Mit dem Verhältnis der russischen Seele zur Petersburger Seele ist es folgendermaßen: Die russische ist in jeder Petersburger zu finden, umgekehrt ist es naturgemäß nicht der Fall. Man könnte aus dem Verhältnis eine Gleichung machen: Die Petersburger Seele ist gleich die russische Seele plus das Petersburger Etwas. Das Petersburger Etwas ist Stolz, der Stolz darauf, aus Petersburg zu stammen, in Petersburg zu leben, der Stadt, die von Sagen und Geschichten durchzogen ist wie von Wasser, plus – und als gebürtige Petersburgerin fällt es mir schwer, dies niederzuschreiben – Hauptstadtarroganz, obwohl Petersburg schon lange nicht mehr Hauptstadt ist. Die Petersburger sehen ihre Stadt als ein einziges Trotzdem: als Stadt, die aus dem Sumpf gestampft und gegen alle Widrigkeiten groß wurde; die für sie immer Petersburg blieb, obwohl sie ihren Namen wechselte wie ein Fähnchen im politischen Wind; und die den Unterschied zwischen Schein und Sein nicht kennt.

Auch die Christi-Auferstehungs-Kathedrale ist so ein Trotzdem. Als einziger nicht am westlichen Klassizismus orientierter Bau steht sie in provokativem Kontrast zum Stadtbild und ist doch ein sehr petersburgischer Ort. Man denkt, wenn man ihre bunten, goldglänzenden Kuppeln sieht, an russische Märchen: an Zarewitsche, die ihre Prinzessinnen erretten, an Iwans, die tüchtig Aufgaben erfüllen.

Als Kind fand ich sie schön, so wie Kinder bunte Dinge schön finden. Ihr Name aber machte mir Angst: Erlöser-auf-dem-Blut. So sagen wir Petersburger das: Wir gehen heute zum Erlöser-auf-dem-Blut, den Begriff Kathedrale lassen wir weg. Die Kirche wurde angeblich über dem Blutfleck von Alexander II. erbaut, der auf dem Weg zum Winterpalast war, als hier die Bombe eines Attentäters explodierte. In der Kathedrale befindet sich ein mosaikverzierter Schrein mit den Pflastersteinen, auf denen Alexander II. starb.

Ambivalenz ist dieser Kathedrale immanent: Was man sieht, ist nicht das, was intendiert war, und dass sie noch steht, ist eigentlich ein Wunder. Schon beim Bau 1883 war sie mehr als Denkmal denn als Kirche konzipiert – seitdem diente sie als Konzerthalle, Museum, im Krieg als Leichenhalle und später als Aufbewahrungsstätte für Theaterkulissen. Das Regime fürchtete ihre zaristische Pracht, wagte aber nicht, sie abzureißen. 27 Jahre lang steckte sie unter einem Baugerüst. Kurz vor dem Augustputsch 1991 wurde es abmontiert. Nun erstrahlt Erlöser-auf-dem-Blut in vollem Glanz, spielt sich mit Stolz und einem Selbstbewusstsein in den Vordergrund, wie man dies von Petersburgern kennt. Dass sie an die Basilius-Kathedrale in Moskau erinnert, darüber sieht man als Petersburger geflissentlich hinweg.