Neulich, in der Halbzeitpause eines Fußballspiels, hat sich Paul Schomann doch noch dieses Video über seinen früheren Schützling Burak Karan angeschaut. Das Video, das ihn in Syrien zeigt. Das mit der Kalaschnikow. Das Märtyrer-Video.

Schomann hat Karan früher in der DFB-Jugendnationalmannschaft trainiert, gemeinsam reisten sie nach Japan und England. Karans bester Kumpel war damals Kevin-Prince Boateng. "Burak war ein ruhiger, disziplinierter und zuverlässiger Spieler, der unbedingt Fußballprofi werden wollte", erinnert sich Schomann.

Boateng ist heute ein Star, Karans Jugendtraum ist dagegen geplatzt, sein letztes Spiel machte er 2008 für Alemannia Aachen II. Dann begann sein zweites Leben, das ihn in die Islamistenszene von Wuppertal und Solingen führte und schließlich in den Tod: Vor Kurzem starb er im Norden Syriens bei einem Feuergefecht. Er war 26 Jahre alt.

Karan ist zum Gesicht eines beunruhigenden Phänomens geworden. "Über 220 mutmaßliche Islamisten aus Deutschland sind bereits Richtung Syrien ausgereist", sagt Hans-Georg Maaßen, Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz. Etwa zwei Drittel haben Schätzungen zufolge einen deutschen Pass, manche sind arabisch- oder türkischstämmig, andere Konvertiten. Auch Frauen, Jugendliche und Kinder sind darunter.

Wie viele von ihnen aktiv im syrischen Bürgerkrieg mitkämpfen, ist unklar. Zehn Fälle sind belegt, es dürften weit mehr sein. Außer Karan sind bislang fünf Tote bekannt.

Nicht nur deutsche Islamisten zieht es nach Syrien, es ist ein globaler Trend. Aaron Zelin vom Washington Institute for Near East Policy geht von über 600 europäischen Kämpfern aus – und von mehr als 5.500 Ausländern insgesamt. Ende dieser Woche wollen sich die Justiz- und Innenminister der EU in Brüssel mit dem Thema beschäftigen.

Es drängt. Vor wenigen Tagen hat sich der erste deutsche Kämpfer zum Al-Kaida-Ableger "Islamischer Staat in Irak und Syrien" (ISIS) bekannt, der auch für Selbstmordanschläge verantwortlich ist. Am Wochenende zeigte er sich in einem Propagandavideo, ein Sturmgewehr auf der Schulter: "Mein Name ist Abu Osama, ich komme aus Deutschland", erklärt er. "Ich habe mich der Karawane des Dschihad angeschlossen." Der Kampf sei eine Pflicht, niemand könne die Gotteskrieger besiegen, und Syrien sei "Segen pur".

Bei Abu Osama handelt es sich nach Informationen der ZEIT um den 26-jährigen Philip B. aus Dinslaken, der dort als Teil der salafistischen Szene bekannt war. Vor einem halben Jahr soll er seine Wohnung aufgegeben und sich nach Syrien aufgemacht haben, nun ermittelt die Staatsanwaltschaft Düsseldorf gegen ihn wegen Unterstützung einer Terrorgruppe. "Wir wollen Gerechtigkeit", tönt er in dem Al-Kaida-Video, "und deswegen bekämpfen wir die Anführer des Unglaubens."