikte, weit über seine Fachgrenzen hinaus, er brachte den Euthanasie-Arzt Heinrich Gross zur Strecke und betätigte sich als Vorkämpfer für einen gerechteren Sozialstaat.

"Man muss alles zuerst aufschreiben", sagt er. "Erst im Schreiben werden Gedanken, wird man selbst klarer. Es erlaubt einem, die richtigen Argumente in einem Konflikt zu finden, an den Worten zu feilen, bis sie sitzen." Mein Arztroman nennt er seine Autobiografie, die soeben in der kleinen Wiener Edition Seinbauer erschienen ist. Es ist die Chronik eines Widerspenstigen, die auch vom langsamen Erwachen der österreichischen Zivilgesellschaft erzählt, zu deren Pionieren der Rebell aus Leidenschaft gehört. Drei Jahre schrieb Vogt an seinem Buch, das da auf dem Tisch unter seiner Hand liegt, als würde er es schützen wollen.

Konflikte schürte der scharfzüngige Arzt am laufenden Band. Denn der Chirurg Vogt stieß immer wieder auf Missstände im Gesundheitswesen, die wie Trümmer vor ihm auf dem Weg lagen und ihn immer weiter in die Rolle eines öffentlichen Anklägers trieben. Wider alle Beteuerungen von Schönrednern schrieb er unermüdlich gegen die Zweiklassenmedizin und den tristen Alltag des überforderten Krankenhauspersonals an, wetterte gegen Postengeschacher im Gesundheitssystem oder griff unbekümmert all jene Ärzte an, die sich an Privatpatienten zu bereichern versuchten.

Wenn Vogt heute in seiner Vergangenheit blättert, liest er das Kapitel über Heinrich Gross besonders gern. Der Prozess gegen den Psychiater, der in der Wiener Euthanasie-Klinik Am Spiegelgrund in der NS-Ära Kinder getötet hatte, zog sich über Jahre. Zweimal hatte es Gross, damals noch ein angesehener Primar und Gerichtsgutachter, der in der SPÖ Unterschlupf gefunden hatte, bereits geschafft, sämtliche Vorwürfe zu entkräften und eine Verurteilung gegen Vogt wegen Verleumdung zu erwirken. Doch das Fehlurteil motivierte den Mediziner mit dem feinen Gerechtigkeitssinn, weiter nachzubohren. 1979 verteilte er Flugblätter, auf denen er Gross der Euthanasie bezichtigte. Dann stieß er auf Friedrich Zawrel, der zu diesem Zeitpunkt zu Unrecht wegen "hochgradig geistiger Abartigkeit" in der Strafanstalt Stein saß. Als Kind war Zawrel von Gross einst mit Giftspritzen und Prügeln misshandelt worden, in Stein erkannte er nun in der Person des psychiatrischen Gutachters seinen alten Peiniger wieder. Vogt bat Zawrel, in seinem Berufungsprozess gegen Gross auszusagen. Das brachte die Wende: Vogt wurde freigesprochen, und Zawrel war nach jahrelanger Haft ein freier Mann. Nun ermittelte die Justiz gegen den NS-Nervenarzt, dem es letztlich gelang, niemals zur Verantwortung gezogen zu werden. "Obwohl Gross mit originellen Ausreden davonkam, hat mich dieses Erlebnis in meiner Ansicht bestätigt, dass Konflikte geschürt werden müssen", sagt Vogt. "Sonst bewegt sich ja nichts."

Die Lust am Ungehorsam prägt ihn bereits in jungen Jahren. Schon als Kind läuft Vogt gern in die Gegenrichtung. 1938 kommt er im Tiroler Landeck in bescheidenen Verhältnissen zur Welt. Der Krieg macht die Rohheit salonfähig, Kinder spielen einander brutale Streiche, schlagen mit Schaufeln aufeinander ein oder hacken Gänsen mit Wolllust die Köpfe ab. Der Klassenprimus wendet sich bald davon ab. Er lernt gern und schnell. Das geistige Wachstum entfremdet ihn zusehends von seiner katholischen Familie. Eigentlich hätte er Schlosser werden sollen. Aber mit 20 Jahren entkommt der Abtrünnige mit einer Alibi-Bibel unter dem Arm dem kleinkarierten Dorf. Er beschließt, Volksschullehrer in Bregenz zu werden. Kaum im Klassenzimmer, wird er wegen seiner unkonventionellen Unterrichtsmethoden, die man heute wohl als Montessori-Pädagogik bezeichnen würde, schon wieder verabschiedet und strafversetzt. Vogt erkennt, dass er an den Grenzzäunen des Unterrichtssystems nicht vorbeikommt. Er kratzt sein letztes Geld zusammen und zieht nach Wien, um weiter zu studieren. Psychologie gefällt ihm nicht. Schließlich entscheidet er sich für etwas Handfestes: Medizin, Unfallchirurgie.

Laissez-faire ist nicht seine Sache

"Werner Vogt fiel allen sofort auf, besonders durch seine Mischung aus Herzlichkeit, Humor und scharfer Kritik", sagt der Ökonom Stephan Schulmeister, der Vogt in den sechziger Jahren kennenlernte: "Er war gesellig und überredete mich sogar dazu, der Verbindung Austria Wien des Cartellverbandes (CV) beizutreten, obwohl ich mit derartigen Männerbünden nie etwas zu tun haben wollte. Werner ja auch nicht. Ihm hat einfach die Diskussionskultur dort gefallen."

Als Vogt seinen Kollegen zum ersten Mal zu einem Treffen mitnimmt, ist Schulmeister überrascht, statt auf einen katholischen Studentenbund auf eine Truppe von linksorientierten Intellektuellen zu stoßen, die engagiert über Literatur und Politik diskutierten. Der altehrwürdige, erzkonservative Elitezirkel mutiert unter dem ungläubigen Vogt zu einem sozialen Bildungsverein, "in dem Lese-, Schreib- und Bildungszwang herrschte" und der kritische Geister in seinen Bann zieht.

Hier reift Vogts Gedankenwelt, hier lernt er, seine argumentative Feder zu spitzen. Regelmäßig publiziert er kritische Artikel in der Vereinszeitschrift Academia . Die Artikel bringen ihn bald in Bedrängnis. Als er sich diametral entgegen der christlichen Parteilinie der ÖVP positioniert, Bruno Kreisky herbeischreibt und die Alleinregierung von Kanzler Josef Klaus kritisiert, wird er von der Academia verbannt und wenig später auch aus dem CV ausgeschlossen.

All diese Exilerfahrungen lesen sich locker und gelassen in seiner Biografie, sie scheinen an ihm vorüberzuziehen wie kurze Sommergewitter. Es sind süffisante Sätze eines Stehaufmännchens, auf die Vogt immer wieder zurückgreift. Sätze, die sich am Humor abstützen, aber zwischen den Zeilen auch in den Zynismus eines ewig Unverstandenen abrutschen. Dann wirkt Vogt fast wie ein enttäuschtes Kind, das erkannt haben will, wie es richtig gehört, aber prompt eine auf die Finger bekommt, wenn er fremde Strukturen auch nur hinterfragt. Es bleibt ihm nichts anderes übrig, als die Rolle des individualistischen Widerspruchsgeistes anzunehmen, um auf seine Ideen aufmerksam machen zu können. In dieser öffentlichen Position wagt ihn später auch niemand mehr leichtfertig zu demontieren.

"Der Preis seines Abschusses durch teils mächtige Opponenten wurde mit jedem öffentlichen Auftritt höher", erinnert sich Schulmeister. "Jeder wusste bald, wer sich mit Werner Vogt anlegt, legt sich mit der kritischen Öffentlichkeit an." Vogt engagiert sich an der Hochschülerschaft, macht sich als Bildungsreformer einen Namen, arbeitet mit innovationsfreudigen Politikern zusammen. Man kennt ihn, den klugen Unbequemen, der jedem im Ohr hängt wie ein lästiger Tinnitus. Er gründet den Verein für kritische Medizin, der sich mit der organisierten Ärzteschaft einen heftigen Schlagabtausch liefert, und er organisiert Jahre später mit Schulmeister das Volksbegehren Sozialstaat Österreich. Mehr als 700.000 Österreicher unterstützen mit ihrer Unterschrift die Erhaltung und den Ausbau des Sozialstaates. "Er hat mit seiner Beharrlichkeit unglaublich viel erreicht", meint sein Freund und Weggefährte, der grüne Politiker Peter Pilz. "Aber weniger für sich, mehr für die anderen."

Seine spitze Zunge hätte ihm die Karriere verbaut, sagen Kollegen. Primar hätte Vogt werden können oder Spitalsdirektor. Solch eine Karriere war dem pragmatisierten Geduldeten jedoch gleichgültig. Er wollte in erster Linie Arzt sein – und öffentliches Gewissen.

In dieser Rolle stand er besonders im Scheinwerferlicht, als ihn die Stadt Wien 2003 zu ihrem Pflegeombudsmann bestellte – diese Funktion war nach einem der vielen Heimskandale geschaffen worden, und viele vermuteten, Vogt sollte den Rathauspolitikern als Alibi dienen. "Aber manipulieren lässt sich Werner nicht", sagt der Psychiater Georg Psota, der damals mit ihm zusammenarbeitete. Gemeinsam besuchten beide viele Haushalte, um sich Einblick in die Situation Pflegebedürftiger zu verschaffen, und deckten die Defizite auf. Das ging drei Jahre gut, bis "mich die militante Renate Brauner aus dem Amt entfernte", schreibt Vogt. "Ich habe sie zu wenig gelobt." Offiziell hieß es, der Posten sei besser bei einem Pflegewissenschaftler aufgehoben.

Über diese Stelle in seinem Buch lacht Vogt verschmitzt. Die Augen blitzen, in seinem Blick liegt etwas Lauerndes. Vielleicht findet man den öffentlichen Werner Vogt doch in diesen stummen Gesten der Rebellion. Wenn er nicht gerade schreibt, vergräbt er sich hinter Büchern in seinem Haus im Waldviertel. Laissez-faire ist seine Sache aber nicht. Er arbeitet bereits an seinem nächsten Projekt. Es bestünden zu enge Beziehungen zwischen Juristen und Medizinern, meint er kryptisch darüber. Solange er lebt, wird er ein unbequemer Stachel im Fleisch all jener bleiben, die es sich zu richten wissen. Ob das nicht anstrengend sei? "Diese Opportunisten müssen doch immer mehrere Rollen spielen. Das stelle ich mir anstrengend vor."