Lidia Leontjewa hätte sich entscheiden müssen: entweder die Praline essen oder mich begrüßen. Weil sie sich aber schwertut mit Entscheidungen, macht sie einfach beides – und entschuldigt sich gestenreich für ihre Naschsucht. Kaum habe ich meinen Koffer abgestellt, zupft sie mich schon am Ärmel, zieht mich hinter sich her in die Hotel-Lounge, wo sie übergangslos Tee, Kaffee und noch einen Teller schokoladige Kostbarkeiten aus der hoteleigenen Pâtisserie bestellt. Dann purzeln die Worte aus ihr heraus.

Lidia Leontjewa ist im Hotel Astoria dafür zuständig, den Gästen alle Wünsche zu erfüllen. Wenn sie nicht gerade in der Lounge Schokolade serviert, thront sie mit blonder Fönfrisur hinter einem Holztisch in der Lobby, die Eingangstür immer im Blick. Sie hat Ozzy Osbourne, Juri Gagarin, Prinz Haakon von Norwegen kommen und gehen sehen. Madonna hat keinen guten Eindruck hinterlassen. Die zischte ihr aus dem Fahrstuhl "Russia – corruption" entgegen. Den US-Präsidenten George W. Bush wollte sie zum Abschied umarmen, so nett fand sie ihn. Lidia Leontjewa hatte den Eindruck, der Präsident wollte das auch. Leider warfen sich die Männer vom Geheimdienst dazwischen.

Ein Vierteljahrhundert arbeitet sie in dem Hotel, das 1912 eröffnet wurde. Im Jahr 1997 übernahm die Rocco-Forte-Gruppe das Astoria, seitdem wurde es mehrere Male renoviert. Der Staub der Sowjetjahre ist weggeblasen, zum Vorschein kam der Schick der Zarenzeit.

Kronleuchter tauchen die Lounge in warmes Licht. In der Mitte des Raumes glänzen schrankhohe silberne Samoware, aus denen die Gäste ihr Teewasser zapfen. Es läuft die nachmittägliche Teezeremonie. Als Maja Plissezkaja, die große alte Dame des russischen Balletts, auftaucht, springt Lidia Leontjewa aus ihrem dunkelgrünen Polstersessel und umfängt sie mit beiden Armen – "Mein Majaleinchen!". Das Majaleinchen hat am Tag zuvor seinen 88. Geburtstag gefeiert. Die Grande Dame lächelt ihrer Freundin zu, dann geht sie weiter, an einer Krücke, aber mit bemerkenswert geradem Rücken. Kurz darauf verabschiedet sich Lidia Leontjewa. Sie muss sich um neue Gäste kümmern.

Ich lasse die opulente Lobby hinter mir, vorbei an antiken Vasen und Statuen, gehe durch weiße Flügeltüren mit viel Glas und verspielten Mustern – der Architekt des Astoria war ein Anhänger des Jugendstils. Ein Fahrstuhl bringt mich hinauf in den fünften Stock. Dort empfängt mich meine Suite mit unaufdringlicher Eleganz. Der Boden besteht aus hellen Dielen, vor den Fenstern hängen weiß-blaue Leinenvorhänge, an den Wänden drei luftig leichte Skizzen von Ballettszenen.

Ein Zettel auf meinem Bett macht mir klar, warum das Astoria für seinen Zimmerservice gerühmt wird. Es ist das "Kissen-Menü". Ich soll zwischen fünf verschiedenen Kissenfüllungen wählen – unter anderem Buchweizenhülsen, Kiefernholzflocken und Polyesterfasern. Ich bleibe sicherheitshalber bei meinem Federkissen. Dann läutet es an der Tür. Lidia Leontjewa schickt einen Gruß aus der Küche. Noch mehr Pralinen und ein wenig Alibi-Obst. Ich lasse mich auf die Couch sinken und starre aus dem Fenster auf die Isaakskathedrale. Regen platscht gegen die Scheiben. Es fühlt sich an, als hätte ich meinen Alltag an der Rezeption abgegeben. Aus dem Musikprogramm wähle ich Billy Joel und Miles Davis. Mir ist jetzt nach dieser Art gut abgehangener Musik.

Das Astoria macht nostalgisch und auch ein bisschen melancholisch. Das Hotel verkörpert ein gutes Stück St. Petersburger Geschichte, auch ihre düsteren Kapitel. Als es eröffnet wurde, feierte man das 300. Thronjubiläum der Zarenfamilie Romanow. Gäste aus aller Welt stiegen hier ab. Später brachte die Kommunistische Partei ihre Funktionäre hier unter, während der deutschen Belagerung diente es als Krankenhaus. Adolf Hitler persönlich nahm das Haus ins Visier. Er plante im Astoria seine Siegesfeier. Die entsprechenden Einladungskarten fand man nach Kriegsende in der Berliner Staatskanzlei. Sie wurden nie verschickt, weil Leningrad trotz Hungerwinter nicht fiel.

Diese Episode erzählt mir Hoteldirektor Gerold Held am nächsten Morgen. In der Lounge ist es wunderbar ruhig. Von den anderen Gästen dringt nur Gemurmel an unsere Ohren. Es sind Geschäftsleute, Paare auf Wochenendausflug, ein US-Gouverneur durchquert mit Entourage den Raum. Der Direktor ist naturgemäß der Meinung, das Astoria sei das beste Hotel der Stadt. Kein anderes Haus verbinde historische Opulenz und modernen Service auf so hohem Niveau. Und dann sei da natürlich noch Lidia Leontjewa, die fällt dem Direktor auch gleich ein. Eigentlich sei sie schon in Rente. "Aber sie kann nicht ohne das Hotel. Und das Hotel kann nicht ohne sie." 2006 beschrieb die russische Bestsellerautorin Tatjana Ustinowa in einem Roman einen Charakter, der Lidia Leontjewa sehr ähnlich war. Das Buch heißt Hotel der letzten Hoffnung .

Der Abschied von Gerold Held gerät schnell und herzlich, mit Lidia Leontjewa ist das nicht so einfach. Lange drückt sie meine Hand, Küsschen links, Küsschen rechts, "Mach’s gut, meine Süße". Ihr Atem riecht nach Schokolade.