Ein Vater begrüßt seine Tochter im Leben. Sie heißt Eva, geboren am 11. Januar 1936 in Hamburg, und Wilhelm Hesse dichtet: " Erklimmen sie möge des Lebens Stufen / In Frieden, in Freiheit, in Stolz und mit Glück, / zum Himmel gerichtet sei stets ihr Blick/ Sie möge erleben nur gute Zeiten, / sie soll ihren Eltern nur Freude bereiten."

Im Dezember 1938 werden Eva Hesse und ihre Schwester mit einem Kindertransport nach Den Haag gebracht, die Eltern folgen später, 1939 geht es nach London, von dort per Schiff nach New York. Eva Hesse, die Design und Kunst studiert, holt mit ihren Arbeiten aus Kunstharz, Gummi und Vinyl die Skulptur auf den Boden der befremdlich selbstverständlichen Stoffe des Alltags. Sie stirbt 1970 an einem Gehirntumor und ist nach ihrem frühen Tod rasch zu einem Mythos geworden. Dass ihr Werk viel zu einzelgängerisch ist für Seligsprechungen, kann man jetzt wieder in der Hamburger Kunsthalle sehen. Es ist nicht nur für Eva Hesse, sondern auch für Gertrud Goldschmidt, die sich Gego nannte, die erste Ausstellung in der Stadt, in der sie geboren wurden. Eine reizvolle Konstellation, weil es in den ästhetisch antipodischen Œuvres eine grundsätzliche Gemeinsamkeit gibt: die Zeichnung als Leitlinie. Im Unterschied zu Hesse aber ist Goldschmidt immer noch eine Entdeckung. Und was für eine!

"Ich glaube, ich werde mich im Vergleich zu den meisten Leuten immer ein bisschen anders fühlen und dies auch sein wollen. Darum nennt man uns Künstler", schrieb Eva Hesse an ihren Vater, um ihr Kunststudium zu begründen. In ihrem Tagebuch wird sie immer wieder darüber reflektieren, wohl auch, weil im New York der frühen sechziger Jahre eine hohe Streitkultur herrschte zwischen den Patriarchen des abstrakten Expressionismus und Newcomern wie den Minimalisten. Hesses Werk zeigt Spuren von beiden: das spontan Gestische von Willem de Kooning in den frühen Zeichnungen und Bildern, das kalkuliert Serielle von Sol LeWitt in späteren Skulpturen.

In der Hamburger Ausstellung, die Brigitte Kölle und Petra Röttig erarbeitet haben, stehen gleich im ersten Hesse-Raum die sieben titellosen, erigierten Spulwürmer mit Knickfuß (1970). Aluminiumdrähte wurden hier mit Polyesterharz und Glasfaser ummantelt, Materialien, die von Anfang an vernutzt und, obwohl leicht glänzend, leicht schmuddelig aussehen. Eine ebenso komische wie bedrohliche halb hohe Gesellschaft geknickter und bandagierter Linien.

Gleich nebenan zwei weitere kapitale Werke. Sans (1968) besteht aus einer Doppelreihe von offenen Kästen aus Polyesterharz, schier endlose zehn Meter an der Wand entlang aufgereiht. Das goldschimmernde Material scheint in lockerer Bewegung erstarrt, ein reizvoller Widerspruch zur sonst strengen Ideologie des Seriellen.

Eine verschleierte Geometrie charakterisiert auch die fünfzig Röhren aus Polyesterharz, die unregelmäßig, aber nicht ungeordnet an der Wand lehnen. Sie bilden den rechten Hintergrund für Accession III (1968). Diese außen schimmernde Kiste hat ein nach innen gekehrtes Fell, von allen vier Wänden und vom Boden ragen kurze Plastikschläuche wie Stacheln in den Innenraum. Die Betrachter schauen hinein, möchten ein Geheimnis entdecken. Sie erhalten von der Künstlerin die Information: "Die Konstruktion hat 50.670 Löcher, die mit Kunststoffzapfen gefüllt sind. Jeder einzelne Zapfen hat in der Gesamtstruktur seine Notwendigkeit."