Ein gewaltiger patriotischer Rausch hat die Metropole erfasst. Es ist der Abend des 25. Juli 1914, und jedermann ist sich im Klaren, dass der Krieg unmittelbar bevorsteht, die heiß ersehnte Heldenzeit. Überall in der Wiener Innenstadt versammeln sich die Menschen, vaterländische Gesänge branden auf, Vivat-Rufe hallen über Straßen und Plätze. 

Es ist die Stunde pathetischer Worte, und es ist auch die große Stunde des Wiener Bürgermeisters Richard Weiskirchner, der hofft, aus dem Schatten seines Lehrmeisters Karl Lueger treten zu können, dem er als Spitzenbeamter gedient hatte. Demonstrativ lässt er sich an diesem Sommerabend unter dem Jubel der Passanten im offenen Wagen über die Ringstraße vom Rathaus ins Kriegsministerium chauffieren.

Fortan kam dem Bürgermeister der kaiserlichen Residenzstadt eine Sonderrolle zu. Da der greise Franz Joseph sich zunehmend nach Schloss Schönbrunn zurückzog, übernahm Weiskirchner die Rolle eines Zeremonienmeisters der habsburgischen Kriegsbegeisterung. Eine der ersten Maßnahmen, die der Stadtpatriarch ergriff, sollte vor allem den Nachruhm dieses Wiener Heldenzeitalters sichern. Schon eine Woche nach Mobilisierung der k. u. k.-Armee wies er den Direktor der Städtischen Sammlung im Rathaus, Johann Eugen Probst, an, "alles zu sammeln, was sich auf Wiener Einrichtungen während dieser historisch bedeutsamen Zeit bezieht".

Der Beamte und seine Leute erfüllten diesen Auftrag mit beeindruckendem Pflichteifer. In den kommenden viereinhalb Jahren häuften sie einen gewaltigen Bestand an Druckwerken, Anschlägen, Devotionalien, Erinnerungsstücken, Bilddarstellungen und Zeitungsausschnitten an, der nun erstmals systematisch aufgearbeitet wurde und in einer kleinen Ausstellung und einem monumentalen Katalog präsentiert wird. Die Städtischen Sammlungen (heute in Wien-Bibliothek und Wien-Museum aufgeteilt) hatten die Aufgabe, das kommunale Gedächtnis einer selbstbewussten Stadt zu sein. Noch das kleinste Detail aus der Schaltzentrale des kriegführenden Reiches sollte in ihm gespeichert sein.

Die "Große Zeit" löste allenthalben öffentliche und private Sammelwut aus, es gab sogar ein eigenes Journal, den Kriegserinnerungs-Sammler, in dem gefeilscht und getauscht wurde. Die städtischen Archivare besaßen jedoch einen Startvorteil: direkten Zugriff auf die kommunalen Einrichtungen, die Belege eines jeden Aufrufes und jedes öffentlichen offiziellen Schriftstückes im Rathaus ablieferten. Im Rathaus saßen drei Beamte, die jeden Tag stundenlang damit beschäftigt waren, 16 deutschsprachige Zeitungen aus dem In- und Ausland auszuwerten. Über die Jahre füllten sie so 604 thematisch geordnete Bände mit 116.000 Zeitungsausschnitten (24 Bände füllt allein die Kriegslyrik).

Auch der Bürgermeister war emsig daran beteiligt, dass seine Sammlung wucherte. Persönliche Zusendungen, die ihn erreichten (von Feldpostbriefen bis zu Trophäen, die ihm Wiener Soldaten sandten), leitete er mit dem Vermerk "Zur Kriegssammlung" an sein Archiv weiter. Von einem Frontbesuch bei den Deutschmeistern brachte er sogar einen italienischen Blindgänger vom Isonzo mit, der während seiner Rede eingeschlagen war.

Doch in all ihrer Breite erfüllt die Wiener Kriegssammlung genau das Gegenteil dessen, wozu sie gegründet wurde: Sie ist ein Archiv des Weltunterganges, in dem detailliert dokumentiert wird, wie eine glanzvolle Metropole sich mit hohlen Phrasen mästet und deshalb an Auszehrung vor die Hunde geht. Im November 1918, so steht es in einem der Zeitungsausschnitte, gleiche Wien einer der zuvor so beliebten Kriegsausstellungen: "Nicht einer, in der gezeigt wird, wie man Krieg führt, sondern, wohin der Krieg führt."

 Die Ausstellung "Wohin der Krieg führt – Wien im Ersten Weltkrieg" ist bis zum 23. Mai 2014 in der Wien-Bibliothek im Rathaus zu sehen. Der Katalog, herausgegeben von Alfred Pfoser und Andreas Weigl, ist im Metroverlag, Wien, erschienen (692 Seiten, 35,00 €)