DIE ZEIT: Die deutsche Mannschaft konnte ihren WM-Titel verteidigen. Haben Sie als Präsident des Teams auch als Einzelkämpfer etwas gewonnen?

Boris Nikolai Konrad: Ja, ich bin Weltmeister im Namen- und Gesichtermerken geworden. Und Fünfter in der Gesamtwertung.

ZEIT: Welche Eselsbrücken haben Ihnen dabei geholfen?

Konrad: Da bei der Weltmeisterschaft die Namen bunt gemischt sind, gab es einige schwierige Kandidaten darunter. Zum Beispiel das Foto eines älteren Herrn, der mit Vornamen Niharan hieß. Da habe ich mir vorgestellt, dass er von verschiedenen Händen bedrängt wird, die er aber nie an sich heran lässt. So konnte ich mir Niharan merken. Der Nachname war Ren. Ich stellte mir vor: Händler wollen ihm Weihnachtsdeko in Form von Rentieren andrehen.

ZEIT: Ist das der übliche Weg, um sich solche Namen zu merken?

Konrad: Ja. Bei klangähnlichen Namen reicht es, das Bild zu wählen, dessen Beschreibung ähnlich wie der Name klingt: Herrn Röhrig lassen Sie am besten vor Ihrem geistigen Auge in die Röhre schauen. Manche Namen brauchen eine ganze Bildergeschichte.

ZEIT: Von Computern wissen wir, dass Bilder viel Speicherplatz brauchen. Ist nicht auch unsere Festplatte schneller voll, wenn wir wenige Buchstaben mit üppigen Bildern memorieren?

Konrad: Unser Hirn funktioniert anders. Für Bilder und speziell Gesichter ist ein riesiger Bereich vorhanden – der visuelle Kortex. Mit Begriffen jedoch können sich nur kleine Bereiche des Gehirns beschäftigen. Entsprechend schwierig ist es, sich Namen einzig über den Klang oder die Buchstabenfolge zu merken.

ZEIT: Können Sie Ihre Kunst auch Menschen beibringen, die schnell vergessen? Etwa mir?

Konrad: Natürlich. Eine Ausnahme bilden nur Menschen, die an fortschreitender Demenz erkrankt sind. Allen Gesunden – auch denen, die sich für besonders vergesslich halten – hilft Training, helfen Memotechniken.

ZEIT: Haben Sie die Mannschaft trainiert?

Konrad: Ja, einige. Aber viele trainieren natürlich schon länger, als es mein Buch gibt. Immerhin bin ich am längsten dabei und konnte durchaus einige gute Tipps geben.

ZEIT: Sie arbeiten als Neurowissenschaftler am Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München. Dort erforschen sie außergewöhnliche Gedächtnisleistungen. Hilft Ihnen das berufliche Wissen über Neuronen und Synapsen im Training oder im Wettkampf weiter?

Konrad: Wenig. Die ein oder andere Sache habe ich in Studien entdeckt und sie in meine Strategie mit einfließen lassen. Zum Beispiel, wie schnell ich Inhalte wiederholen muss, damit ich sie am besten speichere. Aber durch reines Üben und Ausprobieren hat man dazu schon weitaus mehr herausgefunden.

ZEIT: Kann man, wie im Laufsport, auch im Denksport übertrainieren?

Konrad: Oh ja. Wir benutzen häufig sogenannte Routenmethoden und legen im Gedächtnis Bilder an Wegen ab. Sind es zu viele Bilder, kann das schon stören.

ZEIT: Was bereitete den Deutschen am meisten Probleme?

Konrad: Es gab nur ein Problem: ein Schwede namens Jonas von Essen, der die Gesamtwertung gewann. Der hatte sehr viel und gut trainiert. Immerhin hatten wir als Mannschaft die Nase vorn – vor Schweden und der Mongolei.