Als ich ihn das erste Mal erlebte, in der Redaktionskonferenz, erschrak ich zu Tode. Der Löwe ist los! Eben noch schien er friedlich, plötzlich knurrt er, brüllt er. Die Welt stürzt ein, weil irgendein Thema verschlafen wurde, weil etwas im Spiegel stand, was der stern verpasst hatte. Warum haben wir das nicht? Man spürte, wie es ihn empörte, wie er litt. Alles ging in Deckung. Seine Explosion war ein imponierendes Naturschauspiel, grandios wie der Anblick des Feuer speienden Ätna.

Ich kam 1971 zum stern. Bis dahin war ich freischaffender Karikaturist. Nun war ich Redakteur im Ressort Humor und Satire, ein geschützter Raum im Redaktionshaus an der Alster, denn Ressortchef Erhard Kortmann war der Einzige, den Henri Nannen in Ruhe ließ. Mit Ironie konnte er nichts anfangen. Loriots Cartoons lehnte er ab. Aber er wusste: Die Leser sahen das anders. Und so gewährte er Kortmann zwölf Seiten in jedem Heft, und Loriot durfte im sternchen Reinhold das Nashorn zeichnen.

Über den Rest des Heftes regierte Nannen absolutistisch. L’étoile c’est moi. Nannen allein entschied, ob unsere Geschichten als Bildstrecke, als große Reportage erscheinen durften oder hinten im Heft auf Einzelseiten, im Nachrichtenteil Diese Woche . Oder am Ende gar nicht.

Meist wurde zweimal so viel produziert, wie im Heft Platz hatte, das führte zu blutigem Zank in den Konferenzen. Die Schlacht tobte nicht selten bis in die frühen Morgenstunden. Dann hatte Nannen schon stundenlang Texte verworfen, Bilder ausgewechselt und Seiten neu gemischt. Der Machtmensch ließ seinen Launen freien Lauf, behandelte Ressortleiter wie schusselige Etagenkellner, stauchte Reporter wie Hospitanten zusammen, wischte Papierstapel vom Tisch, warf mit Gegenständen, kannte aber auch subtile Formen der Hinrichtung. "Ihr Text hat eine sehr starke und eine eher schwache Seite", bescheinigte er einem Redakteur. "Er fängt eher schwach an und fällt dann sehr stark ab."

Er konnte gern gemein sein, genoss den Schrecken, den er verbreitete. Victor Schuller, sein Stellvertreter und Weggefährte seit 1943, saß im Zimmer gegenüber, ein Gentleman, die Ruhe selbst. "Die Leichenteile, die aus Nannens Büro fielen, hat er wieder zu Menschen zusammengesetzt", erinnert sich noch heute ein dankbarer Kollege.

Dabei war der Berserker, wenn er nur wollte, ein Ausbund an Charme, ein Zuhörer, ein Bonvivant und Genussmensch, offen für Abenteuer und, wie wir es auch in der gerade erschienenen liebevollen Biografie seiner Enkelin Stephanie Nannen nachlesen dürfen, den Frauen zugetan. Drei hat er geheiratet: 1940 die elf Jahre ältere Edita Zedlitz, eine Schneiderin aus Magdeburg, 1947 Martha Kimm aus Kronstadt in Siebenbürgen, die Mutter seines Sohnes Christian Peter Klaas, und, nach ihrem Tod, 1990 Eske, die Tochter eines Jugendfreundes in Emden.

Henri Nannens Leben für den stern ist eine einzige große Erzählung, Romanstoff, filmreif. Sie beginnt 1948. Aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft entlassen, hat er mit viel Glück von den Briten die Lizenz für Zick-Zack an Land gezogen, eine Jugendzeitschrift, die er im Tanzsaal der Gaststätte Felsenkeller im niedersächsischen Bad Pyrmont produziert, wenn dort mal gerade nicht geschwoft wird. Nach wenigen Wochen gelingt es ihm, die Engländer davon zu überzeugen, dass der Name Zick-Zack doch irgendwie an das "Zicke zacke hoi hoi hoi" der Hitlerjugend erinnert. Er will das Blättchen stern nennen. Am 1. August 1948 erscheint die erste Ausgabe, 16 Seiten stark, für 40 Pfennig. Von der Jugendpostille ist nichts übrig geblieben. Die Titelseite zeigt die junge Hildegard Knef, eine Schöne, verträumt im Heu. 130.000 Exemplare werden gedruckt, die Hälfte bleibt liegen.

Hannover, nicht Hamburg, ist die Kinderstube des deutschen Magazinjournalismus. In einer Theaterpause von Thornton Wilders Wir sind noch mal davongekommen lernt Nannen dort den jungen Rudolf Augstein kennen, Chefredakteur des eben lizenzierten Spiegels. Er zieht zu ihm ins Anzeiger-Hochhaus, in Fritz Högers prachtvollen Backsteinbau im Stil des Art déco, der wundersamerweise in der zerbombten Stadt erhalten geblieben ist. Natürlich gibt es nichts. Keine Schreibmaschinen, kein Heizmaterial, keine Glühbirnen. Mit Martha ist er im Lkw samt Anhänger unterwegs in den Wäldern. Sie laden Holz, um es den Papiermühlen vor die Tür zu fahren. Papier ist knapp, und ohne Papier kann der stern nicht erscheinen. Besonders schwierig aber ist die Suche nach weitsichtigen Investoren.

Die Henri Nannen Verlag GmbH balanciert am Abgrund. Außer dem Gründer sind an dem fragilen Start-up-Unternehmen ein Elektrohändler aus Duisburg und die Essener Nationalbank beteiligt. Und die will aussteigen. Aus Hamburg naht Rettung. Gerd Bucerius, Rechtsanwalt und Verleger der schon 1946 gegründeten Wochenzeitung DIE ZEIT, und sein Mitgesellschafter Ewald Schmidt di Simoni erwerben für 17.500 Mark je 25 Prozent der Anteile. Bucerius holt Nannen und seinen stern nach Hamburg.

Ein merkwürdiges Paar hat sich da gefunden. Bucerius, der konservativ-liberale Anwalt, CDU-Abgeordneter in Bonn, und Nannen, der nicht weniger streitbare, kaum zu bändigende Journalist – politisch bald auf einem anderen Stern. Beide triezen sich, wo sie können, knallen Türen, beschießen sich mit ätzenden Hausmitteilungen und sind einander bei gegenseitigem Respekt drei Jahrzehnte lang in herzhafter Streitlust verbunden.