16:30 Uhr, 3.860 Stufen, 75 geladene Pakete

Kaum fassen kann Stefan Maier, dass man Pakete kostenlos zurücksenden darf. Im Schnitt gehen 30 Prozent retour, bei Textilien sind es sogar 45 Prozent. Beim Klamottenversand Zalando wird die Hälfte der Pakete wieder zurückgeschickt. Maier verdient sogar ein paar Cent mehr, wenn er ein Paket entgegennimmt. Trotzdem sagt er: "Wir fahren das Zeug hin und zurück. Das ist doch Irrsinn, auch für die Umwelt! Das muss sich dringend ändern."

Es sei aber nicht abzusehen, dass Kunden künftig zahlen würden, wenn sie ein Paket zurückschickten, heißt es im Bundesverband des Deutschen Versandhandels: Die kostenlose Rücksendung sei "elementares Servicemerkmal" des Internethandels.

17:00 Uhr, 3.980 Stufen, 68 geladene Pakete

Jeden Morgen checkt Maier die Temperatur an dem Thermometer, das an der Außenwand seiner Küche hängt. Heute waren es zwei Grad, das bedeutet: Unterhemd, T-Shirt, Sweatshirt, Fleece-Pulli. Darüber die gelbe DHL-Weste, keine Jacke, auch nicht, wenn es regnet, "sonst krieg ich Hitzestau". Nur eine Kappe, sagt er, wünsche er sich manchmal, gegen den Regen und den Schnee.

Toilettengang in der Goldenen Schildkröte, einer abgerissenen Spelunke. Es gibt höchstens zwei Toilettenpausen am Tag, "mit Druck auf der Blase arbeite ich schneller". Zusätzlich treibt ihn ein Scanner der DHL an, der jedes Paket mitzählt. Es gebe eine interne Quote, sagt Maier, 20 Pakete müsse man pro Stunde ausliefern. Seit einigen Wochen zeigt ihm der Scanner auch die Pakete an, die mit höchster Priorität zugestellt werden müssen, auf jeden Fall am selben Tag. Sonst kann Maier am Abend keine Abrechnung machen. Solche "Prio-Pakete" bekommen die sogenannten Prime-Kunden von Amazon.

Amazon dominiert den deutschen Versandhandel, das Unternehmen verbucht ein Viertel aller Umsätze für sich und steigerte seinen Umsatz von 2010 bis 2012 in Deutschland um 60 Prozent auf 6,4 Milliarden Euro. Bestellen kann man hier längst viel mehr als Bücher: Bettgestelle, Matratzen, Kühlschränke. Jeff Bezos, Gründer von Amazon, hat, als er begann, eine Vision formuliert: "Wir wollen das Geschäft sein, in dem man alles findet, was man nur kaufen möchte." Die Vision ist Wirklichkeit geworden.

17.30 Uhr, 4.100 Stufen, 61 geladene Pakete

"Amazon-Kunden wohnen im dritten Stock oder höher, weil sie ja was Besseres sind", sagt Maier. In Maiers Bezirk gibt es ein Nebeneinander von Arm und Reich. Maier läuft durch Treppenhäuser, in denen die Wände vollgeschmiert sind und es nach Erbrochenem stinkt. Ein Mann öffnet ihm die Tür in vollgepisster Hose, er trägt nur einen Schuh am nackten Fuß und ist zugedröhnt.

"Wer sich beschwert", sagt Maier, "wohnt garantiert im Dachgeschoss, da leben nämlich die, die Kohle haben, die ganzen wichtigen Leute, die alle was zu sagen haben." Für die "Etepetete-Kunden", wie Maier sie nennt, liegen vor allem Pakete von Amazon und Zalando bereit, "Zalando bestellen vor allem Frauen". Er greift ein Paket aus dem Regal, "das ist für eine Zalando-Kundin, die hab ich in drei Jahren nur einmal angetroffen, ’ne Workaholic-Tussi vom Allerfeinsten". Maier scannt das Paket, klickt an: Nachbar (Kiosk). Eigentlich muss immer der unterschreiben, der das Paket entgegennimmt. Aber Maier unterschreibt selbst für die Pakete, die er später im Kiosk abladen wird. "Technisch gesehen, ist das Unterschriftenfälschung, klar." Das Paket lässt er im Wagen liegen.

Der Kiosk gibt Maier ein bisschen Macht. Minutenlang steht der gelbe DHL-Wagen von Stefan Maier am Abend vor dem Kiosk. Wer vorbeikommt, denkt, der Paketbote mache eine Pause. Wer reingeht, wird Zeuge eines Geschäfts. 43 Pakete stellt Maier dem Kioskbetreiber hin und gibt ihm 18 Euro, damit der die Pakete in sein kleines Geschäft stopft, bis die Anwohner sie abholen. Mindestens 40 Cent zahlt Maier dem Kioskbesitzer für jedes Paket, das er dort abliefert – von seinem eigenen Gehalt. "Das ist fast ein Plus-minus-null-Geschäft für mich", sagt Maier, aber darauf kommt es nicht an. "Ich schicke die Leute zum Kiosk, die dumm sind, die faul sind", sagt Maier. Er meint Kunden, die zu viele und zu schwere Pakete bestellen und ihm nicht entgegengehen.

Er stellt sich Dialoge vor:

"Warum wart ich denn so lange auf mein Paket?"

"Weil du blödes Miststück auch mal in ein Geschäft gehen sollst!"

Wie ein Echo begleitet die Möglichkeit die Wirklichkeit, in der Maier freundlich ist und nicht er die Kunden, sondern die Kunden ihn duzen. "Ich bin mein eigener Chef, wenn ich meine Tour im Griff habe", sagt Maier. Das Geschäft mit dem Kiosk habe er erst aufbauen können, seit er eine Stammtour habe. Und die habe er sich erarbeiten müssen: Wenn er morgens zu spät komme oder sich Kunden über ihn beschwerten, laufe er jederzeit Gefahr, wieder als Springer auf fremden Touren eingesetzt zu werden. Der Kioskbesitzer hat mittlerweile selbst Gehilfen angestellt, die Benachrichtigungskarten schreiben, Schuljungen, die nach Anbruch der Dunkelheit durch die Straßen rennen und Karten in Briefkästen stecken.

Wer tagelang seine Pakete nicht beim Nachbarn abhole, müsse bei der nächsten Lieferung sogar zur Filiale gehen, sagt Maier. "Daran verdiene ich zwar nichts, aber ich habe Genugtuung." Maier riskiert jedes Mal eine Reklamation, wenn er nicht klingelt, obwohl der Kunde da ist. "Aber das ist mir egal. Ich will den Kunden disziplinieren. Du Arsch, denke ich dann, du läufst zum Postamt. Oder du Ärschin. Aber meistens sind es ja Männer, die Ärsche."

18.00 Uhr, 4.100 Stufen, 18 geladene Pakete

Am Abend lädt Maier 18 Pakete in der Halle aus, an der er auch am Morgen seinen Wagen beladen hat. Er solle nicht mit zu vielen Paketen zurückkommen, er dürfe, sagt Maier, eine interne Quote nicht überschreiten. Wenn er ein Paket nicht ausliefert, kann es sein, dass Maier ein paar Euro Strafe zahlen muss.

Seit er für DHL Pakete ausfährt, hat Maier nie mehr etwas im Internet bestellt. "Das ist wie bei McDonald’s, wer da arbeitet, kann das Zeug nicht mehr sehen." Das letzte Paket hat er 2009 bekommen, es war eine Tasse.