Als Twitter vergangenen Monat an die Börse ging, herrschte auf dem Parkett der New York Stock Exchange Partystimmung. Trauben von Händlern umringten Dick Costolo, den Chef des Microblogging-Service. Der Börsensender CNBC übertrug das Ereignis live. Weltweit sorgte das Debüt für Schlagzeilen. Das Börsendebüt übertraf die Erwartungen noch: Die Aktie stieg an ihrem ersten Handelstag um über 70 Prozent auf 44,90 Dollar. Doch die Anleger, die erst an diesem Tag die Aktie kaufen konnten, gingen leer aus, seither pendelt der Aktienkurs um 41 Dollar. Gewonnen haben nur Investoren, die die Aktien schon vor dem Börsengang kaufen konnten.

Eigentlich verspricht die Börse Anlegern die Möglichkeit, an der Erfolgsgeschichte eines Unternehmens teilhaben zu können. Vor allem bei jungen, innovativen Unternehmen wie eben Twitter können diese Geschichten aufregend sein. Aber nicht jedem bietet sich die Gelegenheit, Teil der Erzählung zu werden, das ist inzwischen nur noch sehr Wohlhabenden vorbehalten. Längst hat sich an den Finanzmärkten eine Zweiklassengesellschaft gebildet.

Über Venture-Capital-Fonds, Hedgefonds oder über den direkten Kauf von Anteilen können die Privilegierten bei vielversprechenden Ideen und Start-ups einsteigen, lange bevor alle anderen diese Möglichkeit haben. Der Börsenstart eines Unternehmens ist für sie kein Anfang, sondern Zahltag: Mit dem an der Börse eingesammelten Kapital realisieren sie ihre Gewinne. Nicht umsonst werden Kleinanleger an der Wall Street gerne als dumb money belächelt.

Vor allem der peinliche Börsengang von Facebook eröffnete einen Blick in diese geschlossene, exquisite Gesellschaft. Natürlich gehören ihr die frühen Investoren an, die für ihr hohes Risiko belohnt werden wollen. Peter Thiel etwa, der Mitgründer des elektronischen Bezahldienstes PayPal, stieg bereits 2004 als privater Investor bei Facebook-Gründer Mark Zuckerberg ein. Rund 500 000 Dollar steckte er in das Social-Media-Projekt. Nach dem Börsengang, acht Jahre später, hatte sich sein Einsatz verzweitausendfacht, aus einer halben Million wurde fast ein Milliarde Dollar. Auch Goldman Sachs gehörte zu den frühen Geldgebern. Milliarden sammelte Facebook so über die Jahre ein, ohne sich Börsenregeln, Quartalsberichten und Aktionärstreffen zu unterwerfen. Und als das Unternehmen auf Basis einer Bewertung von 100 Milliarden Dollar und die Aktie für 38 Dollar das Stück schließlich am 18. Mai 2012 an die Nasdaq kam, sackte der Kurs innerhalb weniger Wochen auf 18 Dollar ab. Da hatten die Insider bereits Kasse gemacht.

Zwar gab es, wie bei Börsengängen üblich, eine sogenannte Stillhaltephase, die Großinvestoren mussten bestimmte Fristen einhalten, bevor sie ihre Aktienpakete verkaufen durften. Doch als 90 Tage nach dem Börsengang die erste Frist abgelaufen war, durften die Frühinvestoren rund 270 Millionen Aktien verkaufen, und von dieser Gelegenheit machten viele reichlich Gebrauch.

Die Insider profitierten dabei von der Spekulation, die zwei Jahre vor dem eigentlichen Börsengang begonnen hatte. Auf Handelsplätzen wie Secondmarket und Sharespost, auf denen die Facebook-Aktie außerbörslich gehandelt worden waren, war der Wert ihrer Anteile wie in einem Treibhaus von 30 Milliarden Dollar im Jahr 2010 in nur zwei Jahren auf 60 Milliarden Dollar hochgeschossen. Die wilde Spekulation wiederum heizte den Kurs vor dem Börsengang erst an, der vorbörsliche Kurs beeinflusste schließlich die hohe Bewertung beim Börsengang. Für das dumb money blieb da nicht mehr viel Kursfantasie übrig.

Auch wenn die Facebook-Aktie inzwischen fast 50 Dollar wert ist, ändert sich nichts daran, dass Unternehmen einen Börsengang dank des schwunghaften Handels mit Anteilen außerhalb der öffentlichen Börsen länger hinausschieben können. Um ausreichend Wachstumskapital einzusammeln, brauchen sie die Börse jedenfalls nicht.

Der Trend zur exklusiven Bescherung ist einer der Gründe, warum die Mittelschicht kaum noch an Wachstum und Innovationsgewinnen beteiligt ist. "Anleger aus der Mittelschicht haben schlicht keinen Zugang mehr zu diesen Chancen", sagt John Berlau, ein Ökonom beim Competitive Enterprise Institute, einem Thinktank für freie Marktwirtschaft.

Das liegt allerdings auch an den Regulierern. Sie fürchten, dass Kleinanleger in riskante Anlagen gelockt werden könnten, und haben entsprechend scharfe Auflagen für Marketing und Vertrieb erlassen. Schon deshalb erfährt überhaupt nur ein kleiner Kreis von Investoren von interessanten Kaufgelegenheiten. Silicon-Valley-Größen schanzen sich die großen Deals gegenseitig zu. Es ist eben nicht nur das goldene Händchen, das Investoren wie Thiel oder Netscape-Gründer Marc Andreessen so erfolgreich bei ihren Investments macht. Und auch die Banken verdienen kräftig mit an den VIP-Deals – sie lassen sich den begehrten Zugang zu dem erlauchten Kreis von bevorzugten Kunden bezahlen.

Allerdings könnten ausgerechnet die Finanzkrise und ihre Auswirkungen helfen, die Macht des Clubs zu brechen – zumindest in den USA. Präsident Barack Obama schob 2012 den sogenannten Jobs Act an, ein Gesetz zur Schaffung neuer Arbeitsplätze. Der Jobs Act lockert eine ganze Reihe von Vorschriften für Börsengänge und die Finanzierung von Start-ups. So hebt das neue Gesetz auch viele der Beschränkungen auf, die den Verkauf von Unternehmensanteilen außerhalb der Börsen regeln. Bisher gab es dafür ein Werbeverbot. Künftig dürfen sich Unternehmen freier um potenzielle Investoren werben. Zwar dürfen sie sich nach wie vor nur an Anleger mit einem Nettovermögen von über einer Million Dollar und einem Einkommen von über 200.000 Dollar wenden, allerdings erweitert das den Kreis potenzieller Investoren immerhin auf neun Millionen US-Bürger, die nun direkt angesprochen werden können.

Dabei helfen nun ausgerechnet die einstigen Schattenmärkte der Superreichen. Nach dem Facebook-Börsendebakel hatten die vorbörslichen Marktplätze eigentlich an Bedeutung verloren, doch Obamas Jobs Act hat ihnen neues Leben eingehaucht.

Der Marktführer Secondmarket, auf dem einst fast ausschließlich Facebook-Aktien gehandelt wurden, vermittelt inzwischen Anteile nur noch mit Genehmigung und im Auftrag des betreffenden Unternehmens an interessierte Anleger. Rivale Sharespost ist eine Zusammenarbeit mit der Technologiebörse Nasdaq eingegangen: Der neue Nasdaq Private Markets soll ebenfalls Anteile nicht börsennotierter Unternehmen anbieten. Noch lässt sich nicht absehen, ob und welche Wirkung das neue Gesetz entfaltet. Eines aber dürfte klar sein: Die Kleinanleger werden wohl nicht davon profitieren.