Zugleich ist er wütend auf die Verhältnisse, und seine Verhältnisse bestimmt DHL. "Ich hab so einen Hals auf diese Post", sagt er. Maier sagt, er und seine Kollegen müssten jedes Jahr erneut ein polizeiliches Führungszeugnis vorlegen, für DHL, die wiederum alle paar Monate Belehrungsschreiben schicke, die man unterschreiben und über die man schweigen müsse. "Da steht dann drin, dass man nicht in kaputte Pakete reinschauen darf und so." Außerdem überwache die Post die Fahrer der Subunternehmer regelmäßig und unangemeldet, sie habe sogar die Möglichkeit, Mitarbeitern des Subunternehmens Hausverbot zu erteilen und sie damit faktisch zu entlassen. DHL weicht einer Antwort aus und verweist auf den Subunternehmer. Er sei verantwortlich "für die Zuverlässigkeit seiner Erfüllungsgehilfen (…). Er wird nur solche Erfüllungsgehilfen einsetzen, für die er ein aktuelles polizeiliches Führungszeugnis vorliegen hat."

14:00 Uhr, 2.200 Stufen, 128 geladene Pakete

Maier hat immer Hunger, obwohl er ständig isst. Jedes Mal, wenn er in den Wagen steigt, um ein paar Meter vorzufahren, beißt er von einem Mozzarellabrötchen, einem Schokoriegel ab, trinkt mezzo mix, nie ist es genug Ersatz für die Energie, die er verbraucht.

14:30 Uhr, 2.500 Stufen, 116 geladene Pakete

In den meisten Berufen in Deutschland steigen die Anforderungen. Selbst Hilfsarbeiter müssen nun technisch versiert sein. Aber in manchen Bereichen der Dienstleistung, wie der Logistik und dem Onlinehandel, vereinfachen und standardisieren Arbeitgeber die Tätigkeiten für ihre Mitarbeiter, wie:

Paket greifen, aussteigen, laufen, klingeln, warten, Treppen steigen.

Arbeitspsychologen sprechen von einem Neo-Taylorismus und meinen Aufgaben, die bis ins Kleinste zerlegt und kontrolliert werden. Sie führen die psychischen Probleme und die Demotivation vieler, die Pakete zustellen, Briefe sortieren, Klamotten einpacken, darauf zurück, dass diese Tätigkeiten so stark zerstückelt und überwacht werden. Die Chefs in diesen Branchen sind nicht die Coaches ihrer Mitarbeiter, wie es heute in Betrieben häufig gelebt wird, sondern ihre Regenten. Für die Gestrauchelten der Gesellschaft ist Paketzusteller nun, während des Paketbooms, der typische Job geworden, ganz so, wie es zu Beginn des Jahrtausends die Jobs im Callcenter waren.

Vor einem halben Jahr hat Maier gesagt: "Ich kann’s nicht mehr. Der Rücken, der Stress." Der Chef gab ihm frei, und zum ersten Mal seit drei Jahren hat Maier Urlaub gemacht, zwei Wochen im Juli, polnische Ostsee, gemeinsam mit der Mutter.

15:30 Uhr, 3.060 Stufen, 98 geladene Pakete

Hundescheiße riecht Maier, bevor er sie sieht. Von den Bordsteinkanten, wo sie meistens liegt, hält er weiten Abstand. Als er doch reintritt, versucht er gar nicht erst, den Schuh durch eine Pfütze zu ziehen, sondern sucht sich einen Stock und kratzt sie sich von den Sohlen, er weiß: dann geht sie am besten weg.

Klingeln.

Für die Häuser hat er keinen Schlüssel, aber wenn niemand aufmacht, kommt er meistens mit seinem "Schnapper" rein, wie er sagt, einem gebogenen Plastikstück, geschnitten aus einer alten 1-Liter-Cola-Flasche: Wichtig sei, dass man die Ecken rund feile, sonst bleibe man hängen. Er schiebt den Schnapper in die Haustür und drückt ihn dort runter, wo es eng wird. "Das sind so kleine Tricks, um schneller voranzukommen. Das ist offiziell illegal, mich hat auch schon mal einer angemacht: ›Das ist Hausfriedensbruch! Ich ruf die Polizei!‹"

Paket greifen, aussteigen, laufen, klingeln, warten, Treppen steigen.

Die Freude im Gesicht von Maier, als er bei Frau Schulze läutet, die Erwartung in der Stimme: "Frau Schulze, ich hab hier mal wieder ’n Paket für Sie." Im vierten Stock wartet schon Frau Schulze, im gelben Jogginganzug, mit dem Euro in der Hand. "Da hab ich immer schon mein Trinkgeld sicher", sagt Maier. Auch zwei ältere Herren, die mit einem Papagei zusammenleben, geben Trinkgeld, eine ältere Dame ebenso. Der Paketbote nimmt an diesem Tag acht Euro Trinkgeld ein, "ganz gut", findet er.

Früher waren Boten auch die Chronisten der Städte und Dörfer, sie überbrachten mit den Briefen auch Geschichten. Seit dem radikalen Wandel im späten Mittelalter, um 1530, seit nicht mehr nur Fürsten, Kaiser und Kirchenleute, sondern alle Menschen Post empfangen durften, ist das der Beruf des Postboten. Auch Stefan Maier kann von den Städten und ihren Bewohnern erzählen. Er weiß, dass die Frau in Nummer 27, Erdgeschoss links, Leuten die Haare schneidet, schwarz. Er weiß, dass der Mann in Nummer 45, erstes Obergeschoss rechts, aus seiner Wohnung heraus einen Elektronikhandel betreibt, der ganze Flur steht voller Pakete. Die Frau in 102, zweites Obergeschoss, Hinterhaus, kifft zu viel. Der Typ in 87, viertes Obergeschoss, hat schon wieder eine neue Freundin. Maier sieht schwangere Frauen, die beim nächsten Paket schon das Baby im Arm halten, sieht Paare sich finden und wieder trennen, sieht seit Neuestem viele junge Spanier und Portugiesen in Wohngemeinschaften ziehen. Maier muss jetzt viel Englisch sprechen auf der Tour.