Auf den ersten Blick geht es um ein paar öde Felsen im Ostchinesischen Meer. Diaoyu-Inseln nennen sie die Chinesen, Senkaku-Inseln die Japaner, seit Langem streiten beide sich darum. Muss das den Rest der Welt wirklich interessieren? Es muss. Dass China vor Kurzem eine Flugverteidigungszone im Ostchinesischen Meer einrichtete, sorgte ganz zu Recht für internationale Aufregung, weil dies eine weltpolitische Frage berührt: Kann Chinas Aufstieg friedlich verlaufen?

Hundert Jahre ist es her, dass schon einmal ein Land in kurzer Zeit zur Großmacht aufstieg. Es war hin- und hergerissen zwischen imperialem Denken und historischem Minderwertigkeitskomplex, es suchte einen "Platz an der Sonne" und stürzte darüber einen Kontinent in den Krieg, eher aus Versehen. Das Land war Deutschland.

Wir sind anders, wir wollen nichts als den Frieden, so lautete die Botschaft Chinas in der Vergangenheit. Und eine Zeit lang verhielt es sich genau so. Es waren die Jahre, in denen das kluge Prinzip der Außenpolitik Deng Xiaopings galt, taoguang yanghui, verbirg deine Macht, spiele auf Zeit. China wuchs und hofierte die Nachbarn, die blieben im Gegenzug relativ entspannt.

Damit ist es jetzt vorbei, China platzt aus dem Anzug. Durch die neue Flugsicherheitszone will Peking seine Ansprüche auf die umstrittenen Inseln zementieren. Auch andere Länder haben solche Zonen eingerichtet und verbitten sich, dass ausländische Flugzeuge unangemeldet dort eindringen. Doch Peking behält sich vor, auch zu militärischen Mitteln zu greifen. Die Erklärung geriet damit zur Provokation. Die Japaner und die mit ihnen verbündeten Amerikaner ließen Kampfflugzeuge durch die chinesische Sonderflugzone fliegen, um Pekings Entschlossenheit zu testen. Peking griff nicht ein. Noch nicht.

Kann das Land seine immer größere Macht noch zähmen?

Heikel ist der Konflikt nicht nur deshalb, weil sich hier die beiden pazifischen Großmächte China und USA gegenüberstehen. China streitet sich auch mit südostasiatischen Nachbarn um Inseln im Südchinesischen Meer. Es ist damit nicht ausgeschlossen, dass die Chinesen auf einen größeren maritimen Einflussbereich hinarbeiten. Will Peking jetzt einen militärischen Konflikt riskieren? Ein Krieg könnte gefährden, was der Führung doch am wichtigsten ist: die Stabilität im Inneren und damit die eigene Herrschaft. Auch könnten sich die Machthaber nicht sicher sein, dass sie einen Waffengang gewönnen. Noch immer ist das japanische Militär sehr viel besser ausgebildet, es könnte zudem mit der Unterstützung der Amerikaner rechnen.

Keiner will die militärische Auseinandersetzung, und doch könnte sie bevorstehen. Weil sowohl Peking als auch Tokio mit ihren Drohgebärden das eigene nationalistische Publikum bedienen wollen. Sie nehmen dabei keinerlei Rücksicht auf den jeweiligen Nachbarn. Und sind offensichtlich auch von der Einsicht befreit, dass Drohungen meist zu Gegendrohungen führen.

Mit Premier Shinzo Abe haben auch die japanischen Rechten an Einfluss gewonnen. Ihr Zündeln empört nicht nur Chinesen und Koreaner, die sich noch gut an die japanischen Kriegsverbrechen der dreißiger und vierziger Jahre erinnern können. Es macht auch den verbündeten Amerikanern Probleme, die keineswegs in einen Konflikt hineingezogen werden wollen.

Washington ließ zwar B-52-Bomber durch die chinesische Verbotszone fliegen, forderte aber gleichzeitig die amerikanischen Fluggesellschaften dazu auf, die chinesische Luftverteidigungszone zu respektieren. Das signalisiert den japanischen Rechten: Ihr habt keinen Freifahrtschein für nationalistische Eskapaden.

Doch auch Peking hat sich in den vergangenen Jahrzehnten ein nationalistisches Publikum herangezüchtet – und zahlt jetzt den Preis dafür. Seit sich die Kommunistische Partei des Sozialismus entledigte, peinigt sie ein Legitimationsproblem, das der Nationalismus lösen soll. Deshalb predigt sie dem Volk unentwegt, wie schwach China einst gewesen sei. Von Westmächten besetzt und betrogen, von Japanern unterworfen und beschämt. Und nur die Partei könne es zu neuer alter Größe führen. Das Land schwankt zwischen widersprüchlichen Selbstbildern. Mal fühlt es sich schwach und durch jede Kleinigkeit erniedrigt. Dann will es sich an neuer Größe berauschen.

Die Nationalisten, die sich die Partei heranzog, wollen jetzt bedient werden. Sie wollen hartes Durchgreifen sehen. Das aber kann eine Regierung nur leisten, wenn sie alle außenpolitische Vorsicht über Bord wirft. Sowohl Peking als auch Tokio sind dabei, sich in eine Situation zu manövrieren, in der jeder Kompromiss als Schwäche und Gesichtsverlust interpretiert werden kann. Das macht Kleinigkeiten übergroß und besonnene Verhandlungen schwierig.

Es ist so unheimlich, wie es klingt: China, eine Weltmacht, deren Einfluss noch in den letzten Winkel der Erde reicht, hat keinen außenpolitischen Apparat, der seiner Größe auch nur im Geringsten entsprechen könnte. Das Außenministerium ist schwach, im inneren Zirkel der Macht fehlt es an Weltläufigkeit, Diplomaten berichten, die Führung sei selbst ganz überrascht darüber, welche Reaktion ihre Ankündigung hervorgerufen habe. Wie leicht kann da eine außenpolitisch so große Idee wie die eines friedlichen Aufstiegs scheitern?

Will China imperial werden, und hat es die Fähigkeiten dazu? Das ist die falsche Frage. Das wahre Problem für die Region lautet: Kann ein immer stärker werdendes Land wie China seine eigene Macht zähmen? Deutschland konnte das vor hundert Jahren nicht. Und es war bedeutend kleiner.

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