Giselle ist ins Grab zurückgekehrt, der Graf, in dessen Schwert sie sich aus Angst vor unerwiderter Liebe gestürzt hatte, gerettet. Die Geister haben von ihm abgelassen. Nun stehen sie da, die Geister, Giselle, der Graf und seine Mutter, knicksen und verneigen sich, und im Saal gibt es kein Halten. Das Mariinski-Theater tobt. " Urraa! " Handküsse werden geworfen, Blumensträuße fliegen auf die Bühne. Eine Dame zupft mich am Ärmel. "Es ist wegen der Lopatkina." Die Primaballerina sei eine der besten der Welt. Das mag sein. Mich haben die letzten zwei Stunden in magische Kindertage zurückversetzt. Damals entführten Theaterbesuche noch in eine Fabelwelt, aus der ich meist ziemlich verwirrt wieder herauskam, weil sie sogar nichts mit dem richtigen Leben zu tun hatte. Doch in St. Petersburg hält der Zauber an.

Auf dem Parkplatz vor dem mintgrün angestrahlten Mariinski drehen Mädchen Pirouetten. Ein paar Schritte weiter verdoppeln sich im Gribojedow-Kanal die Säulen und Karyatiden einer kilometerlangen Palastfront. Im Norden hängt die goldene Kuppel der Isaakskathedrale wie ein Feuerball über der Stadt, die erst vor gut 300 Jahren auf Geheiß Peters des Großen ins Mündungsdelta der Newa gerammt wurde, um Russland ein Fenster nach Westen zu öffnen. Fast genauso lange gehört es zur lokalen Folklore, dem schönen Schein zu misstrauen. Selbst Puschkin fürchtete 1833 in seiner berühmten Ode auf Peter den Großen, dessen Schöpfung werde irgendwann wieder von der Ostsee verschlungen. Ach.

Als ich kurz vor Mitternacht den Newski Prospekt erreiche, die bonbonbunte Pracht- und Hauptstraße, ist er so voll, dass man an eine zweite Rushhour denken könnte, Autos brettern durch die Nacht, Passanten schnüren über die Gehsteige. Am nächsten Morgen hat sich das Tempo noch einmal verdoppelt, Petersburg rennt. Doch keiner drängelt, keiner hupt. Alles geht so geschmeidig vonstatten, dass ich wieder ans Mariinski denken muss.

Vielleicht kommt man dem irisierenden Wesen dieser Stadt ja näher, wenn man sie als kollektives Tanztheater begreift, dessen Repertoire weit über Giselle und die anderen Klassiker der Ballets Russes hinausgeht. Dass die letzten 100 Jahre, ihre Revolutionen und Kriege im Stadtbild fast unsichtbar sind, heißt ja nicht, dass Petersburg keine Gegenwart hat. Dass die Solotänzer des Mariinski wie Popstars verehrt werden, muss nicht bedeuten, dass andere Ausdrucksformen keine Plattform haben. Man muss sie nur finden.

Weil das für Auswärtige aber nicht so leicht ist, wartet Wadim Kasparow mit hochgeschlagenem Mantelkragen in einer Seitenstraße hinter der Kasaner Kathedrale. Er ist so etwas wie der Impresario der unabhängigen St. Petersburger Szene. Seine Schule Kannon Dance ist angetreten, um nach dem Ende der Sowjetunion die Verhältnisse zum Tanzen zu bringen, auf der Bühne und überhaupt.

Die Studios liegen seit ein paar Jahren im Hinterhaus einer großen russischen Bank. Kasparow lotst mich durch lange Gänge mit Callcenter, Lagern für Damenkleidung, Hallen voller Schuhkartons, und als ich mir schon sicher bin, dass nichts mehr kommt, stehen wir vor einer Reihe lichtheller Tanzsäle mit Klinkerwänden und großen Spiegeln. In dem ersten Saal wird gerade geprobt.

Zu den düsteren Klängen einer schottischen Ambient-Rockband werfen sich vier Tänzer aufs Parkett, verknoten Arme und Beine ineinander, erheben sich wieder, um erneut zu fallen. Obladanie, Besitz, heißt das Stück, das bald im Black Box Theater aufgeführt wird. Es scheint auch um Verlust zu gehen.

"Das Mariinski erzählt Märchen, wir wollen von uns erzählen", sagt Kasparow auf dem Sofa vor seinem Büro. Als er und seine Frau vor 20 Jahren begannen, Tänzer und Choreografen um sich zu scharen, denen das klassische Vokabular zu verstaubt erschien, bekamen sie Gegenwind. Um vom Leben zu erzählen, gab es schließlich die Literatur. Tanz war Ballett und das St. Petersburger Ballett Weltklasse. Basta.

Inzwischen ist die Wand hinter Kasparows Rücken tapeziert mit den Auszeichnungen und Preisen, die Kannon Dance in den vergangenen Jahren erhalten hat, darunter mehrmals die "Goldene Maske", der wichtigste russische Theaterpreis. Hat Kasparow also geschafft, was er sich vorgenommen hatte? Er gibt eine sibyllinische Antwort. "Die St. Petersburger lieben ihre Märchen immer noch sehr." Er wirkt darüber nicht unzufrieden, eher so, als habe er akzeptiert, dass der Gegenwart in einer Stadt, die dermaßen mit Geschichte gepflastert ist, eben nur die Hinterbühne bleibt.