Es ist der erste Adventssonntag in Bad Tölz. Es riecht nach Kardamom und Glühwein. Die gute Stube der Stadt leuchtet. Auf der Marktstraße drängen sich Bretterbuden, eine majestätische Tanne ragt über den Christkindlmarkt. Eine Straßenecke weiter, am Schlossplatz, lockt das Tölzer Marionettentheater. Durch die geöffnete Tür dringt aufgeregtes, erwartungsfrohes Stimmengewirr. Drinnen wuseln Kinder umher. Vor der Bühne steht Karl-Heinz Bille, 56 Jahre alt, schlank, er trägt ein dunkles Hemd und dunkle Hosen. Der Puppenspieler lächelt. Die Adventszeit ist hektisch, aber das ist gut fürs Geschäft. Als Bille auf die Bühne steigt und hinter dem roten Samtvorhang verschwindet, ist es sofort still.

An diesem Sonntag führt er die Klingende Weihnachtskugel auf. Die Stimmen der Marionetten kommen vom Band, doch Bille spricht jedes Wort mit. Seine Finger bewegen sich wie im Rausch, ein Teufelsgeiger, der mit Puppen spielt. Beim Applaus ist Billes Hemd schweißnass. Als er die Tür zum Zuschauerraum öffnet, strömen Kinder und Erwachsene ins Allerheiligste. Eine Puppe klaut einem kleinen Mädchen die Mütze. Lautes Lachen. Diese Nähe zum Publikum, sagt Bille, hätte es unter seinem Vater nicht gegeben. Die Tradition! Stellte Otto Bille seine Puppen aus, legte er ein Tuch über die Führung. Niemand sollte wissen, wie die Technik funktioniert.

Karl-Heinz Bille kommt aus einer Marionettenspielerdynastie. Trotzdem habe er vom Vater zu wenig gelernt, erzählt Bille. So richtig dankbar könne er dem vor eineinhalb Jahren Verstorbenen nicht sein. Ein Prinzipal sei der gewesen. Einer, der sich nicht auf die Finger schauen ließ, auch nicht von ihm, dem Sohn, obwohl der doch die Familientradition weiterführen sollte.

Karl-Heinz Bille hatte anfangs anderes vor, aber heute liebt er seinen Beruf. Wie sein Vater vor ihm. Wie die Großmutter. Wie so viele Urgroßmütter und Urgroßväter, dass es ihm unmöglich ist, all die Namen aufzuzählen. Seit neun Generationen halten die Billes die Fäden in der Hand. Er verschwindet im Fundus des Marionettentheaters, das er seit fast 14 Jahren mit seinem Kompagnon Albert Maly-Motta leitet. Das Plakat, das er auf den Bistrotisch im Vorraum des Theaters legt, lappt bis auf den Fußboden. Der Stammbaum der Billes. Er beginnt im Jahr 1794, als Johann und August Bille mit einem Wandertheater über die Dörfer zogen. Zwischen den Stücken erzählte der Kasper den neuesten Klatsch und Tratsch. "Johann und August waren nicht einmal die Ersten", erzählt Bille. Aber dokumentiert sei die Bille-Dynastie erst seit 1794. Seine Hände bewegen sich dabei, als würde er auch beim Reden mit den Puppen spielen.

Ein Beruf, der erfüllt

Für Karl-Heinz Bille war es Fluch und Segen zugleich, in die Fußstapfen der Eltern zu treten. Fluch, weil man sich immer mit ihnen vergleicht, gerade in einem künstlerischen Beruf. Segen, weil Bille durch Mutter und Vater einen Beruf kennenlernte, der ihn heute erfüllt.

Warum ergreifen Kinder den Beruf der Eltern? Warum gib es Familien, die Unternehmen oder eine Leidenschaft über Jahrzehnte manchmal Jahrhunderte an ihre Kinder und Kindeskinder weitergeben? Die Hamburger Psychologin Sandra Konrad hat darüber gleich ein ganzes Buch (Das bleibt in der Familie) geschrieben. Sie nennt mehrere Gründe. "Kinder wollen geliebt werden und passen sich oft den Wünschen der Eltern an", sagt sie. Und: "Eltern fördern Kinder gern in ihrem Sinne, oft auch unbewusst." Außerdem sei der Beruf der Eltern für Kinder wie eine offene Tür in einen vertrauten Raum. Sie machen das, was sie kennen.

Ob Bille in den Beruf des Puppenspielers hineingewachsen oder hineingedrängt worden ist, das kommt auf die Sichtweise an. Seine Großmutter tourte mit seinem Vater durch Sachsen und Thüringen, sie spielten für Kinder und Erwachsene. Irgendwann kam Karl-Heinz’ Mutter dazu. Es lief gut, die Billes hatten ja einen Namen. Doch das DDR-Regime machte Auflagen, versuchte die Puppenspieler für ihre Zwecke einzuspannen. 1960 floh Otto mit seiner Familie in den Westen, eine Nacht-und-Nebel-Aktion, Karl-Heinz war drei Jahre alt. Sie mussten alle Puppen zurücklassen. Einige sind heute im Puppenmuseum in Dresden.