Wenn Sie in St. Petersburg sind und sich nicht allein für Paläste und Museen interessieren, sollten Sie einmal bei Dima Grigorjew vorbeischauen. Doch denken Sie nicht, "Bei Grigorjew" sei irgend so ein Café. Ganz und gar nicht. Es handelt sich um einen Heizungskeller, den letzten richtigen Heizungskeller der Stadt. Dima Grigorjew versieht dort Tag für Tag seinen Dienst.

Also: Vom Newski Prospekt abbiegen und an der Kasaner Kathedrale vorbei bis zu der kleinen Hängebrücke mit den vier Greifen am Gribojedow-Kanal. Ihre goldenen Flügel leuchten sogar bei trübem Wetter. Meinetwegen können Sie hier ein Foto machen, dann geht es rechterhand in einen unauffälligen Hof. Dort finden Sie eine schwere Eisentür, die in Grigorjews Reich hinabführt. Herzhaft klopfen! Die Tür öffnet sich, und der Hausherr (Bart, Brille, lange Haare) warnt vor den steilen Stufen. Bloß nicht kehrtmachen!

Unten erwarten Sie Rohre in allen Farben und Größen, Ventile, Hähne, Werkzeug, zahlreiche Hinweisschilder und Anzeigetafeln – und wenn Sie den Anblick solcher Dinge nicht gewohnt sind, wird Sie das erst mal irritieren. Ja, wir sind unter der Erde, bei den Feueröfen, Wasserkesseln. Durch die Rohre strömt Dampf an die Oberfläche. Grigorjew kann lange davon erzählen, wie er hier unten über die Elemente gebietet: Man muss nur an diesem Hahn hier drehen und diesen Schieber herausziehen. Der Heizer ist ein Dichter.

Die St. Petersburger Literatur hat den Heizungskellern vermutlich mehr zu verdanken als dem kalten Klima. In früheren Zeiten haben dort fast ausschließlich Schriftsteller, Dichter und Philosophen gearbeitet. Sie wussten um den Wert von viel freier Zeit – und wie man sich der Macht entziehen konnte. Inzwischen wurden die Heizer durch Automaten ersetzt, und Grigorjew ist der Meinung, dass sich dadurch die Dichtung verändert hat. Denn wer den Himmel hören wolle, müsse im Kellerloch sitzen.

Es kann sein, dass Grigorjews Keller irgendwann zur Sehenswürdigkeit erklärt wird, bislang beschränkt sich der Ruhm auf die engen Kreise der St. Petersburger und Moskauer Autoren. Literarische Seminare, Buchvorstellungen und Festivals finden bei Grigorjew oft ihren inoffiziellen Ausklang. Zwanzig diskutierende Schriftsteller sind in diesem Kellerloch eher die Regel als die Ausnahme – einzige Bitte des Hausherrn: Nichts anfassen!

Angenommen, Sie haben Grigorjew ohne Gäste angetroffen, scheuen Sie sich nicht, Fragen zu stellen! Und bedenken Sie, dass er jede Frage mit einer Vorlesung beantwortet. Ganz gleich, ob von der Mystik die Rede ist oder von St. Petersburg, vom Ende oder von der Geschichte, irgendwann führt jedes Gespräch zu Grigorjews Lieblingsthema: dem Reisen. Er kann endlos von seinen Reisen in den Himalaya, in die Mongolei, ins Altai-Gebirge erzählen. Und falls es Ihnen nicht gelingt, ihn beizeiten zu stoppen, kann es passieren, dass Sie Bekanntschaft mit einer weiteren St. Petersburger Besonderheit machen.

Wenn nicht gerade Winter ist und die Newa unterm Eis verschwindet, werden in den frühen Morgenstunden die Brücken hochgezogen, um die großen Schiffe durchzulassen. Dann haben Sie bis Tagesanbruch keine Chance mehr, ans andere Ufer zu gelangen. Ihnen bleibt nichts anderes übrig, als sich auf einer Bank im Heizungskeller schlafen zu legen. Dort werden Sie beim Getöse der Heizkessel die bizarrsten Träume ereilen, und wenn Sie dann wieder erwachen, kommen Ihnen die unwahrscheinlichsten Dinge ganz normal vor. Ihr Leben hat eine neue Dimension erhalten. Denn Sie haben den Himmel gehört.

Sie glauben mir nicht? Sollten Sie aber. Ich spreche aus Erfahrung.

Übersetzung von Stefanie Flamm