"Lieder, mit denen Babys gerne aufwachsen", waren versprochen, das Publikum hatte sich zurechtgekuschelt, als Bob Dylan die Schockwelle lostrat. Am 25. Juli 1965 stöpselte er auf der Bühne des Newport Folk Festival seine Stratocaster ein und lieferte eine raue, wütende Darbietung des Bluessong Maggie’s Farm . Überlaut und miserabel abgemischt. Wenige Sekunden später entlud sich das Entsetzen der ahnungslosen Folk-Puristen in Buhrufen. Eine E-Gitarre: Was für ein Verrat!

Sie hörten Dylans Unabhängigkeitserklärung. Das Wunderkind der Protestbewegung demaskierte sich und zog bereits den nächsten Schleier aus der postmodernen Identitätenkiste. In Newport schloss Dylan die Tiefe und Sensibilität der Folkmusik mit der Urgewalt des Rock kurz und schrieb auf seiner Stratocaster Musikgeschichte.

Nun steht das Instrument mit dem klassischen Sunburst-Farbverlauf wieder im Rampenlicht, es ist Mittelpunkt der Auktion "Dylan goes electric", die Christie’s am 6. Dezember in New York durchführt. 300.000 bis 500.000 Dollar soll diese moderne Reliquie einspielen. Hier haben wir den Stoff, aus dem Sammlerträume sind, und es mangelt nicht an der Bereitschaft, für Rock-Memorabilien sehr viel Geld auszugeben.

Neben dem Instrument kommen fünf Fragmente von Liedtexten zum Aufruf, die sich in dem sogenannten Gigbag der Stratocaster befanden. Die Schätzpreise liegen zwischen 3000 und 30.000 Dollar. Diese Verse aus der Blonde on Blonde- Ära wurden, wie Jet Pilot, nie veröffentlicht oder tauchten in Songs wie Absolutely Sweet Marie auf. Was sie über ihre Attraktivität als Memorabilien hinaus so kostbar macht: Sie bieten einen fabelhaften Einblick in Dylans Methode, Schreibmaschine und Stift als kompositorische Werkzeuge zu benutzen. Er kritzelte und tippte surreale Wortspiele und kleine Geschichten auf das Papier und überarbeitete diese reichlich. Beflügelt von seiner Nähe zur Beat-Generation, der Bewunderung für Rimbaud und Verlaine, amalgamierte er Dichtung und Songwriting zu etwas Unerhörtem.

Gitarre, Koffer und Texte hielten seit knapp 50 Jahren einen Dornröschenschlaf. Einige Monate nach dem Newport-Auftritt hatte Dylan das Instrument in einem Privatflugzeug zurückgelassen. Vic Quinto, der inzwischen verstorbene Pilot, versicherte, damals bei Dylans Management nachgehakt zu haben, was mit dem Fund zu tun sei. Eine Antwort habe er nie erhalten, sagt seine Tochter Dawn Paterson. Erst im vergangenen Jahr ließ Paterson die Echtheit der Stratocaster wie auch der Texte in der Fernsehsendung History Detectives prüfen. Man identifizierte etwa die Maserung des Rosenholz-Griffbretts anhand bislang unveröffentlichter Farbfotos von Dylans Auftritt. Dylan bestritt zunächst die Authentizität der Gitarre. Im Juli 2013 kam es zu einer Einigung mit Dawn Paterson. Ob diese vorsieht, dass Dylan am Erlös beteiligt sein wird, ist nicht zu erfahren.

Seit Sotheby’s 1981 die erste Auktion für Rock-Memorabilien organisiert hat, steigen die Preise. Die Babyboomer-Generation kauft ihre teenage dreams, den Soundtrack ihrer Jugend zurück. Kostspieligste Objekte der Begierde sind Kostüme der Stars, handgeschriebene Liedtexte und vor allem: Gitarren. Ein besonders exquisites Aushängeschild leistete sich die amerikanische Musikalien-Handelskette Guitar Center: Sie zahlte den Rekordpreis von 959.500 Dollar für Eric Claptons "Blackie" – eine von dem Meister persönlich aus den Komponenten dreier Strats zusammengebastelte Gitarre, die ohne diese Astralprovenienz fast nichts wert wäre. Und Microsoft-Gründer Paul Allen krönte 1991 seine Memorabilien-Kollektion mit Jimi Hendrix’ 325.000 Dollar teuren Woodstock-Stratocaster.

Im Weltmeer der Stromgitarrenkunst gibt es viel Treibgut, jedoch nur wenige Ozeanriesen. Insofern beschränken sich die exorbitanten Ergebnisse bislang auf die Sechssaiter von Heroen wie Clapton, Hendrix und Kurt Cobain. "Interessanterweise spielten all diese Gitarrengötter auf einer Fender Stratocaster", sagt der Vintage-Spezialist Johannes Döbertin. Er ist Mitinhaber und Geschäftsführer des 1977 in Hamburg gegründeten No. 1 Guitar Centers und pflegt eine Kundenkartei mit Namen wie Keith Richards und Pete Townshend. Vor allem Exemplare, die Fender baute, bevor das Unternehmen 1965 an CBS verkauft wurde, lassen Sammlerherzen höher schlagen. Beliebt, aber nicht außergewöhnlich rar sind Three-Tone-Sunburst-Ausführungen wie Dylans Newport-Strat mit einer Lackierung, bei der die Farbe von Schwarz über Rot zu einem nahezu transparenten Honiggelb verläuft. Weiche Knie bekommen Fender-Enthusiasten, wenn ihnen Spezialfarben wie Sonic Blue, Surf Green oder Fiesta Red angeboten werden.