Drüben in Droixhe ist Kongo Weltmeister. Drüben in Droixhe leben 95 Prozent der Menschen ohne Arbeit. Drüben in Droixhe sind Belgiens neue Helden groß geworden. Droixhe liege auf der anderen Seite des Flusses, sagt Kismet Eris. Man muss, um dorthin zu gelangen, über die Brücke, über die Maas. Hinüber auf jene Seite Lüttichs, an der das Etikett "Problemviertel" klebt. Kismet Eris lenkt seinen Wagen, einen weißen Mercedes, SUV, vier große Räder für schweres Gelände, hinein in den Stadtteil, in dem er erwachsen wurde. In den Stadtteil, in dem er auch heute noch mehr Zeit verbringt, als man es von jemandem erwarten würde, der sechs Sprachen spricht, den belgischen Nationaltrainer persönlich kennt. Und der mit einem Anruf einen Millionendeal festzurren oder platzen lassen kann.

Kismet Eris ist Spielerberater. Kismet Eris ist Sozialarbeiter. Ein Widerspruch, der aus den Straßen von Lüttich-Droixhe erwachsen ist, die sich nun hinter der Windschutzscheibe öffnen. "Dort oben hat meine Familie gewohnt", sagt Eris, 42 Jahre alt, und zeigt auf einen der Wohntürme, die schon von der anderen Seite des Flusses zu sehen sind.

Droixhe, das war in den sechziger Jahren ein Modellviertel. Das Wohnen der Zukunft. In den Neubauten, angelehnt an die Architektur Le Corbusiers, lebten Selbständige, Beamte, Diplomaten. In den Jahren zwischen 1980 und 1995 blätterte der Putz, gingen die Diplomaten. "1984", erinnert sich Eris, "waren wir die ersten Ausländer hier." Es kamen Kurden, Assyrer, Armenier. Flüchtlinge aus der Türkei. "Sie haben alle Menschen mit wenig Bildung, niedrigem Einkommen und schlechten Sprachkenntnissen in ein Viertel gebracht", sagt Eris, es regnet, draußen schliert das Grau der Fassaden, "das war ein Fehler. Es ist schwer, da rauszukommen, wenn man sich gegenseitig runterzieht." Das Droixhe, von dem Kismet Eris erzählt, ist eine Deponie der Gescheiterten, auf der aber, wie Belgien jetzt lernt, zwischen all den Wegwerfbiografien auch Erfolgsgeschichten gewachsen sind.

Eris fährt den Wagen auf den Bürgersteig. Gegenüber ein bisschen Park. "Hier", sagt er, "fing alles an." Hier nahm er sich jener Jungs an, deren Gesichter und Jubelposen in Belgien derzeit das öffentliche Bild prägen wie sonst nur die Portraits der Königsfamilie.

Erstmals seit zwölf Jahren hat sich Belgiens Fußballnationalmannschaft wieder für eine Weltmeisterschaft qualifiziert. Und wenn jetzt, am 6. Dezember, die Vorrundengruppen ausgelost werden, liegt das Los mit der Aufschrift "Belgium" im ersten Topf, bei den Favoriten. Belgien steht auf Rang elf der Weltrangliste, vor England, vor Frankreich. Überall im Land hängen nun die Poster, tragen die Menschen diese T-Shirts: Brazil 2014. Als Belgiens Elf jüngst im König-Baudouin-Stadion von Brüssel, 112 Kilometer von Droixhe entfernt, zwei bedeutungslose Freundschaftsspiele bestritt, waren die innerhalb von wenigen Stunden ausverkauft. Im Stadion dann sangen 45 000 in Schwarz-Gelb-Rot die Hymne. Flamen und Wallonen. Gemeinsam. Auf Französisch. Das gab es lange nicht mehr in diesem zerrissenen Land. Vielleicht noch nie.

Eine Mannschaft eint die Nation, zumindest für 90 Minuten. Das sagt ihr Trainer, Marc Wilmots. Eine Mannschaft, die integriere, statt zu trennen, die es besser mache als die Gesellschaft. Das sagt Kismet Eris. Eine Mannschaft, deren prägende Spieler Kinder der Einwanderer sind, Enkel der Großeltern aus den belgischen Kolonien, deren Lebenswege zu weit waren, um Verständnis zu haben für den Kleinkrieg zwischen Flamen und Wallonen. Vincent Kompany, Belgiens Kapitän und Abwehrchef bei Manchester City: der Vater Kongolese. Marouane Fellaini, Spielmacher auch bei Manchester United: die Eltern Marokkaner. Moussa Dembélé, Mittelfeld, Tottenham Hotspur: Sohn einer Familie aus Mali.

Sie stammen aus den Einwanderervierteln Brüssels, Genks, Antwerpens – aus Gegenden, in denen der Ausländeranteil an den Schulen bei über 90 Prozent liegt, die Satellitenschüsseln sich nach Osten wenden und die Gebete in Richtung Mekka. Sie stammen aus Gegenden wie Droixhe.