DIE ZEIT: Frau Albers, der St. Petersburger Winter muss eine gute Zeit für Nachtgestalten sein, es wird ja nur kurz hell.

Anna-Christin Albers: Der Winter hier ist für alle hart, auch für Nachtmenschen. Zurzeit merkt man das noch nicht so, da haben wir noch genug Sonne getankt. Ab Februar werden die Leute schwermütig, dann verkaufen wir noch mehr Wodka als sonst.

ZEIT: Tatsächlich? Es heißt, junge Russen würden weniger trinken.

Albers: Wer erzählt denn so was? Es mag eine kleine Gruppe junger Menschen geben, die genauso nüchtern sind wie ihr Präsident. Im Nachtleben begegnet man denen nicht. Da lassen auch die jungen Russen es gerne krachen.

ZEIT: Sie haben lange in Hamburg gelebt, bevor Sie vor zehn Jahren nach St. Petersburg zogen, wo Sie heute verschiedene Clubs betreiben. Was sind nach Sonnenuntergang die augenfälligsten Unterschiede zwischen den Städten?

Albers: In Hamburg sind die Leute zurückhaltender. Sie gehen aus und warten, ob was passiert und sind beleidigt, wenn nichts passiert. Diese Konsumentenhaltung ist den Russen fremd. Die sind fest entschlossen, sich zu amüsieren.

ZEIT: Klingt anstrengend.

Albers: Das ist anstrengend, aber auch toll. Ich will jetzt nicht die üblichen Klischees bemühen, aber diese Haltung, heute zu feiern, als gäbe es kein morgen, hat mich immer fasziniert. Das Problem war allerdings lange, dass es dazwischen nichts gab: Entweder du bist zu Hause geblieben oder hast auf Teufel komm raus Party gemacht. Mit Datscha, meinem ersten Club, wollte ich einen alltäglicheren Ort schaffen: eine zentral gelegene DJ-Bar, mit Flohmarktmöbeln und Kicker, wo man sich mit Freunden trifft und einen guten Abend hat, der auch mal bis zum nächsten Morgen gehen kann, aber nicht muss. Hat aber nicht gleich geklappt.

ZEIT: Wieso? Die Datscha war jahrelang Kult.

Albers: Eben. Bei uns ist man nicht einfach vorbeigekommen, das war ein Event. Sie können sich überhaupt nicht vorstellen, wie die sich am Anfang aufgebrezelt haben, für eine Kiezkneipe! Inzwischen sind die Leute etwas lockerer geworden. Um uns herum hat eine ganze Reihe persönlich geführter Läden aufgemacht, in denen man den Abend langsam angehen lassen kann.

ZEIT: Also, wo fangen wir an?

Albers: Mein Liebling ist gerade das Produkty, eine Bar an der Fontanka. Sehr liebevoll eingerichtet mit Fototapete, Vintagemöbeln, Jukebox. Da treffe ich mich nach Feierabend gerne mit Freunden, auf ein, zwei Drinks. Wenn wir noch Lust haben, ziehen wir weiter. In Petersburg findet man auch unter der Woche immer irgendwo Livemusik.

ZEIT: Sie kennen die Vorurteile vermutlich: Bei russischer Musik denken die meisten Deutschen an "Russendisko", also viel Humtata und Trallala.

Albers: Oh Gott, ja, ich erinnere mich. In St. Petersburg kenne ich niemanden, der so was hört.