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Sie sind ein junger Reporter? Oder eine vielversprechende Nachwuchsreporterin? Sie wollen groß herauskommen? Mit einer überraschenden, schockierenden und gleichzeitig ans Herz gehenden Story? Fragt mich. Ihr könnt ruhig immer mich fragen.

In einem Interview zum Thema Doping stand, dass man bei Amazon, im Internet, Urin kaufen kann. Mithilfe dieses Urins würden viele Leistungssportler ihre Dopingtests bestehen. Das habe ich erst mal für unmöglich gehalten. Ich meine – seit Jahren wird über Doping berichtet und diskutiert. Es kann doch nicht sein, dass man als dopender Sportler einfach nur bei Amazon eine Bestellung aufgeben muss. Da ist es kein Wunder, wenn alle dopen.

Ich habe nachgeschaut. Die Firma Clean Urin bietet für zwölf Euro 25 Milliliter garantiert sauberen, drogen- und dopingfreien Urin an. Ich dachte, das ist ja ein prima Geschäftsmodell für gesund lebende Mitbürger, Geringverdiener oder Rentner. Der Rentner oder die Rentnerin müssen nicht mal das Haus verlassen. Sie müssen lediglich ein paar Tage auf Eierlikör oder Cognac verzichten, einige Rentner können das. Das Zeug wird aber leider synthetisch hergestellt, ich vermute mal, in Indien oder China. Es sei aber chemisch nicht vom natürlichen Stoff zu unterscheiden und bestehe garantiert alle gängigen Tests. Zitat aus der Gebrauchsanweisung: "Vor Gebrauch empfiehlt es sich, das Produkt in der Unterhose zu erwärmen." Sonst kommt bei dem Test womöglich heraus, dass der Sportler deswegen keine unerlaubten Substanzen zu sich nimmt, weil er schon seit Wochen tot ist.

Die Konkurrenz von Clean Urin heißt CleanU. Die liefern das Produkt, wie es wörtlich heißt, "mit spezial Unterhose Versteck". Das spezial Unterhose Versteck besteht aus einer kleinen Tasche innen, die, wenn gerade kein Test ansteht, auch zum Transport von Wertsachen geeignet ist. Alles zusammen kostet 21,49 Euro, das finde ich günstig. Die Unterhose, schwarz, sieht ganz flott aus. In den Kundenrezensionen geben die meisten Kunden fünf von fünf möglichen Sternen. Außer künftigen Goldmedaillengewinnern gehören auch weniger sportaffine Drogenverbraucher zum Kundenkreis. Der User Maik schreibt: "Ohne diese Unterhose würde ich nie wieder Auto fahren. Macht sofort lockerer." Das Produkt stand, als ich nachschaute, in der Kategorie "Drogerie und Körperpflege" auf dem Bestsellerrang 1781.

Fahren Sie nach China. Suchen Sie dort nach einer Urinfabrik. Wie wird produziert? Sind die Arbeitsbedingungen fair? Das würde mich wundern. Gibt es Kinderarbeit? Ich wette, ja. Dann verfolgen Sie den Weg eines Urinbeutels nach Europa, in das Zentrallager von Amazon. Die werden Sie nicht reinlassen, aber irgendwie müssen Sie ein Foto von der Abteilung "Urinensia" bei Amazon kriegen. Der Beutel kommt bei einem Sportler an. Sie begleiten genau diesen Sportler oder die Sportlerin nach Sotschi, zu den Olympischen Winterspielen. Der Sportler gewinnt eine Medaille, hinterher, beim Dopingtest, kommt die große Stunde von dem spezial Unterhose Versteck. Sie haben dafür gesorgt, dass eines der Kinder aus der Urinfabrik ebenfalls zu den Olympischen Spielen fliegen durfte. Sie bringen das Kind und den Sportler zusammen, das Kind bittet um ein Autogramm, der Sportler lächelt, Foto, alles prima. Jetzt zieht das Kind eine schwarze Unterhose aus der Tasche, überreicht sie und sagt stolz: "Damit du auch 2018 in Südkorea so toll bist! Wir in der Fabrik Himmlischer Frieden drücken die Daumen!" Wenn Sie damit nicht groß herauskommen, verstehe ich die Welt nicht mehr.

Harald Martenstein ist Redakteur des Tagesspiegels.

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