Ihren eigenen Zustellern zahlt DHL, wenn sie drei Jahre lang dabei sind, ein Gehalt von rund 2.000 Euro brutto im Monat, unabhängig davon, wie viele Pakete sie zustellen. Fest angestellte DHL-Zusteller arbeiten 38,5 Stunden in der Woche, Schichtdienste und Überstunden werden extra bezahlt.

Es passiert höchst selten, dass ein Fahrer eines DHL-Subunternehmens über seine Arbeit redet, und wenn es doch vorkommt, hat die Post ein hohes Interesse daran, herauszufinden, wer gegen die internen Regeln verstößt. Deswegen heißen Stefan Maier und die Menschen, denen er auf seiner Tour begegnet, in Wirklichkeit anders. Weitere Details sind geringfügig verändert, gerade so weit, dass die Identität des Zustellers geheim bleibt. Sein Arbeitsvertrag mit dem Subunternehmer und seine Gehaltsabrechnungen liegen der ZEIT vor.

11.30 Uhr, 880 Stufen, 188 geladene Pakete

Maiers Auto, ein alter Mercedes Sprinter, bei dem die Tür hinten nicht richtig schließt, ist vollgestopft mit Paketen. Sie stapeln sich in den Regalen und im Mittelgang. Die Pakete mit Matratzen und Lattenrosten wiegen 20 Kilo, Kühlschränke 25 Kilo, Lautsprecherboxen 22. Die Pakete mit Hantelscheiben, Katzenstreu, Hundefutter und Waschpulver sind 31,5 Kilo schwer.

31,5 Kilo: So viel dürfen Pakete wiegen, damit DHL sie verschickt. "Das ist die Hälfte meines Gewichts", sagt Maier. Drei bis fünf Tonnen schleppen Paketzusteller wie Stefan Maier am Tag. "Das hat mit Post nix mehr zu tun", sagt Maier. Nach und nach hat die Post das Geschäft der Spedition übernommen – zur Freude der Händler, die für schwere Kisten bei DHL nicht mehr bezahlen müssen als für leichte. Und zum Ärger von Maier.

Sätze, die er hört, wenn er fragt, ob man ihm auf der Treppe ein Stück entgegenkommen und tragen helfen könne.

"Ne, ich hab’s am Knie", sagt die Frau, die den Stepper bestellt hat.

"Ne, is nich mein Job", sagt der Mann, der drei Weinpakete aus der Pfalz bekommt.

"Sie haben gefälligst mir entgegenzukommen", sagt der Mann, für den der Flachbildschirm ist.

Die Einzige, die ihm an diesem Tag entgegengeht, ist eine junge Spanierin, die gerade erst eingezogen ist und einen Schrank bestellt hat.

12:30 Uhr, 1.300 Stufen, 170 geladene Pakete

Die Deutsche Post hat das Land in rund 40.000 Bezirke eingeteilt, in denen sie Pakete ausliefert. Davon darf sie 990 an Subunternehmer vergeben, so hat sie es mit der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di vereinbart. "Nach unseren Beobachtungen werden diejenigen Bezirke fremdvergeben, die eine hohe Belieferungsdichte haben: wo man schnell und flexibel auf das hohe Paketaufkommen reagieren muss", sagt Jan Jurczyk, der als ver.di-Sprecher die Paketdienste seit vielen Jahren beobachtet. Es sind Viertel, in denen viele Menschen wohnen, in denen die Zusteller mit schweren Paketen voller Wein, Windeln und Katzenstreu viele Treppen laufen müssen. Stefan Maier nennt seinen Bezirk, den fremdvergebenen, "ein räudiges Viertel". Er sagt: "Die Post hat sich die Sahnestücke rausgesucht."

Wie viele Menschen zu ähnlichen Bedingungen wie Stefan Maier arbeiten, kann selbst Jan Jurczyk nicht genau sagen, und bei DHL spielt man die Sache mit den Subunternehmern herunter. Auch auf Nachfrage nennt das Unternehmen keine konkrete Zahl. Nur so viel: 60.000 Zusteller seien insgesamt für DHL unterwegs.

Fest steht, dass es viele Stefan Maiers gibt. Ver.di schätzt, dass allein für die Paketdienste UPS, Hermes, DPD, Trans-o-flex und DHL Express Germany mindestens 33.000 Zusteller bei Subunternehmen arbeiten. Ein Großteil der Subunternehmen werde aber nicht erfasst, betont Jurczyk.

Maier spricht über seinen Chef dankbar und loyal. "Wer hätte mich denn genommen mit meinem Lebenslauf?" Klar, sagt er, er wisse jetzt auch, welchen Preis er für seinen Job bezahle. In seinem Leben war bereits einiges schiefgelaufen, bevor er als Paketbote anfing. Als 2008 die Pleite von Lehman Brothers die Finanzwelt erschütterte, hatte auch Maier sich gründlich mit Aktien verspekuliert. "Zuerst waren es die sicheren Sachen, auf die ich gesetzt habe, Banken zum Beispiel. Als die Kurse purzelten, purzelten, dachte ich, kaufste weiter, weiter, wusste ja keiner, was passiert, niemand hatte das so erlebt." Seine Anstellung bei einer Versicherung kündigte er, weil er es mit seinem Gewissen nicht mehr habe vereinbaren können, "den Leuten etwas anzudrehen, von dem ich weiß, dass es nicht gut ist für sie". Seitdem beißt er sich durch, bisher hat er sich noch immer selbst geholfen.