Immer wieder passiert es, dass beim Freistoß die Mauer, also der Sperrriegel der abwehrenden Mannschaft, zu nahe an den Freistoßschützen heranrückt. Während der Schütze sich den Ball zurechtlegt, kriecht die Mauer auf ihn zu – diese Annäherung ist fürs bloße Auge nicht zu erkennen, aber so unaufhaltsam wie die Verschiebung des amerikanischen Kontinents gen Westen. Der Abstand zwischen dem "ruhenden Ball" und der Freistoßmauer soll 9,15 Meter betragen, man weiß aber, dass dieser Abstand sich in den Sekunden vor dem Schuss verringert, auf sechs, fünf, vier Meter. Gegen dieses Wunder, das jeden Shakespeare-Liebhaber an den wandelnden Wald aus Macbeth erinnert, hat sich die Fifa etwas ausgedacht, das anderswo bereits ausprobiert wurde und nun bei der Klub-WM in Marokko zum Einsatz kommen wird: das Freistoßspray.

Der Schiedsrichter sprayt dort, wo die Freistoßmauer zum Stehen kommen soll, einen Farbbalken aufs Gras. Kein Spieler darf diesen Balken übertreten. Der Spezialist für ruhende Bälle läuft an, er schießt – und nach einer Minute wird das Spray unsichtbar. Genau hier aber beginnt die Inkonsequenz der Fifa: Das Spray dürfte nicht verblassen, alle Freistoßbalken müssten zu erkennen sein bis zum Ende des Spiels. Man stelle sich vor, wie der Rasen dann aussähe beim Abpfiff. Die Geschichte des Spiels wäre ihm eingeschrieben. Er trüge ein Gewimmel von einander durchzackenden Linien, das an ein Schnittmuster aus der Zeitschrift Burda Moden erinnern würde.

Das Freistoßspray macht eine seltsame Entwicklung kenntlich: Je mehr das Fußballfeld parzelliert und kontrolliert wird, desto mehr wird es auch zu einem Ort der Freiheit, kurzum: der Kunst. Der Schiedsrichter ist die künftige Schlüsselfigur dieses Schaffensprozesses. Er sollte verschiedene Farben bei sich tragen, um seine Ausdrucksfähigkeit zu steigern, ja, am besten wäre, er besäße eine ganze Palette: helle Aquarellfarben für indirekte Freistöße, schwere Lacke für schlimme Blutgrätschen. Im Grunde könnte sich der Spielleiter das Verteilen Gelber und Roter Karten sparen. Er würde stattdessen den Übeltäter ansprayen mit der Farbe seiner Schande.

Der Schiedsrichter wäre kein dumpfer Rechthaber mehr, sondern der geheime Künstler des Spiels. Nach dem Schlusspfiff müssten Fachkräfte die vom Kampf gezeichnete Rasenfläche behutsam abschälen und ins noch zu gründende, vielstöckige Museum für historische Fußballschlachten in Herzogenaurach bringen – aber nicht bevor der Schiedsrichter das Spielfeld signiert hätte: "Manuel Gräfe. Ohne Titel. Spray auf Gras, Signal Iduna Park, 24. 11. 2013."