Ein Jahrhundert lang quälten sich die Europäer mit der "deutschen Frage" herum. Heute redet man über die "französische Frage". Ist Frankreich, nur ein Jahrzehnt nachdem Deutschland so bezeichnet wurde, zum "kranken Mann Europas" geworden? Kann Präsident François Hollandes sozialistische Regierung den tiefen Niedergang beenden, in den Frankreich geraten ist? Kann ein sozialdemokratisches System, das sich über Jahrzehnte als Inbegriff des westeuropäischen Nachkriegskonsenses verstand, die neue Lage überleben, die Globalisierung, alternde Bevölkerung sowie die wirtschaftlichen Rückschläge der vergangenen Jahre hervorgebracht haben?

Im Umfeld von Präsident François Hollande betont man, er sei sich im Klaren, was zu tun sei, und wäge sorgfältig die politischen Optionen. Unter Frankreichs Freunden jedoch, vor allem in Deutschland, macht sich die Sorge breit, Hollande besitze nicht den politischen Mumm, die notwendigen Entscheidungen zu treffen.

Weil Hollandes Beliebtheit immer tiefer sinkt, schwindet auch seine Fähigkeit, entschieden zu agieren. Dabei ist mutiges Handeln genau das, was die Franzosen derzeit erklärtermaßen wünschen.

Ein Land zu verändern ist immer und überall schwierig, doch Frankreich ist ein besonders komplizierter Fall. Das liegt zum einen am französischen Ehrgefühl und Selbstverständnis. Das Land begreift sich als führende Nation in Europa sowie als weltpolitisch bedeutende Macht. Zum anderen ist das Leben in Frankreich für viele Menschen weiterhin ungemein bequem – der Tag der Abrechnung scheint immer noch fern genug. Frankreichs kleine, aber mächtige Gewerkschaften kündigen an, jede ernsthafte Reform zu verhindern, und der rechtsextremistisch-antieuropäische Front National ist auf dem Vormarsch.

Unterdessen hat sich der Konjunkturzyklus weitergedreht. Die Euro-Zone entsteigt einstweilen der Rezession. Damit gerät Frankreich in Versuchung, sich angesichts des mäßig einsetzenden Wirtschaftswachstums zu beruhigen und wieder einmal die grundlegenden Probleme auszublenden. Nötige Entscheidungen könnten auf diese Weise weiter hinausgezögert werden.

Die Franzosen sind zu Recht stolz auf ihr Sozialmodell, wie es die Sozialistische Partei und deren Vorfahren maßgeblich mitgeschaffen haben. Das Gesundheitswesen funktioniert, die Ferien sind lang und die staatlichen Renten auskömmlich. Viele Franzosen treten mit 60 Jahren in den Ruhestand. Beschäftigte mit Vollzeitjobs arbeiten 35 Stunden pro Woche und genießen weitgehenden Schutz vor Entlassung.

Die Frage ist aber längst nicht mehr, ob der französische Sozialstaat gut ist oder nicht. Es geht darum, ob die Franzosen überhaupt noch in der Lage sind, genug Wohlstand zu schaffen, um das bestehende System weiterhin zu finanzieren. Die Antwort ist nein – jedenfalls sofern es nicht zu strukturellen Veränderungen bei den Renten, Steuern und Sozialleistungen kommt – sowie bei den Erwartungen der Franzosen.

Die französische Linke hat die berühmte Einsicht aus Guiseppe Tomasi di Lampedusas Roman Der Leopard nicht begriffen: "Wenn alles bleiben soll, wie es ist, muss sich alles ändern." Im Gespräch mit französischen Politikern und Arbeitnehmern beschleicht einen heute das Gefühl, dass diese sich alle als "Kommunarden", "Revolutionäre" und "Kämpfer der Linken" begreifen. Gleichzeitig aber wollen sie, ganz wie die extremen Rechten, am Komfort des Gewohnten festhalten.